Langsamer…

Bevor ich Hormone nahm, las ich viel. Immerhin hatte ich ja genug Zeit. Anders als die meisten TG musste ich über zwei Jahre auf meine Indikation warten und danach eine halbe Ewigkeit, bis ich einen Endkrinologentermin bekam. Ich las unglaublich viel. Zahlreiche Trans posteten fast täglich Fotos mit ihren Erfolgen und berichteten über das Ziehen in der Brustgegend. Andere klagten über schwere Depressionen und die Libido schien bei allen auf Null zu gehen.

Das (fast) einzige, was ich bemerke: mein Bartwuchs ist langsamer. Aber wirklich nur der. Und meine Sehstärke hat sich ein wenig verändert, sodass ich seit ein paar Tagen ohne Brille herumlaufe – was ich seit ich Teenie war nicht mehr konnte.

Kein Ziehen in der Brust, keine Müdigkeit, kein Schwächegefühl, keine kleinere Libido,… Ein wenig Enttäuschung macht sich breit, wenn der Bartwuchs nicht wäre. Ich, die sich teilweise zweimal rasieren musste, um Abends noch annäherndes Passing hinzubekommen, kann mich am Abend ans Kissen kuscheln, ohne zu kratzen. ich fühle mich – wenigstens im Gesicht – nicht mehr so extrem männlich an. Von meinem yetiartigen Körperhaar spreche ich lieber nicht, da merke ich noch keine Veränderung.

Es ist Sonntag und ich wollte eigentlich ein paar wichtige Themen ansprechen, aber ich habe den Tag damit verbracht, mit meinen Kindern zu kuscheln und auch so, den Tag ein wenig zu genießen. Ein wenig ist es so, dass ich mein Leben bewusster wahrnehme, seit ich einfach ich bin.

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Wegen Realität ein wenig anders als sonst…

Gestern erschien meine Kolumne bei Terrorpüppi. Erstmals durfte ich über mein Leben in und mit der Familie schreiben und mein „Hauptthema“ ist im Hintergrund. Es ist eine sehr erfreuliche Erfahrung und ich bedanke mich nochmal bei Jessi von Terrorpüppi für diese Möglichkeit.

Tja, mein Alltag mit Familie war gestern auch reichlich turbulent. Bei Eiseskälte mit Kind und Kegel zum Garten fahren und dabei die Handtasche im Bus verlieren… alles typisch ich. Aber abgesehen davon suche ich nach einer Möglichkeit, dem Blog eine eigene visuelle Note zu verpassen. Ich will nicht ständig Fotos machen, also skizziere ich vor mich hin, um etwas persönliches zu schaffen… Mal sahen, was rauskommt.

Und jetzt stürze ich mich in die Realität meiner Familie. Denn auch, wenn ich derzeit in meiner zweiten Pubertät stecke, ist der Alltag mit kaputtem Herd und gebrochenem Spülmaschinen-Unterkorb gerade sehr packend 😉 Ach ja, das Thermostat der Heizung zeigt 5° zu wenig an und entsprechend…

… ich komme im Moment nicht dazu, über meine Transsexualität nachzudenken und das tut sehr gut. Denn ich bin einfach ich.

Noch zweimal rasieren, ähem schlafen bis….

Neulich hatte ich angekündigt, dass ich eine Kolumne schreiben darf. Seit heute ist die Ankündigung offiziell auf Terrorpüppis Blog zu lesen. (Für alle neugierigen Leser, in der Vorstellung ist sogar ein Foto von mir zu sehen)

Die Einladung, die Kolumne „Ninas Kaffeesätze“ zu schreiben war etwas ganz besonderes, denn obwohl Jessi von Terrorpüppi von meiner Transsexualität weiß, fragte sie mich, ob ich über Familie schreiben kann – über die doch etwas andere Situation einer Regenbogenpatchworkfamilie.

Vorerst sind drei monatliche Beiträge geplant (allerdings habe ich schon Ideen für mindestens drei weitere), die jeweils am 13. des Monats erscheinen.

Also Jessi: auf gute Zusammenarbeit 🙂

Für mich bist du eine echte Frau…

also ehrlich, wenn ich den Satz höre, denke ich mir manchmal meinen Teil. Das klingt vielleicht unfair, aber diese Worte dienen oft als Einleitung für eine Frag, die meist unter die Gürtellinie zielt. Aber ich will einmal nicht mit festgefahrenen Gedankenmustern verfahren, sondern Euch ein paar Beispiele aus meinem Alltag geben:

Stellt Euch vor:

  1. Ihr geht mit mir Shoppen. Ich will Dessous kaufen, die Verkäuferin bedrängt mich mit „darf ich ihnen helfen“ und anderen Floskeln und lässt sich von mir nicht abwimmeln.
  2. Ihr geht mit mir in ein Restaurant. Ich gehe auf die Damentoilette. Ich höre, was die Personen am Nebentisch sagen, als ich zurückkomme.
  3. Ich gehe ins Schwimmbad. Dusche, gehe zum Schwimmbecken, werde verspottet. Als die Gäste nicht aufhören, sage ich dem Bademeister bescheid. Er meint, das könne er nichts machen.
  4. Ich will zur Damensauna.

Ich finde es toll, wenn Menschen mich einfach als Mensch behandeln, wenn ich mich nicht explizit männlich oder trans fühle. Aber ich kann mich in dieser Welt nicht wie eine „Echte Frau“ (was für eine Formulierung), denn ich werde vom Großteil der Bevölkerung nicht wie eine Frau behandelt.

den Punkt 4 will ich einmal erleben. Echt. Daher habe ich an den Betreiber des Schwimmbades eine e-Mail geschrieben:

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich bin in einer, sagen wir, komplizierten Situation. Ich möchte gerne in die Sauna, da meine Erfahrungen mit Männern aber alles andere als gut sind, würde ich gerne die Damensauna besuchen. Das ganze ist eigentlich nicht kompliziert, außer, dass ich transident bin – also eine Frau bin, die einen Körper mit männlicher Anatomie hat. Ich lebe seit mehreren Jahren auch offen als Frau, habe meine Namensänderung und Geschlechtsänderung (mit allen erforderlichen Gutachten) auch schon im **** 2015 vorgenommen. Ich möchte demnächt die Damensauna im *** besuchen – trotz der männlichen Anatomie. Eventuell sollten Sie ihre Mitarbeiter zum Thema Transsexualität aufklären, damit diese auf meinen Besuch vorbereitet sind.

Mit freundlichen Grüßen
Nina

Ich bin gespannt, ob ich einen Ausweis vorlegen muss… Beweisen muss, dass ich Frau bin… oder ob ich einfach so rein darf oder gar nicht rein darf. Über die Jahre habe ich gelernt, mich vorzubereiten und nicht davon auszugehen, dass ich mit offenen Armen empfangen werde.

Warum ich nicht mit Gewalt re-agiere…

Heute schrieb ich bei Twitter:

//platform.twitter.com/widgets.js Daraufhin kamen einige Replies/Kommentare, die meinten, ich hätte dem Kerl eine auf’s Maul hauen sollen.

Tja. Ich halte nichts von Gewalt. Abgesehen von den Konsequenzen wie Schmerzensgeld und möglicher Vorstrafe wegen Körperverletzung…. ich glaube nicht an Gewalt. Egal, wie doof jemand auf mich reagiert, wie herablassend jemand mich behandelt: ich werde nicht mit Gewalt reagieren. Das liegt nicht daran, dass ich mich nicht wehren könnte (80kg Gewicht mit dem richtigen Schwung, kann schon ordentlich wumsen) es liegt daran, dass ich nicht glaube, dass Aggression durch Gegenaggression entschärft werden kann.

Jaden Tag begegnen mir Menschen ablehnend und auch feindselig. In Wirklichkeit kann ich das nie verstehen. Was andere Menschen mit meiner Kleidung, meinem Make-Up, meiner Figur oder meinem Geschlecht zu schaffen haben, habe ich nie verstehen können. Das maximale, das ich anderen Menschen an Körperkontakt entgegen bringe ist eine helfende Hand.

Aber: es ist nun mal so, dass täglich über mich getuschelt und gelacht wird. Ist halt eine Kleinstadt. Transsexualität ist nun mal was „nicht alltägliches“. Betrachten wir das mal genauer: angeblich sind Großstädte so anonym und Kleinstädte haben mehr Persönlichkeit. – ich habe festgestellt: Spott gibt es hier und dort.. Und für mich ist Frau-sein alltäglich. Die meisten menschen in unserem Kuhkaff müssten mich inzwischen schon einige hundert Male gesehen haben.

Ich glaube nicht daran, dass ich allein bin. Ich glaube, dass viele Transfrauen und Transmänner täglich Spott und Hass erleben. Wehrlos einer Gesellschaft ausgeliefert, die sich weigert, andersartige einfach als Menschen zu sehen. Aber Gewalt löst da gar nichts. Kein Faustschlag, kein Tritt, kein fliegender Stein macht auch nur einen einzigen Menschen toleranter.

Neulich sagte ein Kind zu mir: „Du sprichst aber nicht wie eine Frau.“ – „Oh, wie muss eine Frau denn sprechen?“ – wir unterhielten uns und sie meinte, meine Stimme klinge furchtbar, wenn ich hoch spreche und irgendwann waren meine Schuhe das Thema. Ich glaube daran, die Welt zu verändern, indem man den Menschen die Möglichkeit gibt, ihren Blickwinkel zu verändern. Jugendliche, die mich anpöbeln frage ich oft, ob sie sich ihr Geschlecht aussuchen konnten. Manchmal erkläre ich einfach was die Schimpfworte bedeuten…. „Transe ist eigentlich ein Schimpfwort für Transvesiten und Männer, die als Fetisch Damenkleidung anziehen – sehe ich irgendwie sexuell erregt aus?“

Ich bin ein Kind der Aufklärung und ein wenig Kind des gewaltfreien Widerstandes 😉 am liebsten kämpfe ich mit den Waffen einer Frau: Raffinesse, Intelligenz und Wortgewandtheit.

Ich darf…

Es gibt Angebote, die ich kaum ablehnen kann. Dazu gehört, wenn jemand 1-2 meiner Texte kennt und mich einlädt einen Gastbetrag für einen Blog zu schreiben.

Jessi von Terrorpüppi sprach mich neulich an. Sie fragte, ob ich nicht Lust hätte eine Kolumne über die besondere Familiensituation zu schreiben. Nach sehr kurzer Bedenkzeit (ein paar Minuten) sagte ich ja. Am 13.10.2015 ist es soweit: dann bin ich Kolumnistin.

Auch unrasiert bin ich Frau…

Am Wochenende hab ich Erholung verdient. Meine Haut auch. Jeden Tag gründlichst rasieren und gleich darauf jede Pore mit dickem Make-Up zuspachteln, belastet einfach die empfindliche Oberfläche im Gesicht. Ich kann so nicht vor die Tür gehen. Die Menschen, die einen bärtigen, maskulinen Menschen sehen, sehen darin keine Frau. Und das belastet mich dann sehr.

Jede Frau kann auch mal ungeschminkt zuhause rumlaufen und mal im Schlafanzug ein Paket entgegegn nehmen. Der Paketbote lächelt dann ein wenig, beide sind peinlich gerührt, er verabschiedet sich „Bis morgen, Frau XY“ und alles ist gut. Das kann ich nicht. Selbst gut geschminkt und in femininen Klamotten, werde ich nicht als Frau angesprochen. Unrasiert schon mal garnicht. „Herr…“ – das ist der Moment, in dem die innere Prinzessin gegen die Schädeldecke kotzt und heulend weg läuft.

Wenn jemand sich Mühe gibt, wie eine Frau auszusehen, dann ist es einfach höflich, diese Person als Frau zu behandeln. Im Zweifelsfall fragen: „Verzeihung, wie darf ich Sie ansprechen?“

Unrasiert gehe ich nicht vor die Tür. Nicht, weil ich unsicher bin, nicht, weil ich mich dann nicht als Frau fühle, sondern einfach, weil die Menschen, die mich sehen, mich nicht als Frau wahrnehmen und behandeln.