Im Wartezimmer…

Gerade sitze ich mit meinen zwei kleinen im Wartezimmer beim Kinderarzt. Wenn ich beim Kinderarzt bin, sind meine Gedanken bei meinen Kindern. Meistens ist mindestens eines krank und da habe ich nichts anderes im Kopf.

Nun, ich weiß, wie ich aussehe. Ich weiß, dass ich auffalle. Ich weiß, dass ich Blicke auf mich ziehe. Aber im Wartezimmer überrascht es mich immer wieder, dass ich angestarrt werde. Während sich meine Kinder mit dem Spielzeug beschäftigen, sitzen manche Eltern da und fixieren mich.

Ich lächle zurück. Und dann schaue ich meinen Kindern zu, die gerade mit Magnetbuchstaben „WANTED“ und „SPIDERMAN“ schreiben.

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Ein schweres Thema…

Ich habe lange überlegt, ob ich dieses Thema im Blog erwähnen soll, aber heute ist etwa passiert, das mir die Entscheidung leicht macht. Ja, ich schreibe heute über Politik.

In Hessen waren heute Wahlen und die AfD hat erschreckend viele Stimmen erreicht. Erschreckend, weil das Wahlprogramm der AfD, wie die anderer rechtspopulistischer Parteien, an das der Nationalsozialisten erinnert.

Die besorgten Mitbürger und ihre politischen Vertreter bekunden laut, was sie von Menschen halten, die nicht ins Bild passen. Ausländer, Homosexuelle, Andersdenkende, Nichtchristen sind erklärte Gegner der konservativ orientierten Gemeinschaft.

Ich bin für Meinungsfreiheit und freie demokratische Wahlen. Sorgen muss man äußern dürfen. Aber nicht nur die Sorgen vor halal Fleisch und gendern.

Mir ist egal, ob eine Bürgerwehr oder eine Sharia Polizei durch die Straßen patrouilliert, denn beide haben für Menschen, wie mich nur Hass und Gewalt übrig. Und wenn eine rechtspolulistische Partei in der Regierung sitzt, haben Bürger, die selbst für Recht und Ordnung sorgen, kaum juristische Konsequenzen zu befürchten.

Ich schreibe diese Gedanken und veröffentliche sie, weil ich nicht schweigend zusehen will. Vor dem zweiten Weltkrieg war die Lage der heutigen sehr ähnlich und angeblich hat niemand etwas gewusst. Ich weiß, was jetzt passiert und ich stelle mich mit allen legalen Mitteln dagegen. Ich wehre mich, weil ich Familie habe und ich nicht will, dass die Namen meiner Kinder irgendwann auf Stolpersteinen stehen. Ich wehre mich, weil ich nicht will, dass in Deutschland wieder Menschen verschwinden. Ich werde nicht schweigen.

Ich sage NEIN zu Nazis.

Typisch Transfrau…

Angeblich sei ich ganz anders, als man sich mich vorstellt. „Inwiefern anders?“, frage ich zögerlich. Na, eben anders. So in Hose und ohne Schmuck und überhaupt, ich wirke gar nicht wie eine Transe – ups, eine Transfrau. Ich frage nach, was ich denn falsch machen würde, ich würde irgendwie schon gerne als typisch wahrgenommen werden. Mein Gegenüber schweigt. Ich weise auf meine Ohrringe hin. Noch immer Schweigen.

In meinem Kopf gibt es kein Bild, wie eine Transfrau auszusehen hat. Ich muss zugeben, ich habe auch kein besonders ausgeprägtes Bild für Männer, Frauen,… Irgendwie glaube ich an die individuelle Entfaltung der Persönlichkeiten viel mehr, als ich an Klischeebilder glaube. Dennoch versuche ich, mir vorzustellen, was an mir nicht dem typischen Bild entspricht. Zugegeben, ich trage wenig Schmuck und mein Bartschatten kommt ab 13 Uhr durch jedes Makeup durch, im Winter ziehe ich Hosen anderen Beinkleidern vor und meine Körpersprache hat wahrscheinlich einen gewissen ungelenkten, grobmotorischen Charme. Tja, und meine Stimme ist stimmbruchgeschädigt und durch zu viele Jahre Rauchens sicher nicht feiner geworden.

Ich frage nach. „Na, du sprichst so normal und deine Kleidung ist so…“ – „… so?“ – „Weißt du, bei Transfrauen, denke ich immer an Perücken, Blümchenkleid und riesen ausgestopfter BH.“

Mein Gesicht will den Kopf auf die Tischplatte hämmern. Blümchenkleid werde ich nicht so leicht anziehen. Nein, solche Stoffe gefallen mir einfach nicht und Schnitte für meine Figur zu finden, wäre ohnehin schwer. Und mein Busen ist wie er ist. Vielleicht kommt ja noch was, aber ich werde nicht künstlich Dekolleté vortäuschen. Wahrscheinlicher ist, dass ich den Bauch einziehe. Und Perücken sind mir einfach nicht angenehm.

Und ich spreche so normal. Das muss ich mir auf der Zunge zergehen lassen. Typische Transfrauen sprechen also nicht so normal. Gut, ich habe inzwischen einige andere Transfrauen gehört und viele versuchen ein wenig höher zu sprechen, macht das eine typische Transfrau aus?

Ich muss mal was gestehen: ich kenne nicht eine typische Transfrau, ich kenne dafür aber viele tolle Frauen.

Ein Versprechen…

Meine Bartstoppel kratzen. Ich sitze am Esstisch und streiche über meine Wange. Das Gefühl fand ich immer schon fürchterlich. Wenigstens ist der Rest meiner Haut gerade ziemlich glatt. Den halben Vormittag habe ich damit zugebracht, die Haare von Beinen, Bauch, Schultern, Brust und Armen zu rasieren. Jetzt ist Abend, an der Brust kratzt die Kleidung schon leicht, aber es geht.

Mein Körper hat viele testosteronbedingte Folgeschäden. Breite Schultern und kein Hintern, ein Adamsapfel mit zugehöriger Bassstimme und Haare, überall dort, wo sie nicht sein sollten, aber nicht so viele am Kopf – abgesehen von Augenbrauen, Bart, Nasen- und Ohrplüsch.

Ja, die Hormonbehandlung verändert einiges. Aber die Knochen bleiben und der Haarwuchs verändert sich nur minimal.

Ja, ich habe Brüste bekommen, eine angenehme Größe sogar. Das ist da Highlight.

Ja, ich könnte mir den Bart und das Dekolleté enthaaren lassen.

Aber ich frage mich: was verändert sich, wenn ich mich dieser langwierigen, schmerzhaften Behandlung unterziehe? Ich meine, ich hätte gerne glatte Haut, aber zu welchem Preis? Meine Familie akzeptiert mich so, wie ich bin. Und Außenstehenden gegenüber werde ich nicht mehr Passing haben, nur weil ich weniger Haare auf der Brust und im Gesicht habe. Vor allem bin ich am Ende der Behandlung schon über fünfzig…

Okay, wenn ich alt bin und auf fremde Hilfe angewiesen, hab ich keinen Bart, auch wenn der Pfleger keine Zeit hat, mich zu rasieren.

Aber in Wirklichkeit sind das alles nur Äußerlichkeiten und angeblich zählen ja die inneren Werte.

Die inneren Werte zählen wirklich, nämlich da, wo man Menschen in virtueller Umgebung, in sozialen Netzwerken trifft. Da bin ich auch einfach Frau. Da kommen kaum Beleidigungen und selbst Fragen sind selten. Aber in face to face Begegnungen zählt die Oberfläche viel.

Ich mag oft nicht unter Menschen. Wahrscheinlich wäre das leichter als alles Makeup, Haarentfernung, Haarteil und der Rest meiner alltäglichen Maske.

Als ich begonnen hatte, meine männliche Maske abzulegen, habe ich mir geschworen, dass ich die eine Maske nicht durch eine weibliche ersetzen werde. Ich versprach mir, dass ich ich werde, nicht eine Frau, die andere Menschen sehen wollen. Dieses Versprechen habe ich nicht ganz eingehalten und das tut mir leid.

Morgens in der Öffentlichkeit…

Morgens denke nicht viel. Wenn mein Bedürfnis nach Kaffee gestillt ist, durchlaufe ich halbautomatisch die Prozedur aus Rasur, Schminken und Haare möglichst wetterbeständig formen. Morgens denke ich nicht viel. In meinem Kopf haben lediglich wenige Themen Platz: die Kinder sicher zu Kindergarten und Schule zu bringen, eventuell gehe ich auch noch den Einkaufzettel durch, aber sonst entspannt sich mein Gehirn ziemlich. Morgens denke ich wirklich nicht viel.

Und dann treffe ich auf andere Menschen. Spätestens wenn ich mit den Kindern im Bus Plätze suche, treffen mich die Blicke. Freundliche Blicke, müde Blicke, leere Blicke und verletzende Blicke. Ich habe über die Jahre gelernt, diese Blicke als das zu nehmen, was sie sind: alltägliche Nebensächlichkeiten. Es sind nur Blicke.

Wenn allerdings ein Gesichtsausdruck versteinert auf mir liegen bleibt, dann beginne ich, mir Gedanken zu machen. Ich frage mich nicht, was die Person über mich denkt. Verwunderung, Ablehnung und Abneigung verstecken Menschen nur schlecht. Ich denke darüber nach, wie ich die Person auf ihre Unhöflichkeit hinweisen kann, ohne sie zu verärgern. Plötzlich denke ich über die Gründe für die Ablehnung nach. Und ich merke, dass ich die Person anlächle. Man könnte meinen, dieses einfache Zeichen würde klar vermitteln, dass ich sehen kann, dass und vor allem, wie ich angesehen werde, aber das passiert selten.

„Schauen Sie ruhig, davon geht es nicht weg“, höre ich mich sagen. Nicht nur ich höre das, der halbe Bus ändert schlagartig die Blickrichtung. Erstaunlich, dass die Menschen sich betroffen abwenden, die mir gar nicht auffielen. Nur eine Person starrt erschrocken. „Es nennt sich Transsexualität. Einfach gesagt bin ich eine Frau in einem männlichen Körper. Das geht vom hinschauen nicht weg“, ich warte kurz ab, „Ich werde davon auch nicht schöner. Ich habe es selbst versucht, aber leider passiert gar nichts.“

Danach schweige ich. Manchmal schauen die Personen mich versteinert an, manchmal wendet sie sich beschämt ab, aber unabhängig davon habe ich Ruhe.

Morgens im Bus denke ich an eine Tasse Kaffee und notiere im Kopf ‚Milch‘ für den Einkaufzettel.

Nein. Ein klares Nein zu Nazis.

Mein Leben besteht nicht nur aus einem Thema und auch mein Alltag wird nicht nur von Transsexualität geprägt. Daher möchte ich etwas zu einem Thema sagen, das mir sehr unter den Nägeln brennt.

Heute lese ich von Clausnitz. Flüchtlinge, darunter Kinder, wurden von sogenannten besorgten Bürgern in Empfang genommen. „Wir sind das Volk“, war eindeutig keine Begrüßung, die freundlich zu verstehen waren. Angeblich haben diese lauten Menschen Angst vor dem, was da kommt. Aber was ich sah, machte den Geflüchteten Angst, den Kindern Angst und es macht mir Angst.

Fremdenhass in dieser Form sehen zu müssen, erfüllt mich mit Scham, Angst und Unverständnis. Die rechten Parteien haben Programme, die dem der Nationalsozialisten verblüffend ähnlich sind. Wieder einmal wird die deutsche Kultur, werden die christlichen Werte über alles gestellt. Wo war der oberste christliche Wert, die Nächstenliebe denn? Wo war die berühmte deutsche Gastlichkeit?

In diesem Land sind viel zu viele Menschen stumm und sagen nichts. Ja, ich fürchte Nazis. Wie denn auch nicht? Ich bin ausländische, lesbische Transfrau, ohne Job, mit linken Ansichten und Verbindung zu Juden, Buddhisten und sogar Moslems. In den Augen der konservativen, besorgten Mitbürger bin ich ein gutes Feindbild.

Ich schweige nicht. Die aggressiven Menschen in Clausnitz sind die Spitze eines Eisberges. Ich lehne alle rechten Parteien, AfD, Pegida und ihre Ableger, alle Genderwahn-Schreier und Lügenpresse-Rufer ab.

Ja, ich bin dafür, dass Menschen ihre Ängste und Sorgen äußern dürfen. Aber nicht so. Ungefiltert Parolen zu schreien, Kinder zu bedrohen, Zäune errichten, Häuser anzuzünden, weil Geflüchtete dort einziehen sollen…. Das sind die DEUTSCHEN, CHRISTLICHEN Werte, die ich jeden Tag lesen muss. Und da helfen keine Lügenpresse Rufe, denn die neuen Nazis sind auf ihre Taten stolz.

Ich bin dagegen, dass diese Entwicklung die Zukunft Deutschlands bestimmt.