Etwas sagen wollen…

Eigentlich will ich etwas sagen. Am Mittwoch hätte ich ein Bewerbungsgespräch gehabt, aber das wurde wegen Grippe verschoben. Dementsprechend muss ich noch ein paar Tage warten. Die Neuigkeit verschiebt sich also ein wenig nach hinten

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Beziehungsfragen – wer ist hier der Mann…

Als ich noch in nach außen heterosexuellen Beziehungen lebte, kam niemand auf die Idee, meine Frau nach ihrer sexuellen Orientierung zu fragen. Ich wurde genau betrachtet nicht ein einziges Mal nach meinen Genitalien gefragt und die Rollenverteilung in der Beziehung schien auch niemanden zu interessieren.

Das ist nun ganz anders. Meine Frau macht es den Menschen auch zusätzlich schwer, denn sie arbeitet in einer Umzugsfirma und das wäre ja ein typischer Männerberuf. Ich kann nicht mehr zählen, wie oft ich gefragt wurde, ob meine Frau nun lesbisch sei und wer bei uns zuhause der Kerl wäre? Wer bei uns oben liegt und ob sie denn meinen Penis vermisse? Wie es denn so sei, nach der OP? Und ob ich denn meinen Penis vermisse? Wie wir denn Sex hätten und ob ich, wenn meine Frau meinen Penis vermissen würde, zulassen könnte, wenn sie mit einem anderen Mann schläft (anderer? als wäre einer hier)? Ob ich über die denn Stimulation der Prostata kommen könne? Ob ich denn jetzt mit einem Mann schlafen wolle?

Ja, ich kann verstehen, dass viele enschen neugierig sind, aber egal wie ich es drehe und wende: ich käme nicht auf die Idee so etwas zu fragen. Es geht um das Intimleben eines Paares. Intim – nicht Im Team. Ich rede ja gern über verschiedene Dinge, aber es geht eigentlich niemanden etwas an, wer bei uns wann wie oben oder unten oder an der Seite liegt.

Wie könnte man also, wenn man schon von Neugierde zerfressen wird mit dem Thema umgehen?

  • Die sexuelle Orientierung einer Person ist Privatsache. Redet sie darüber, dann sind auch Fragen dazu in einem gewissen Namen meist okay. Wenn eine Frau mit einer Frau zusammen ist, dann ist sie nicht automatisch lesbisch. Wenn ein Mann und eine Frau zusammen sind, dann bedeutet das ja auch nicht, dass beide hetero sind.
  • Die Genitalien einer Person sind kein Allgemeingut. Ja, ich bin trans, ja, ich hatte eine OP und ja, ich beantworte auch Fragen. Am liebsten ist es mir, wenn ich gefragt werde, ob es okay ist mit mir über die OP zu reden.
  • Was meine Frau und ich machen würden, wenn eine von uns meinen Penis vermissen würde… geht genau die Personen an, die daran beteiligt sind. Ob das wir zwei oder mehrere Personen sind… auch das geht nur die Beteiligten was an. Und nein, bisher gab es noch keine Situation, in der er fehlte.
  • Und wenn zwei Frauen (trans oder nicht) zusammen leben, dann brauchen die beiden nicht zwingend einen Mann. Es gibt also nicht unbedingt einen Mann im Haus. Und viele Beziehungsmodelle basieren auf Gleichberechtigung, da hat auch nicht eine Person die Hosen an.

Ich kann Neugierde Verstehen, aber alles, was in den Bereich Intimleben fällt, sollte bei allem Wissensdurst mit ein wenig Respekt behandelt werden. Ja, ich weiß, normalerweise habe ich einen viel flauschigeren Tonfall. Das gelingt mir bei diesem Thema nicht. Stellt Euch vor, jeden Tag kämen wildfremde Menschen auf Euch zu und stellen Euch Fragen. Fragen zu eurem Sexleben, zu den intimen Details. Alle meinen es gut, alle sind höflich und alle sind nur neugierig. Stellt Euch vor, Euch würde jemand fragen, ob es für Euch okay wäre, wenn jemand anderes mit Eurer Frau schläft, ob Euer Mann denn über die Stimulation der Prostata kommen könne. Stellt Euch vor jemand fragt Euch … und jeden Tag, wenn eine neue Nachricht in einem sozialen Netzwerk eingeht oder WhatsApp heiß läuft, müsst ihr mit so einer Frage rechnen.

Stellt Euch das mal vor. Und wenn ich einmal nicht antworte, dann kommt „du breitest doch sonst dein Leben in der ÖFfentlichkeit aus“.

Ich überlege, genau das nicht mehr zu tun. Ich überlege zu schweigen. Aber das will ich nicht.

Wach auf, mein Kind. – Einmal Krankenhaus und zurück

Am Dienstag, dem 13. Februar hatte mein jüngster Sohn eine Operation. Eigentlich nichts dramatisches, denn eine Phimose ist heutzutage medizinisch betrachtet kein großes Problem.

Als im Herbst klar wurde, dass er eine OP braucht und wir mit ihm zur Voruntersuchungen fuhren, war er ziemlich nervös. OP bedeutete für ihm das, was er von uns kannte: Janes Blinddarm und meine OP in Berlin. Und ihn hat meine OP sehr beschäftigt. Spätestens als er im Krankenhaus die Schläuche sah, fühlte er sich deutlich unwohl. Und in seiner Vorstellung stand ihm das gleiche bevor. Also verbrachten wir viel Zeit damit, ihn aufzuklären und zu beruhigen.

Dann kam der Tag der OP. Die Aufregung begann, als der App2Drive – Carsharing Wagen wieder mal nicht aufging (wir hatten ja schon im November so unsere Erlebnisse damit). Eigentlich wollten wir nen Car Sharing Wagen, weil wir so in Ruhe und Bequem zum Krankenhaus (und später auch zurück) fahren könnten. Tja… Der Bus fuhr uns vor der Nase davon, also nahmen wir ein Taxi.

Abgehetzt aber pünktlich kamen wir an. Nicht nur das Kind hatte kein Frühstück, auch mein Magen war leer. Dann begann das Warten. Das Warten. Das unglaublich lange Warten. Nein, ich trank keinen Kaffee, denn mein Kind durfte ja nichtmal mehr Wasser trinken. Also warteten wir. Er kuschelte, wir spielten, sangen, warteten. Er wurde ungeduldig.

Dann endlich der Einlass in die Betäubungszone. Seine Klamotten ablegen und OP Klamotten anlegen. Er trank den Faultiersaft (den Namen gaben wir dem Drink, als er Wirkung zeigte) und nach einer weiteren gefühlten Ewigkeit war er im OP. Endlich Kaffee. Und wieder Warten.

Dann der Aufruf, dass wir ins Aufwachzimmer durften. Da lag er dann. Und dieses Gefühl, dass er mein kleines Baby ist, war wieder da. Nach einer weile machte er die Augen auf. Er war sehr blass um die Nase und auch als er sich setzen konnte, wachte er nur sehr langsam auf. Er trank ein wenig, aß ein kleines Eis, dass ihm die Schwester reichte und später gab ich ihm etwas zu essen. Er klagte über Bauchschmerzen und schwupp, kotzte er dem gerade vor ihm sitzenden Anästhesisten auf die Füße.

Meine Frau und ich schauten den armen Kerl an, Kind3 hatte bald Schulschluss und da wir ja damit gerechnet hatten dass mal alles glatt läuft…. oder zumindest nicht grob schief… naja, Jane fuhr nach Hause, damit Kind3 nicht allein zuhause ist.

Ich blieb am Bett. Er war wieder eingeschlafen und ich hielt seine kleine Hand. Die Schwestern schauten immer wieder zu uns und er übergab sich immer wieder… Irgendwann sagte mir die Schwester, dass sie einen Arzt rufen würde, der dann entscheiden wird, ob mein Kind nach hause darf oder nicht. Ich hatte von dem rund um mich wenig mitbekommen.

„…. wer hat heute Dienst? …. Ah, kann die kurz runter kommen?…. Wir haben da einen Jungen, der sich nach der Narkose mehrfach übergeben hat…. Ja, die Mutter ist da… Die ist sehr ruhig und weiß auch, dass ihr Sohn eventuell stationär… ja…“, sie legte auf. „In einer Viertelstunde kommt eine Ärztin“, sagte sie zu mir.

Mutter. Dieses Wort. Auch, wenn ich in der Familie nicht Mutter genannt werde, es berührt mich, wenn Menschen mich als Mutter wahrnehmen. Vor ein paar Jahren war mein Passing noch anders, mein ganzes Auftreten, oder… egal, was es war, das sich verändert hat: ich werde ganz selbstverständlich als das wahrgenommen, was ich bin: eine Frau.

Der kleine Patient wurde für eine Nacht aufgenommen. Meine Frau kam mit Kind3 vorbei und wir wechselten uns ab. Schon ein paar Stunden später hatte er etwas gegessen und konnte am nächsten Tag nach Hause.

Meine Frau hat ihre Gedanken zur OP unseres Kindes auf ihrem Blog festgehalten.

Durchatmen? Kann ich nicht…

Ich sitze im Wartezimmer meiner Gyn und sehe meinen Kind beim Spielen zu. Ja, der kleine Herr, der letzte Woche seine OP hatte, ist noch nicht schulfit und begleitet mich daher heute.

Ich bin unruhig, angespannt. In meinem Kopf drehen sich die Gedanken um alles mögliche. Ich fühle mich schwer und träge.

Eigentlich ist alles gut. Nur die Kleinigkeiten des Alltags, also ganz normale kleine Pakete auf der Seele zu balancieren… Und gerade heute wieder: Schmerzen.

Ach, ich kann mein eigenes mimimi schon nicht mehr hören. Es geht mir gut. Eigentlich. Aber ich spüre, dass ich jeden Augenblick losheulen könnte. Spüre, dass ich nicht mehr aufstehen will. Will mich nicht mehr anziehen und rausgehen schon mal gar nicht. Manchmal habe ich zwar das Handy in der Hand, aber ich will auch dort kaum Menschen sehen. Selbst die Benachrichtigungen der Apps überfordern mich.

Ich brauche ein neues Rezept für Antidepressiva und schiebe das seit zwei Wochen vor mir her. Bald ist die Packung leer.

„Atme mal tief durch“, sagte eine Freundin. Aber das kann ich nicht… Doch, manchmal. Einige Menschen bringen mich zum lächeln und dann seufze ich… Und mit diesen einzelnen Atemzügen tanke ich Kraft für den nächsten Tag.

Depression.

Eigentlich gibt es ein paar gute Neuigkeiten… Einige Perspektiven sind am Horizont erkennbar, aber ich stecke noch in einer Depression und finde derzeit keine Worte.

Es geht langsam bergauf…. Bin nur etwas still derzeit.

An der Belastungsgrenze…

Nein, es wird hier kein mimimi darüber geben, wie schlimm es für mich ist trans* zu sein. Es ist nur einer der Faktoren, die mich belasten, aber derzeit kämpfe ich einfach auf verschiedenen Ebenen.

Einmal die Gesundheit:
nach der OP lag ich flach. Im wahrsten Sinn, denn für die Wundheilung durfte ich eigentlich nichts außer liegen. Das war alles andere als entspannend, es war nach den ersten Wochen einfach nur anstrengend und es wurde immer anstrengender, denn die Muskeln bauten spürbar ab. Der Kreislauf passte sich an und wenn ich jetzt, fast zwei Monate später etwas schneller aufstehe, fährt mein Kreislauf gemütlich runter… Neurodermitis winkte kürzlich auch mal – mitten im Gesicht… und am Wochenende hatte ich ein Kühlpack im Schritt, weil sich irgendwas entzündet hatte. Ich bin gesundheitlich kein Wrack, aber ein Gebrauchtwagen aus den 70ern. Mit dem Heckaufkleber, der sich in den Lack eingebrannt hat.

Einmal die doofe Sache mit der Kohle:
Ich bin seit zu langer Zeit auf Arbeitssuche und entgegen der Darstellung von ALG II im Fernsehen: ich bin dadurch nicht reich geworden. Ich rauche nicht (seit 6 jahren nicht mehr), ich habe kein Talent für übermäßigen Alkoholkonsum (1-2 Gläser alle 2-3 Wochen sind einfach nicht RTL2 tauglich), ich koche lieber selbst, als Fertiggerichte zuzubereiten und meine Kinder haben Spielzeug, Bücher und … aber irgendwie bin bleibt am Ende des Monats kein Geld übrig.

Nun könnte ich mir natürlich einen Job suchen… aber das gestaltet sich schwierig. Ich bin regional gebunden, meine Ausbildung ist ne Weile her usw. … Natürlich könnte ich irgendwo hin gehen, wo ich Arbeit finden kann, aber dann müsste ich die Familie zurück lassen (denn die ist durch Arbeit und Schule hier gebunden) – und meine Familie ist der Grund, warum ich in den letzten Jahren nicht aufgegeben habe.

Dann kommt dazu der Stress mit JobCenter, Krankenkasse (bzw. dem Gericht) und den Kleinigkeiten, die wir alle so als Päckchen auf den Schultern tragen. Da nützt es auch nicht, dass wir im Fernsehen waren, dass ich die berühmteste Mumu auf Twitter habe… Stress ist da und irgendwann ist es zu viel.

Dieses irgendwann war heute vormittag. Ich hab eine Mahnung in der Hand gehalten, die ich gerade nicht bezahlen kann und schwupp lag ich da und nichts ging mehr… Der Mix aus Psyche, Kreislauf und Muskulatur wäre wohl die Ursache, meinte meine Ärztin. Normalerweise würde sie mir zu einer Auszeit raten. Eine Woche Urlaub wäre wohl das beste, besser zwei. Aber Urlaub ist im Regelsatz nicht vorgesehen.

Zu meiner Überraschung bekam ich aber genau heute ein Geschenk: ein Gutschein für das Schwimmbad… Damit ich mir mal Sauna gönne und meine Familie mal im Schwimmbad abschalten kann. Und dann schaue ich mich um: all die Geschenke, die wir in den letzten Jahren bekommen haben… all die Glückwünsche… all der Zuspruch… all die Unterstützung… all die helfenden Hände… alle die zugehört haben und es immer wieder tun. Ich sitze hier und weine, nicht vor Traurigkeit, sondern aus Rührung.

Danke. Ohne Euch alle hätte ich schon lange aufgegeben!