Ein Interview…

Meine Frau und ich wurden eingeladen, ein Interview zu geben. Themen: Coming out, Zusammenleben, Familie… Was dabei rauskam, könnt ihr hier lesen:

http://fruehesvogerl.blogspot.de/2016/02/ich-sagte-ihr-in-etwa-dass-ich-mich-in.html

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Nina telefoniert…

Ich stehe an der Spülmaschine, auf der Couch schläft ein erkältetes Kind, das Telefon klingelt.

„Guten Tag, Firma XY. Könnte ich Frau H. sprechen?“
„Tut mir leid, Frau H. ist gerade in der Arbeit. Worum geht es denn?“
„Ach so. Sind Sie Herr H.?“
„Nein.“
„Oh. Ist Herr H. da?“
„Nein, der Exmann meiner Frau ist nicht da. Darf ich denn fragen, worum es geht?“
„Könnte man Frau H. denn erreichen?“
„Also: meine Frau, Frau H.-J. arbeitet. Herr H. ist ihr Exmann. Ich bin Frau J. und mit Frau H.-J. verheiratet. Ich weiß, ich habe eine tiefe Stimme, das liegt daran, dass mein Körper nicht so weiblich ist, wie ich. Ich kann Ihnen das gerne alles erklären, wenn sie viel Zeit haben, aber der Einfachheit halber: ich bin transsexuell. Sie können gerne ein anderes mal anrufen und wahrscheinlich erreichen Sie mich dann wieder. Oder sie sagen mir ihr Anliegen, dann notiere ich es für meine Frau.“
„Oh. Also – Schweigen – können Sie ihrer Frau sagen, dass der Trainingsanzug ihres Sohnes geliefert wurde?“

Patchworkfamilie und Transfrau, das überfordert die Dienstleister oft. Ich notiere „Trainingsanzug abholen“ und räume die Spülmaschine fertig ein.

Gedanken…

Ich könnte oft den ganzen Tag über den Zustand meckern. Meine Libido ist kaputt, meine Brüste sind winzig und haarig, überhaupt bin ich borstig…

Könnte ich sicher tun, immerhin beschäftigen mich diese Gedanken fast ständig. Aber ich habe keine Lust auf motzen und jammern.

Ich habe begonnen Sport zu machen. Diejenigen, die mich persönlich kennen, wissen, wie unwahrscheinlich das ist. Einerseits ist es eine Entscheidung aus Vernunft, um der Veränderung der Muskulatur entgegenh zu wirken, andererseits einfach die Erkenntnis, dass mein Körper Bewegung braucht, damit ich im Frühling im Garten richtig anpacken kann.

Mein erster Versuch war Shred, ein sehr interessantes, gut abgestimmtes Fitnessprogramm, dessen Erfinderin ich nach wenigen Tagen zu hassen begann. Inzwischen bin ich bei dabei Yoga für Anfänger kennen zu lernen. Meine Muskeln sind echt deutlich schwächer geworden (wodurch meine Schultern einiges weiblicher wirken) und ich will nicht unbedingt Muskelmasse aufbauen, aber Kraft. Naja, wahrscheinlich muss ich ein paar Methoden kombinieren… Auf jeden Fall habe ich vor weiterhin jeden Tag ein wenig zu trainieren.

Ein Blick zurück, ein Blick nach vorne…

Heute habe ich für ein Interview, dass meine Frau und ich geben durften,  Fotos gesucht. Zwar suchte ich hauptsächlich Bilder, auf denen wir gemeinsam sind, aber natürlich ist so ein Fotoordner bunt gemischt. Und so stolperte ich über Modesünden, Peinlichkeiten, aber vor allem: über meine Entwicklung.
Für mich kaum vorstellbar: bereits 2014 machte ich erste Schritte in der Öffentlichkeit. Meinen Bart hatte ich zuletzt im September 2014. Ich konnte sogar sehen, wie anders ich meine Haare (mit dem selben Haarteil) inzwischen richte.

Teilweise musste ich lächeln, teilweise seufzen und am Ende war ich erstaunt, denn die Veränderung in den letzten anderthalb Jahren war die größte. Und ich bin noch immer am Weg. Es ist eine spanende Reise.

Nina_01_2016

Bist du gerne trans?

Ehrlich gesagt, ist das eine Frage, die ich manchmal höre und je nach Tagesstimmung sehr unterschiedlich beantworte. Ich muss dazu sagen, dass ich den Großteil meines Alltags nicht über trans sein nachdenke. Ich weiß nicht, wie es bei Euch ist, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendjemand von Euch im Alltag ständig an ihr/sein Geschlecht denkt. Also: den Großteil meiner Zeit ist mir trans sein komplett egal, weil ich es einfach bin.

Gehe ich in die Öffentlichkeit und erlebe heftige, ablehnende Reaktionen, dann kann sein, dass ich es verfluche trans zu sein. Aber das ist ja sicherlich nachvollziehbar. Ich glaube sogar, niemand steht auf Anfeindungen und Beleidigungen.

Gehe ich in die Öffentlichkeit und erlebe keine solchen Reaktionen, dann denke ich meist nicht übers trans sein nach. Ein wenig anglotzen und kichern passiert sicher, aber das blende ich inzwischen total aus.

Gehe ich einkaufen (vor allem Kleidung), dann verfluche ich ein wenig meine Anatomie und oftmals muss ich den freundlichem Verkaufspersonal erklären, dass ich kein hilfloses Wesen bin, aber trans sein ist nicht so ein großes Problem.

Vielleicht sollte ich dazu sagen, dass ich auf misgendering inzwischen einfach mit „nicht Herr, Frau“ reagiere, oder es als angewandte Dummheit einfach ignoriere. Da ich es täglich erlebe, habe ich mich einfach irgendwann dazu entschieden, es nicht persönlich zu nehmen. Diesen Tipp kann ich generell im Umgang mit Dummheit geben: drauf hinweisen und wenn es nicht aufhört: ignorieren.

Also bin ich gerne trans? Ich bin gerne Frau. Ich schaue in Katalogen die Röcke, Tops, Shirts und Hosen für Damen an. Ja, Frau bin ich gerne.

Liege ich allerdings nachts im Bett und drehe mich zur Seite, dann piekst seit ich Brüste bekommen, mein Brustbart in meine sensibler gewordene Haut. Dann wache ich ungewollt auf und fluche. Da wäre ich gerne Frau ohne trans. Tja, ich bin halt borstig, wie ein Igel 😉

Viel Platz…

Die letzte Nacht konnte ich nicht schlafen. Nicht vor Aufregung, sondern wegen Husten und Schmerzen. Also bin ich heute zum Arzt.

„Einen guten Arzt erkennt man an der langen Warteschlange“, sagte meine Oma mal und mein Hausarzt scheint entsprechend hervorragend zu sein. Im Wartezimmer gab es nur wenige Plätze, also setzte ich mich. Ich weiß nicht, was in anderen Menschen vorgeht, aber ich bin, wenn ich zum Arzt gehe, ausreichend mit mir beschäftigt und die anderen Menschen nehme ich eher am Rand wahr.

Ich saß da und die Patienten kamen schneller, als sie aufgerufen werden konnten. Einige standen sogar und eine Dame um die sechzig, saß auf einem Kinderstuhl. Erstaunlich: neben mir waren an beiden Seiten noch zwei Plätze frei (zeitweise sogar drei).

Nein, es liegt nicht an meiner Körperpflege oder dem Geruch.
Nein, ich rauche auch nicht und auch kein Knoblauchbaguette.
Nein, ich habe keine eitrigen Beulen im Gesicht.

Vielleicht sollte ich den Leuten sagen, dass Transsexualität nicht ansteckend ist.