Gedanken… 

Ich bin nachdenklich. Das Warten auf den Brief der Krankenkasse kostet viel Energie. Ich bin derzeit sehr oft müde und fühle mich kraftlos. Ja, ich weiß, das ist eine Depression und ich bin mir bewusst, wie gefährlich das sein kann. 

Aber im Moment bin ich einfach nicht ganz da. Ich mache keine großen Pläne, gehe den alltäglichen Aufgaben nur mühsam nach,… Ich habe keine Kraft. 

Genau an so einem Tag muss ich etwas am anderen Ende der Stadt erledigen und prokrastiniere indem ich Schuhgeschäfte abklappere – selbst das eher lustlos. 

Wenigstens die Busfahrerinnen sind nett und gesprächig. Ein wenig plaudern hilft, auf andere Gedanken zu kommen. Zumindest theoretisch. Jedes zweite Gespräch dreht sich um „wo fahrt ihr im Sommer hin?“ oder „wie geht’s dir mit dem Antrag?“ und schwupp bin ich wieder in der Schleife…

Zuhause mach ich mir frischen Kaffee… Und genieße die Stille, bis meine Kinder aus der Schule kommen 

Ungeplant… 

Diese Woche lief alles andere als geplant. Anfangs kamen nur Kleinigkeiten dazwischen, dann der überraschende Schulausflug gestern und heute Morgen verlautete der jüngste, dass er Bauchschmerzen hat.

Also war ich gestern als Begleitperson mit einer Horde Kindern unterwegs (und es hat reichlich Spass gemacht) und heute verbringe ich den Tag gerade damit, dass der von Bauchscherzen gereizte und von Langeweile gequälte Sohn nicht zu sehr leiden muss. Ich mache ihm Tee, spiele Uno, schaue irgendwelche Kinderserien mit ihm (er verlangt nach meiner Gesellschaft).

Homeoffice nennt sich dieses Konzept. Es ist eine sehr liebevoll klingende Beschreibung für die Fähigkeit von zuhause erziehenden Menschen, Arbeit zu leisten, während der Alltag von allen Seiten mit Überraschungen daher kommt. Frauen wären doch so gut in Multitasking, höre ich dann immer, wenn ich mir erlaube, mich über die Belastung zu äußern. Aber warum sind Frauen darin so gut? Ich habe den Verdacht, das liegt daran, dass es einfach sein muss… Kinder hüten, Arzttermine jonglieren, Schulranzeninhalte im Kopf behalten, Freizeitplanung betreiben und nebenbei den Haushalt und die Arbeit auf die Reihe bekommen. Ich habe ja das große Glück, dass ich mir meine Arbeit – sowohl das Schreiben, als auch das Nähen – recht frei einteilen kann. Kein Chef macht mir Druck und ich habe für alles einen ziemlichen Buffer. Aber manchmal, wenn ich außer den Alltäglichkeiten nichts schaffe, frage ich mich: wie könnte ich jetzt noch was schaffen, etwas produktives… arbeite? Ich könnte es an vielen Tage nicht, ohne an anderen Stellen Abstriche zu machen.
Ich räume jetzt den Staubsauger weg, trage den Müll runter, hole die Post hoch und dann versuche ich die nächsten Teile zuzuschneiden… sofern mein Kind nicht meine Aufmerksamkeit braucht. Denn wenn er mich braucht, dann muss ich halt am Wochenende nacharbeiten….

Was heißt es, zu gewinnen?

In diesem Land gibt es eine Kultur des Wettkampfes. Schneller, höher, weiter. Und nur die ersten sind die Sieger. Nur, wer am Ende eine Medaille, einem Pokal, eine gläserne Schüssel in den Händen halten kann, hat gewonnen. Das olympische Prinzip: Dabei sein ist alles, zählt in der Realität nicht. Wer Finale nicht gewinnt, hat verloren. Punkt. Kennt man von jeder WM.

Oh, wie traurig ist diese Haltung. Ich verstand das noch nie. Wahrscheinlich, weil ich mit einem sportlichen Talent gesegnet bin, mit dem ein vorletzter Platz schon ein persönlicher Erfolg war. Meine Fresse, was war ich glücklich, als ich mal nicht den letzten Platz beim Jugendskitag hatte – genau in dem Jahr, als es zum ersten Mal für den letzten Platz einen Trostpreis gab.

Ja, ich hab die Kunst der Niederlage von der Pike auf gelernt.
Aber was heißt gewinnen? Ich frage das, weil ich mich gestern als Siegerin fühlte. Gestern, als ich in einem Raum mit unglaublich vielen Frauen saß und Finalistin beim #emotionAward2017 war. Ich war eine der 15, die aus 174 Kandidatinnen ausgewählt wurden, eine der drei Frauen der Stunde, eine von wenigen… und ich fand und finde, das ist ein echter Erfolg.

Was bedeutet der EMOTION award für mich? Es ist ja nicht so, dass jede*r weiß, was das für ein Preis ist. Und gewonnen habe ich ja obendrein nicht. Für mich war die Nominierung eine sehr große Überraschung. Ich war in einer Gruppe von Frauen nominiert – den Frauen der Stunde. Inmitten von großartigen Projekten, von beeindruckenden Persönlichkeiten genannt zu werden… Als eine von ihnen, das berührte mich. Es ist ein Preis, nur für Frauen. Und das berührte mich. Und plötzlich war ich sogar im Finale, neben Dunja Hayali und Christine Finke war ich – ich, die Frau, die nie ein Mädchen sein konnte.

Im kleinen schwarzen stand ich gestern am roten Teppich, stand im Licht von Blitzlicht und Scheinwerfern,… ich, im Kleid. Ein Traum, der vor ein paar Jahren noch nicht mal ein Traum war.
Ja, ich habe gewonnen. Zwischen all diesen Frauen zu sein, anerkannt und respektiert, das ist mein Pokal. Mit den anderen Finalistinnen bis weit nach Mitternacht zu feiern, das ist meine Medaille. Eine von ihnen zu sein, eine Frau der Stunde – das ist meine großer Sieg… award hin oder her. Ich fühle mich als Siegerin und nehme diese Energie mit,… hoffentlich gibt es mir Kraft, wo ich sie brauche.

Über Tastentöne, Dampf und Dinge, die das zusammen leben schwer machen…

Ich fahre echt gerne mit der Bahn. Das soll keine Werbung sein, sondern eine kleine Liebeserklärung an mein liebstes Verkehrsmittel. Ich habs nicht so mit Autos und trotz aller Erfahrungen mit Verspätungen und Ausfällen von Zügen ist meine Erfahrung mit der Bahn sehr positiv.

Was mich stört sind die Menschen. Laute Menschen, Menschen, die ihre Koffer und Taschen nicht ordentlich verstauen, Menschen, die Müll liegen lassen und Menschen, die parfumiertes Liquid dampfen. In der Regel bin ich in der Bahn Misantrop.

Wäre da nicht diese junge Lehrerin, die mir von ihrer Schülerin erzählt, die trans ist. Sie stellt mir Fragen, interessiert sich und, was mich am meisten beeindruckt: sie denkt darüber nach, wie sie ihre Schülerin unterstützen kann.

Da vergesse ich für ein paar Minuten die Tastentöne, den Schweißgeruch, den sich betrinkenden Fahrgast. Für einen Augenblick glaube ich an das Gute im Menschen und eine bessere Zukunft.

Kraftlos…

Ja, so fühle ich mich heute. Der Antrag bei der Krankenkasse läuft, der MDK wartet auf Antworten meiner Ärzte und ich warte auf eine Entscheidung… Mal etwas optimistischer, aber generell eher mit wenig Hoffnung. Hoffnung kostet zu viel Kraft. Im Moment bin ich einfach müde. Ich bin froh, dass die ganzen Termine hinter mir liegen und ich diese Woche nur noch eine Reise antreten muss, nein darf. Irgendwie freue ich mich schon auf die Gala beim EMOTION.award – ja, ich bin aufgeregt.

Nach dem Blinddarm meiner Frau ist ihr Krankenstand nun auch vorbei und ich bin ab Montag wieder den Großteil des Tages allein zu Hause. Werde ein paar Malkittel nähen und mich nach Möglichkeit beschäftigen.

Aber ich bin müde. Nicht wegen Schlafmangel. Mir fehlt die Energie. Jede Energie. Der Antrieb, die Motivation, die Kraft… ich bräuchte mal eine gute Nachricht wegen der Behandlung… eine echte Perspektive, aber darauf muss ich weiter warten. Warten warten, warten… Ich bin des Wartens müde.