Du bist doch keine Aktivistin…

Ich ziehe eine Augenbraue hoch und schüttle stumm den Kopf. Gestern habe ich eine Stunde mit einem jungen Menschen gesprochen, der sich nicht traut, sich zu outen, weil ihm sein Leben lang gesagt wurde: „Transen sind pervers“. Und heute morgen eine Nachricht von jemand anderem in meinem Postfach….ne gute halbe Seite, dass ich doch keine Aktivistin wäre.

Nein, bin keine Aktivistin. Ich bin aktiv. Egal ob es um trans, Homosexualität, Frauenrechte geht. Selbst was sexuelle Selbstbestimmung angeht… Ich bin dabei. Ich rede darüber, schreibe darüber, lebe nach Möglichkeit nach diesen Werten.

Ich bin keine Aktivistin, weil – so die Person in ihrer Nachricht heute morgen – ich in meinem Blog „nur ganz normale Dinge schreibe“. Zack… Das sitzt. Außerdem wäre BDSM nicht normal und mit Kindern und Familie „solltest du das lassen. Wenigstens nihct darüber reden“. Okay. Schon klar. Ich bin nicht sicher, ob ich als Elternteil oder als trans keinen Sex mehr haben soll und schon gar nicht drüber reden darf. Und BDSM (das mit fesseln und hauen) verschweigen wir mal überhaupt.

Ich bin keine Aktivistin. Ich rede nur zu viel über mein Privatleben. Niemand würde mich nach meinen Genitalien fragen, wenn ich nicht drüber reden würde. Und das mit den Penisfotos sei ja sowieso nur erlogen, weil ja jeder sieht, dass „du ein Kerl bist“.

Nun wisst ihr es. Ich bin keine Aktivistin. Wie schön, dass ich das auch erfahren habe. Ich ziehe jetzt ganz brave graue Klamotten an – geschlechtsneutral – und werde schweigen. Vielleicht verhülle ich mein Gesicht hinter einem dicken Schal, damit sich niemand an meinen Aussehen stößt.

Vielleicht aber mache ich weiter, schreibe über Depressionen, Familie, Diskriminierung, Hoffnung, Sex und kläre ein wenig auf. Vielleicht bin ich ja wirklich keine Aktivistin, sondern nur eine ziemlich normale Frau mit einer großen Klappe.

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9 Gedanken zu “Du bist doch keine Aktivistin…

  1. Ich bin auch immer völlig befremdet über Menschen, welche laut nach Moral, Anstand und „Normalität“ schreien; sie FORDERN – gleichzeitig jedoch
    * machen sie sich keinerlei Gedanken darüber, wie sie alleine hiermit jedwelche Persönlichkeitsrechte ihres Gegenübers über den Haufen rennen
    * sich ungefragt in Dinge einmischen, die sie keinen feuchten Furz angeht
    * weder Grenzen respektieren, noch sonstiges Eigenes des anderen achten und wertschätzen
    * sehr häufig vermutlich selbst so derart vorbei leben an jenem, das sie von anderen fordern
    * sich über die wahrhaft wirklich wichtigen Dinge oftmals kaum Gedanken machen – ihr eigenes Fühlen, Denken und Sein

    Und wenn alle Menschen tatsächlich bestrebt wären, dieses „Normal“ zu sein – dann wären wir doch alle gleich.
    Vermutlich gleich dumm, gleich eingeschränkt, gleich grau und vor allem gleich entwicklungsunfähig.
    Ich bin sehr dankbar, immer wieder Menschen zu finden, deren Streben sich nicht zum „Normal“ richtet, sondern zum Selbst; zum heil sein und zur Liebe.

    Aber Du bist eine starke Frau.
    Ich bin froh, dass Du bist, die Du bist.
    Einfach so.
    Dir alles Liebe.

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  2. Lass Dich von solchen Menschen nicht irritieren. Unser Grundgesetz garantiert Meinungsfreiheit – und ich finde es gut, wenn Du bloggst und Stellung nimmst. Und klar bist Du eine Aktivistin, wenn Du in die Medien gehst und Veränderungen anmahnst – genauso, wie ich via Petition für das Selbstbestimmungsrecht dafür eintrete und Kristina Maca mit einem tollen Video uns unterstützt: https://youtu.be/6R_I3lt-CNM – es wäre schön, wenn noch viele dieses Video teilen und die Petition noch mitzeichnen. Es geht noch bis Samstag, 9.12.!

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  3. Ja, ich BIN Aktivistin, schon allein durch meine Existenz. Der man die Testosteronspuren des männlichen Migrationshintergrundes ansieht! Und ich verstecke mich auch nicht ( mehr), verleugnen schon gar nicht mehr. Und ich bin froh, dass es Menschen gibt wie Dich, liebe Nina, die denjenigen Mut machen, deren Selbstwertgefühl sich erst noch entwickeln muss. Zum Glück scheinen solche Leute wie die oben erwähnten nur wenige zu sein. Und was ist deren Problem? Vielleicht mit sich selbst?! Und sie sollten sich mal weiterbilden, mit Simone de Beauvoir etwa oder dem Kinseyreport. Aber womöglich übersteigt das deren geistige Kapazität. Als Kind hatte ich auch manches nachgeplappert aber irgendwann sollte der Geist auch reifer werden. Und so manche meiner damals harten Urteile tun mir heute sogar leid. Darum ist Aufklärung so wichtig. Und Dein Blog. Wenn ich bedenke, wieviele Denkanstöße allein ich in meinem Umfeld in den letzten zwei Jahren ausgelöst habe. Und ich bin nur eine von 80 Millionen….

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  4. Du bist einfach so, wie du bist und das ist gut so. PUNKT.
    Große Klappe hin oder her, so mögen wir dich und deine Art Menschen zu beeindrucken. Du schubst auch mal jemanden in die richtige Richtung, durch deine Meinung oder/und Aufklärung.

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