Autor: Nina M. J.

Schreibt online über das, was sie im Alltag beschäftigt und ihr begegnet.

Man muss ja nicht alles tolerieren…

„Man muss ja nicht alles tolerieren“, sagt die Mutter, die mit mir Schulobst geschnitten hat.

„Ach?“ frage ich „und wo setzt man dann die Grenze?

Ihre Stille und den verdutzten Gesichtsausdruck nehme ich, um einfach mal von einer Freundin aus Salzburg zu erzählen und ihre Einschränkung im Alltag. Ich erzähle darüber, wie es war mit ihr unterwegs zu sein. Erzähle, wie Menschen auf die junge Frau im Rollstuhl reagierten. Und ich erzähle vom anderen Menschen, die im Alltag gegen Einschränkungen, Diskriminierung, Intoleranz kämpfen müssen, weil sie anders sind…. Weil das Leben ihnen Karten zuspielte, die sie sich nicht aussuchen konnten.

Und dann frage ich diese Mutter: „Wo ziehst du denn die Grenze für ‚was toleriert werden muss‘ für deine Kinder?“

Ja, was müssen wir denn in der Gesellschaft wirklich verändern? Damit unsere Kinder ihren Lebensweg gehen können, ohne unzumutbare Hürden? Wo stellen Geschlecht, Herkunft (auch das soziale Umfeld), die sexuelle Orientierung, usw. Noch ein Hindernis dar?

Ich höre schon, wie ich als linksgrünversiffte Gutmenschentranse betrachtet werde… Aber jede Ausgrenzung, die wir schaffen, kann Menschen treffen, die wir lieben. Ja, auch die zwischen trans und nicht trans… Sorry, ich kann Menschen nicht verachten, nur weil sie nicht trans sind und die Welt aus einem anderen Blickwinkel sehen.

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Erfolgreich scheitern…

Nichts beherrsche ich so gut, wie etwas zu versuchen und damit zu scheitern. Ich scheitere oft und auf hohem Niveau.

Jahrzehnte lang versuchte ich als Mann zu leben und musste mir eingestehen: das geht schief. Den Karren hab ich ordentlich in den Sand gesetzt. Danach dachte ich: rein ins Leben als Frau. Aber so leicht war das nicht. Selbst als ich Ärzte und Behörden überzeugt hatte, glaubten (und glauben immer noch) Menschen, mir erklären zu müssen, ich wäre ein Mann. Frau sein hatte ich mir nicht so schwer vorgestellt.

Nun bin ich Frau und Papa. Für mich war es klar: meine Frau hat die Kinder geboren, ich habe sie gezeugt… Sie ist Mutter, ich bin Vater – die Vater. Aber dann (als ich anfing als Frau Papa zu bloggen) kamen trans auf mich zu: es wäre falsch, mich Vater zu nennen. Ja… Ich würde anderen mit meiner Entscheidung im Weg stehen.

Als ich die Namensänderung in den Dokumenten eintragen lassen wollte, gab es ein Hindernis: die Geburtsurkunden meiner Kinder. Da tauchte mein alter Name auf. Mich störte nicht, dass ich im Feld Vater stand, aber eigentlich stand nicht ich in der Urkunde, sondern der Mann, der ich nie war (ein Sinnbild meines Scheiterns also). Auf die Fragen, warum bekam ich vom Standesbeamten ein Urteil präsentiert: eine trans Frau hatte geklagt, um nach der Namensänderung (und PÄ) als Mutter in der Urkunde zu stehen und verloren. Seitdem könne man, so der Standesbeamte, da nichts mehr machen. Durch das Urteil ist nun ein Fremder der Vater meiner Kinder, ein Mann, den meine Kinder nie kennenlernen können. Und durch das Urteil wird mein deadname meine Kinder ihr Leben lang begleiten.

Aber darüber reden… Darüber reden, dass ich verstehe, warum ich als Erzeugerin meiner Kinder im Feld Vater stehe… Gescheitert.

Erklären, wie ich Vaterschaft betrachte? Gescheitert. Erklären, dass ich niemandem damit die Mutterschaft abspreche? Gescheitert. Erklären, dass ich die aktuelle Rechtslage kacke finde? Gescheitert. Erklären, dass ich die Klage genauso wie das Urteil nicht gut finde? Gescheitert. Erklären, dass Aussagen, die für trans unangenehm sind nicht automatisch transfeindlich sind? Gescheitert. Erklären, dass es einen Unterschied zwischen „meine Meinung ist nicht deine“ und „du bist vollkommen scheiße“ gibt? Gescheitert.

Da sitze ich nun – die Frau, die Papa ist – und trinke Kaffee, während ich meinem großen Kind Englisch Nachhilfe geben… Hoffentlich nicht Scheiternd.

Ich gebe nicht auf.

Viele Gedanken und gute Gespräche in den letzten Tagen.

Anfeindungen, weil ich nicht der Meinung anderer bin, sondern meinen eigenen Kopf habe… Das darf kein Grund sein, mich zurück zu ziehen.

Ich habe das Recht auf eigene Meinung. Und ja, damit kann ich eigene Fehler machen. Das ist mein Leben, mein Recht, mein Weg.

Bye.

Wenn wir alles an Unverständnis automatisch als Feindlichkeit betrachten, wird außer Feindlichkeit nicht viel übrig bleiben.

Ich sehe derzeit zu viel Hass zwischen trans und nicht trans. Ich ziehe mich zurück.

Bye, Nina

Sex – oder, wie ich 4 mal masturbieren lernte…

Ich sitze hier inmitten einer Schreibblockade. In Wirklichkeit ist es weniger eine echte solche Blockade. Ich weiß ziemlich genau, was ich schreiben will und auch, dass es dafür Leser gibt, aber ich hänge immer wieder mitten im Text, weil…. weil ich nicht weiß, ob hier der richtige Platz dafür ist.

Nun habe ich mich aber durch gerungen und mich an den Laptop gesetzt, der Kaffee steht am Tisch und ich tippe. Es geht um ein einfaches Thema: Sex. Himmel, ich war mal jung und naiv und dachte, das wäre doch ein ganz einfaches Thema.

Die eine Frage, die ich öfter höre: „Wie war denn das mit Sex? So früher?“ also, Menschen, die mich fragen, wie ich in meiner Rolle als Mann Sex hatte. Ich sag dann immer so: „Ich habe funktioniert.“ – Das beschreibt ungefähr den Genuss, den ich hatte. Lust auf das, was so allgemein als Sex bezeichnet wird, hatte ich nur selten. Entsprechend war ich nichtmal dreißig, als ich schon Schwierigkeiten mit meiner Erektion hatte. Es war nicht mein Ding und während der Körper zwar super funktionierte, der Kopf spielte nicht mit.

Der „Sex als Mann“ war im Idealfall nett. Ich nannte meinen Orgasmus den Abspritzmoment und das beschreibt eigentlich sehr genau mein Verhältnis dazu. Diese 2 Sekunden, in denen der chemische Cocktail im Körper das Denken ein wenig leiser dreht und der Körper mit sich beschäftigt ist… das war… nett. Ich stand nicht drauf. Immer diese Körperflüssigkeiten, Flecken, Spuren… Ich hatte nur Lust, wenn ich mit jemandem Sex erleben konnte…. ich hab so gut, wie nie masturbiert. Es fühlte sich einfach nicht gut an.

Tja, dann lernte ich meine Frau kennen und hatte mein Coming Out und ziemlich kurz darauf war klar, dass ich nicht mehr so funktionieren müsste. Ich lernte meinen Körper mit meiner Frau neu kennen und ziemlich schnell war klar, dass Penetration immer unwichtiger wurde. Ich lernte an mir das kennen, was ich immer schon genossen hatte: Vorspiel, intensive Berührungen. Mein Sexleben wurde vielfältiger und abwechslungsreicher. Aber der Orgasmus änderte sich kaum. Nein, das ist nicht ganz richtig: wenn ich schaffte einen zu haben, dann war es teilweise intensiver. Aber technisch gesehen war alles noch ziemlich gleich. Und Masturbation…? Ich habe einiges versucht, aber Spaß machte das nur zu zweit.

Der erste große Einschnitt kam mit der Hormonbehandlung. Als das Testosteron weg war, war auch meine Erregbarkeit dahin. Während ich den Großteil der Hormonbehandlung mir körperlich und psychisch gut tat, dieser radikale Knick in meinem Sexleben war ein harter Einschnitt. Ich hatte im Kopf Lust, aber der Körper spielte nicht mit. Berührungen, die ein Leben lang funktioniert hatten bewirkten nichts. Umgekehrt war, wenn ich mal mit meiner Frau Sex haben wollte, die Lust zwar im Kopf aktiv, aber körperlich kein Zeichen meiner Lust erkennbar. Nichts wurde steif, nichts wurde feucht, nicht einmal Stöhnen oder Gänsehaut. Nichts.

Dann kam der Zufall und schenkte mir ein Sextoy. Obwohl meine Anatomie noch die alte war, griff ich zielstrebig zu Vibratoren, Auflegevibratoren und was auch immer mir gefiel. Und Plötzlich – in der Badewanne – war er da: der erste Orgasmus, Juhuu, wie großartig. Und von da an lernte ich meinen Körper, mich, meine Lust und die Berührungen meiner Frau neu kennen. Und ich lernte, dass mein Kopf 90% meiner Sexualität steuert…. und 100% meiner Orgasmen. Erstmals in meinem Leben genoss ich Sex mit mir… ich habe meine Lust entdeckt und das tat furchtbar gut.

Und dann kam die OP. Was für ein Einschnitt in mein Leben. Erst lag ich im Krankenhaus, war froh, dass ich keine Schmerzen hatte, dann begann die Heilung und ich hatte in den ersten Wochen alles andere im Kopf als Sex. Wenn man ständig irgendwelche Schwellungen, Nahtmaterial, Spannungen und irgendwas Zwicken spürt, dann ist Geilheit ausgesprochen schwer aufzubringen. Dann erste Gehversuche: Berühren, ansehen… und feststellen: ja, ich kann etwas spüren, es ist aber… anders. Ich hatte keine Erwartung, etwas komplett neues zu fühlen. Aber gerade bei den ersten Berührungen war ich doch ziemlich erschrocken, dass so viele Nerven die Berührungen gar nicht ans Gehirn meldeten. Zwischen den Beinen war ich so unsensibel, wie ein eingeschlafener Fuß.

Tag für Tag, Woche für Woche ging die Heilung voran und nun spüre ich einiges sehr gut. Kein Bereich ist mehr vollkommen taub und: ich habe wirklich Lust. Ich berühre mich gerne, spüre und genieße… aber: wir wollen das ganze realistisch betrachten: von dem, was vorher an Hautoberfläche da war, an Haut, die viele Nerven hatte, blieb ein Bruchteil erhalten. Einige Nerven sind noch nicht verheilt, andere werden nicht heilen und sehr viele sind einfach weg, Ich muss von Grund auf Lernen, mit diesem Körper Sex zu haben. Ich bin noch weit davon entfernt, dass ich sagen kann: „ja ich weiß, wie ich kommen kann“ – ich weiß nicht einmal, ob ich jemals wieder so richtig kommen kann. Mein Kopf spielt eine große Rolle und führt mich sehr nah an den Punkt… aber körperlich rührt sich nur wenig. Die Vibratoren sind angenehm und wahrscheinlich fördern sie auch die Durchblutung, aber bisher bin ich am selbst zugefügten Orgasmus noch gescheitert.

Mir war das vor der OP bewusst. Mir war klar, welche Konsequenzen mich erwarten und ich war immer bereit diesen Preis zu zahlen. Und ehrlich gesagt, fühlt es sich jetzt schon besser an, als ich im worst Case erwartet hätte. Und klassischer Sex ist ja nur ein Teil meiner Lust 😉 aber das ist eine andere Geschichte. Ich mag meine Schublade mit Toys und ich bin froh, dass meine Frau meine Entdeckungsreise (ob allein oder mit ihr gemeinsam) so begleitet. Langsam und zum vierten mal in meinem Leben entdecke ich mich.

Ein Umschlag in der Post und dann ein zweiter… {Rezension/Werbung}

Es folgt Werbung – sponsored Content…

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Neulich erhielten wir Post. Als ich es aufmachte war darin ein Rätselheft: „Neue krasse Kunst Rätsel“ ich blätterte es durch und dachte mir: „naja, nett gemacht“ aber in Wirklichkeit sprach es mich nicht an. Ich legte es in die Ecke und vergaß es ein wenig. Mein jüngster Sohn (das Kind, das immer irgendwo rum turnt und kaum mal still sitzen kann und will) entdeckte es und schlagartig war es weg. Immer wieder saß er am Basteltisch oder lag auf der Couch. Das Buch vor sich und einen Stift in der Hand löste er die kniffligen Aufgaben. Gelegentlich fragte er: „Wer hat das gemalt“ und das war für mich nicht immer leicht zu beantworten, denn im Lösungsteil durfte ich nicht nachsehen – so seine Regeln.

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Seine Bewertung: „Also es ist toll. Es ist wirklich witzig. Die Rätsel sind manchmal schwer und manchmal leicht.“

Meine Bewertung: „Ich hätte nicht erwartet, dass eines meiner Kinder das Heft wirklich verwendet.“ – Ich wurde tatsächlich von meinen Kindern überrascht – die teilweise zu zweit dran saßen und sich erstaunlich ruhig und geduldig mit den Rätseln beschäftigten.

Dann kam nochmal Post.

Also genau gesagt: gestern kam Post. Darin ein Buch und schwupp hatte die Lesseratte (Kind3) es in der Hand: „Wie kommt das U-Boot in den Garten“ Herausgegeben von der Stiftung Bauhaus Dessau, mit Text von Ingolf Kern und sehr gelungenen Illustrationen von Hanna Zeckau.

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Kind3 liebt Bücher und hat auch dieses verschlungen. Er fand es ganz gelungen. Allerdings fand er (der mit 9 Jahren schon Hobbit und Harry Potter gelesen hat) das Buch etwas verwirrend und stellte hinterher die Frage: „Was ist ein Bauhaus?“ Also nahm ich das Buch zur Hand und las ein wenig… die Illustrationen sind extrem ansprechend und das Buch vermittelt die Bedeutung der verschiedenen Materialien… allerdings beschränkt es sich im Text zu sehr auf die Architektur (Design und Möbel kommen kaum zur Sprache) und es ist wirklich keine klare Erklärung darin zu finden, was Bauhaus ist/war. Das ist irgendwie schade, denn ein wenig Bauhaus ist bei uns sogar zuhause zu finden …

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Aber das Buch führte dazu, dass ich mit meinem Sohn über Kunst, Architektur, Schuhkartons und Möbeldesign geplaudert habe… Und ein Buch, das dazu führt, dass mein Kind Fragen stellt, so ein Buch finde ich großartig.