Monat: Januar 2018

Man muss ja nicht alles tolerieren…

„Man muss ja nicht alles tolerieren“, sagt die Mutter, die mit mir Schulobst geschnitten hat.

„Ach?“ frage ich „und wo setzt man dann die Grenze?

Ihre Stille und den verdutzten Gesichtsausdruck nehme ich, um einfach mal von einer Freundin aus Salzburg zu erzählen und ihre Einschränkung im Alltag. Ich erzähle darüber, wie es war mit ihr unterwegs zu sein. Erzähle, wie Menschen auf die junge Frau im Rollstuhl reagierten. Und ich erzähle vom anderen Menschen, die im Alltag gegen Einschränkungen, Diskriminierung, Intoleranz kämpfen müssen, weil sie anders sind…. Weil das Leben ihnen Karten zuspielte, die sie sich nicht aussuchen konnten.

Und dann frage ich diese Mutter: „Wo ziehst du denn die Grenze für ‚was toleriert werden muss‘ für deine Kinder?“

Ja, was müssen wir denn in der Gesellschaft wirklich verändern? Damit unsere Kinder ihren Lebensweg gehen können, ohne unzumutbare Hürden? Wo stellen Geschlecht, Herkunft (auch das soziale Umfeld), die sexuelle Orientierung, usw. Noch ein Hindernis dar?

Ich höre schon, wie ich als linksgrünversiffte Gutmenschentranse betrachtet werde… Aber jede Ausgrenzung, die wir schaffen, kann Menschen treffen, die wir lieben. Ja, auch die zwischen trans und nicht trans… Sorry, ich kann Menschen nicht verachten, nur weil sie nicht trans sind und die Welt aus einem anderen Blickwinkel sehen.

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Erfolgreich scheitern…

Nichts beherrsche ich so gut, wie etwas zu versuchen und damit zu scheitern. Ich scheitere oft und auf hohem Niveau.

Jahrzehnte lang versuchte ich als Mann zu leben und musste mir eingestehen: das geht schief. Den Karren hab ich ordentlich in den Sand gesetzt. Danach dachte ich: rein ins Leben als Frau. Aber so leicht war das nicht. Selbst als ich Ärzte und Behörden überzeugt hatte, glaubten (und glauben immer noch) Menschen, mir erklären zu müssen, ich wäre ein Mann. Frau sein hatte ich mir nicht so schwer vorgestellt.

Nun bin ich Frau und Papa. Für mich war es klar: meine Frau hat die Kinder geboren, ich habe sie gezeugt… Sie ist Mutter, ich bin Vater – die Vater. Aber dann (als ich anfing als Frau Papa zu bloggen) kamen trans auf mich zu: es wäre falsch, mich Vater zu nennen. Ja… Ich würde anderen mit meiner Entscheidung im Weg stehen.

Als ich die Namensänderung in den Dokumenten eintragen lassen wollte, gab es ein Hindernis: die Geburtsurkunden meiner Kinder. Da tauchte mein alter Name auf. Mich störte nicht, dass ich im Feld Vater stand, aber eigentlich stand nicht ich in der Urkunde, sondern der Mann, der ich nie war (ein Sinnbild meines Scheiterns also). Auf die Fragen, warum bekam ich vom Standesbeamten ein Urteil präsentiert: eine trans Frau hatte geklagt, um nach der Namensänderung (und PÄ) als Mutter in der Urkunde zu stehen und verloren. Seitdem könne man, so der Standesbeamte, da nichts mehr machen. Durch das Urteil ist nun ein Fremder der Vater meiner Kinder, ein Mann, den meine Kinder nie kennenlernen können. Und durch das Urteil wird mein deadname meine Kinder ihr Leben lang begleiten.

Aber darüber reden… Darüber reden, dass ich verstehe, warum ich als Erzeugerin meiner Kinder im Feld Vater stehe… Gescheitert.

Erklären, wie ich Vaterschaft betrachte? Gescheitert. Erklären, dass ich niemandem damit die Mutterschaft abspreche? Gescheitert. Erklären, dass ich die aktuelle Rechtslage kacke finde? Gescheitert. Erklären, dass ich die Klage genauso wie das Urteil nicht gut finde? Gescheitert. Erklären, dass Aussagen, die für trans unangenehm sind nicht automatisch transfeindlich sind? Gescheitert. Erklären, dass es einen Unterschied zwischen „meine Meinung ist nicht deine“ und „du bist vollkommen scheiße“ gibt? Gescheitert.

Da sitze ich nun – die Frau, die Papa ist – und trinke Kaffee, während ich meinem großen Kind Englisch Nachhilfe geben… Hoffentlich nicht Scheiternd.

Ich gebe nicht auf.

Viele Gedanken und gute Gespräche in den letzten Tagen.

Anfeindungen, weil ich nicht der Meinung anderer bin, sondern meinen eigenen Kopf habe… Das darf kein Grund sein, mich zurück zu ziehen.

Ich habe das Recht auf eigene Meinung. Und ja, damit kann ich eigene Fehler machen. Das ist mein Leben, mein Recht, mein Weg.

Bye.

Wenn wir alles an Unverständnis automatisch als Feindlichkeit betrachten, wird außer Feindlichkeit nicht viel übrig bleiben.

Ich sehe derzeit zu viel Hass zwischen trans und nicht trans. Ich ziehe mich zurück.

Bye, Nina