Hormongesteuert… 

Ich schreibe jetzt mal nix. Meine 2. Pubertät hat einen Punkt erreicht, da dreht sich in meinem Kopf alles, wirklich alles um Sex, Intimität, Berührung und Befriedigung… (ich bin so froh, dass meine toys Akkus haben, sonst ginge mein Geld für Batterien drauf). 

Ich halte mich mit öffentlichen Äußerungen zurück,… Sonst kommt da nur Schweinkram raus! 

Unruhe…

Heute morgen fluchte ich vor dem Spiegel. Meine Haut macht nicht, was ich will und ich will nicht, was meine Haare machen. Sie wachsen und zwar an Stellen, die ich nicht als feminin betrachten kann, wenn sie behaart sind. Auf meiner Brust sprießt Brustbart und die Haut ist von der letzten Rasur noch immer so gerötet, dass sie schmerzt. Ja, ich heulte. War natürlich der perfekt Zeitpunkt, denn eigentlich wollte ich mich schminken, aber selbst wasserfeste Schminke lässt sich nicht auf nasse Augen auftragen.

Ich saß also zehn Minuten lang mit verheulten Augen am Badezimmerboden und versuchte mich zu beruhigen. Dummerweise ist genau das so schwer zu vermitteln, die Last, der Leidensdruck, der Punkt, an dem ich niedergeschlagen und zusammen gekauert in der Ecke sitze. Es ist insofern schwer, weil ich nach außen nicht zeigen will, dass es mich so trifft, weil ich nicht auf der Straße heulen kann und in dem Zustand auch keine Sachbearbeiter*in der Krankenkasse und keine Psycholog*in neben mir stehen habe.

Unruhig gehe ich in den Tag. Ich spüre meine Haut viel zu sehr, um sie auszublenden, spüre die Borsten im BH und denke mir: Himmel, wieso kann ich nicht einfach mit meinem Körper in Einklang sein?

Durchatmen, aufstehen, Krönchen richten und ein Lächeln auf die Lippen legen.

Mein ganz normales Chaos…

Letzte Woche brach mein Zeitplan zusammen. Als meine Frau ins Krankenhaus musste, und ihr Blinddarm raus genommen wurde… war klar: ich stecke im Chaos.

Chaos. Nein, meine Welt bricht nicht zusammen, aber meine Welt ist – wenn meine Frau nicht da ist- einiges chaotischer. Ich kann nicht wirklich gut einschlafen und ich finde meinen Rhythmus nicht… Ich bin froh, wenn ich den Alltag dann halbwegs hinbekomme.

Alltag. Eigentlich kann man den aktuellen Zustand nicht Alltag nennen. Derzeit überschlagen sich Termine… Schulfest, Interviews, Zahnarzt, Therapie und irgendwie scheint es so, als müsse alles vor den Ferien passieren. Die wenigen Tage im Kalender, die noch keinen Eintrag haben, sind zum durchatmen da.

Durchatmen. Als könnte ich das. Mein Kopf rattert derzeit ständig. Irgendwie habe ich das Gefühl, jeden Tag etwas zu vergessen, das ich am nächsten Tag nachzuholen habe. Aber gerade sitze ich an meinem (aufgeräumten) Schreibtisch und erledige die Schreibarbeit… Leider habe ich beim Computer-Crash vor ein paar Wochen doch ein paar Daten verloren und so hab ich ein bisschen Extra-Arbeit hier liegen.

Morgen kommt ein Fernsehteam. Eigentlich ist alles vorbereitet. Eigentlich steht der Ablauf fest. Eigentlich bin ich ganz ruhig. Eigentlich mag ich es, mit Presse zu arbeiten. Eigentlich sollte es kein Aber geben, aber: ich bin unruhig und habe tatsächlich ein wenig Lampenfieber.

Ehrlich gesagt, denke ich derzeit oft und viel an die Ferien… die Zeit, in der ich mir den Kalender bewusst frei halte. Bewusst mal ein bisschen weniger chaotisch sein will. Bewusst einen Gang zurück schalten werde.

Hausarzt, das Wartezimmer und die Illusion einer perfekten Ehe… 

Morgens ist es noch ziemlich kühl. An der Bushaltestelle sitzt meine Frau und ist wenig begeistert, weil sie nach der OP zum Arzt gehen muss. Ich begleite sie und wir vermitteln das Bild, das man von alten Ehepaaren kennt. Liebevoll führe ich sie an der Hand und sie ist wenig begeistert, dass sie meine Hilfe braucht.

Nach außen wirkt so ein Bild immer sehr romantisch. Dass wir uns auch in die Haare kriegen (besonders, wenn eine von uns etwas will und es nicht, wie gewünscht, passiert). Wir motzen und zicken hervorragend. 

Ein eingespieltes Team sind wir. Aber das Bild von Idylle und andauernder Harmonie, das manchmal von außen interpretiert wird, das ist eine Illusion. Wir führen eine ganz normale Beziehung. Wir sind zwei Individuen mit Dickkopf und nicht immer gehen die Vorstellungen in die gleiche Richtung.

Was wir aber machen: wir reden. Zuhören fällt nicht immer leicht, aber wir reden immer miteinander, wenn etwas zu klären ist. Manchmal reichen ein paar Sätze, manchmal diskutieren wir den halben Abend. Aber wir reden miteinander, immer wenn wir merken, dass etwas ungeklärt ist… Wenn ich eine meiner mimimi Launen habe… Wenn Stress uns zusetzt.

Wir reden direkt, offen und ohne Blatt vor dem Mund. Oft so lange, dass das Gespräch eine Wendung nimmt… Und meistens gelingt es uns, ein wenig Verständnis für die andere zu finden.

Wir leben Konflikte und wir leben Einigung. Wir führen eine ganz normale Beziehung, die manchmal unter nicht so ganz normalen Belastungen leidet.

Aber bitte vergesst das romantische Bild, wenn ich meine Frau an der Hand zum Arzt führe. „Du gehst zu schnell, boah, lass mich los…,“ sagte sie während ich sie an der Tür zum Hausarzt stützte. Wie ein altes Ehepaar 

Krankenhaus… 

Gestern hatte meine Frau Bauchschmerzen und im Endeffekt war sie statt beim Abendessen zu sitzen, im Krankenhaus und ist jetzt nicht mehr im Besitz ihres Blinddarms. Sehr zügig landete Sie unter dem Messer…

Heute morgen habe ich sie besucht. Für das Personal bin ich „der Besuch“… Alles, was vom Männlein-Weiblein Schema abweicht, passt nicht mehr in die Sprache. Es half auch nicht, dass ich meine Frau „meine Frau“ nannte… Ich blieb „der Besuch“.

Meiner Frau geht es einigermaßen gut… Sie ist müde, sieht aber deutlich besser aus als gestern.

Der Besuch hat ihr ein neues Buch gekauft und ist mal kurz zuhause. Denn der Besuch hat in der letzten Nacht nicht wirklich geschlafen (verdammt leer das Bett) und versucht ein wenig Haushalt hinzubekommen… Und eine halbe Stunde Schlaf gönne ich mir auch… 

Einkaufen… 

Heute war es sonnig und wir haben den Nachmittag im Garten verbracht. Irgendwann ging ich runter, zum kleinen Supermarkt ein paar Ecken weiter. An jeder Hand ein Kind und im Gedanken einfach bei den paar Kleinigkeiten, die wir zum Essen im Garten brauchen würden.

Im Garten trage ich kein Haarteil. Ich trage nen Hut, ein altes Hemd und eine bequeme Hose… Im Garten hab ich Freizeit und da ist das Makeup einfach auch mal verschmiert. Im Garten brauche ich kein Ballkleid…

Jedenfalls gehen wir zum Supermarkt und meine Kinder wollen Äpfel. Während sie sich die schönsten Äpfel aussuchen und mir beschreiben, warum sie genau diesen wählen, bin ich ein wenig abgetriftet. Zwei Frauen tuscheln und lassen mich deutlich spüren, dass ich ihr Thema bin. Ihre Blicke sind stechend und abwertend.

Ich atme durch und gehe mit meinem Kindern weiter. Aber die Blicke werde ich nicht los. Die Frauen haben ihr Gespräch beendet und eine der beiden geht ein paar Schritte hinter mir durch den Laden. Langsam fühle ich mich unwohl.

Meine Kinder lenken mich ab und irgendwann stehe ich an der Kasse. Die Dame noch immer hinter mir.

Wir packe die Einkäufe ein und bringen unseren Einkaufswagen zurück. Im Vorbeigehen zischt die Frau „Transe“ ich lächle sie an und sage „Guten Tag.“ ihr Blick ist kalt. An meiner Hand wird gezogen, ich muss gehen.

Am Rückweg erzählt mir der kleinste, dass ihm langweilig ist, während er einen kleinen Stein mit den Füßen immer wieder ein Stückchen weiter kickt. „Mir auch,“ erwidere ich. Mir auch. 

Vatertag. Der Tag, den ich nicht verstehe… 

Einmal ausschlafen. Zumindest war das der Plan. Aber irgendwie hatte ne Bande junger Trunkenbolde früh morgens  Sauflieder unter meinem Fenster angestimmt und meine letzte Möglichkeit auf Schlaf genommen.

Ich finde den Vatertag furchtbar. Nein, ich finde die Art und Weise, wie Männer hierzulande Vatertag feiern furchtbar. Statt gemütlich den Tag mit Familie zu verbringen und dort zu feiern wird gesoffen. Verzeihung, das verstehe ich nicht.

Der Vatertag ist für mich immer ein Sinnbild dafür, dass ich die männliche Welt nicht verstehe. Ich habe noch nie Vatertag „gefeiert“ und werde es nicht. Ich beobachte, wie sich Väter und andere Männchen öffentlich um den Verstand saufen und schüttle den Kopf. 

Stattdessen blieb ich zuhause… Mit den Kindern spielen, Zeit mit den Menschen verbringen, für die ich Frau und Papa bin. Und Musik hören. Laut. Damit ich das Gegröhle vom Bahnsteig nicht ertragen muss… Am besten Rock und Metal.

Und nun liege ich in der Wanne. Stille. Theoretisch. Im Badezimmer ohne Fenster höre ich die Betrunkenen etwas gedämpfter. Etwas leiser. Aber immer noch deutlich genug, um zu sagen: Ich verstehe diese Männer nicht. 

Ich tauche ab.