Monat: Juni 2017

Was heißt es, zu gewinnen?

In diesem Land gibt es eine Kultur des Wettkampfes. Schneller, höher, weiter. Und nur die ersten sind die Sieger. Nur, wer am Ende eine Medaille, einem Pokal, eine gläserne Schüssel in den Händen halten kann, hat gewonnen. Das olympische Prinzip: Dabei sein ist alles, zählt in der Realität nicht. Wer Finale nicht gewinnt, hat verloren. Punkt. Kennt man von jeder WM.

Oh, wie traurig ist diese Haltung. Ich verstand das noch nie. Wahrscheinlich, weil ich mit einem sportlichen Talent gesegnet bin, mit dem ein vorletzter Platz schon ein persönlicher Erfolg war. Meine Fresse, was war ich glücklich, als ich mal nicht den letzten Platz beim Jugendskitag hatte – genau in dem Jahr, als es zum ersten Mal für den letzten Platz einen Trostpreis gab.

Ja, ich hab die Kunst der Niederlage von der Pike auf gelernt.
Aber was heißt gewinnen? Ich frage das, weil ich mich gestern als Siegerin fühlte. Gestern, als ich in einem Raum mit unglaublich vielen Frauen saß und Finalistin beim #emotionAward2017 war. Ich war eine der 15, die aus 174 Kandidatinnen ausgewählt wurden, eine der drei Frauen der Stunde, eine von wenigen… und ich fand und finde, das ist ein echter Erfolg.

Was bedeutet der EMOTION award für mich? Es ist ja nicht so, dass jede*r weiß, was das für ein Preis ist. Und gewonnen habe ich ja obendrein nicht. Für mich war die Nominierung eine sehr große Überraschung. Ich war in einer Gruppe von Frauen nominiert – den Frauen der Stunde. Inmitten von großartigen Projekten, von beeindruckenden Persönlichkeiten genannt zu werden… Als eine von ihnen, das berührte mich. Es ist ein Preis, nur für Frauen. Und das berührte mich. Und plötzlich war ich sogar im Finale, neben Dunja Hayali und Christine Finke war ich – ich, die Frau, die nie ein Mädchen sein konnte.

Im kleinen schwarzen stand ich gestern am roten Teppich, stand im Licht von Blitzlicht und Scheinwerfern,… ich, im Kleid. Ein Traum, der vor ein paar Jahren noch nicht mal ein Traum war.
Ja, ich habe gewonnen. Zwischen all diesen Frauen zu sein, anerkannt und respektiert, das ist mein Pokal. Mit den anderen Finalistinnen bis weit nach Mitternacht zu feiern, das ist meine Medaille. Eine von ihnen zu sein, eine Frau der Stunde – das ist meine großer Sieg… award hin oder her. Ich fühle mich als Siegerin und nehme diese Energie mit,… hoffentlich gibt es mir Kraft, wo ich sie brauche.

Über Tastentöne, Dampf und Dinge, die das zusammen leben schwer machen…

Ich fahre echt gerne mit der Bahn. Das soll keine Werbung sein, sondern eine kleine Liebeserklärung an mein liebstes Verkehrsmittel. Ich habs nicht so mit Autos und trotz aller Erfahrungen mit Verspätungen und Ausfällen von Zügen ist meine Erfahrung mit der Bahn sehr positiv.

Was mich stört sind die Menschen. Laute Menschen, Menschen, die ihre Koffer und Taschen nicht ordentlich verstauen, Menschen, die Müll liegen lassen und Menschen, die parfumiertes Liquid dampfen. In der Regel bin ich in der Bahn Misantrop.

Wäre da nicht diese junge Lehrerin, die mir von ihrer Schülerin erzählt, die trans ist. Sie stellt mir Fragen, interessiert sich und, was mich am meisten beeindruckt: sie denkt darüber nach, wie sie ihre Schülerin unterstützen kann.

Da vergesse ich für ein paar Minuten die Tastentöne, den Schweißgeruch, den sich betrinkenden Fahrgast. Für einen Augenblick glaube ich an das Gute im Menschen und eine bessere Zukunft.

Kraftlos…

Ja, so fühle ich mich heute. Der Antrag bei der Krankenkasse läuft, der MDK wartet auf Antworten meiner Ärzte und ich warte auf eine Entscheidung… Mal etwas optimistischer, aber generell eher mit wenig Hoffnung. Hoffnung kostet zu viel Kraft. Im Moment bin ich einfach müde. Ich bin froh, dass die ganzen Termine hinter mir liegen und ich diese Woche nur noch eine Reise antreten muss, nein darf. Irgendwie freue ich mich schon auf die Gala beim EMOTION.award – ja, ich bin aufgeregt.

Nach dem Blinddarm meiner Frau ist ihr Krankenstand nun auch vorbei und ich bin ab Montag wieder den Großteil des Tages allein zu Hause. Werde ein paar Malkittel nähen und mich nach Möglichkeit beschäftigen.

Aber ich bin müde. Nicht wegen Schlafmangel. Mir fehlt die Energie. Jede Energie. Der Antrieb, die Motivation, die Kraft… ich bräuchte mal eine gute Nachricht wegen der Behandlung… eine echte Perspektive, aber darauf muss ich weiter warten. Warten warten, warten… Ich bin des Wartens müde.

Ich, die Rampensau…

Am Dienstag nachmittag saß ich mit zwei Freundinnen in einem Café in Berlin (mit herrlich eiskaltem Café latte) und war gemütlich am Plaudern, als eine junge Mutter mit Kind zu uns kam und sagte: „Warst du nicht eben im Frühstücksfernsehen?“ – Ja, war ich. Und ja, ich fühlte mich echt geschmeichelt.

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Ich bin ne Rampensau. Das war ich nicht immer, in der Kindheit war ich eher schüchtern und hatte schon Schwierigkeiten, mal ein Gedicht bei einer Hochzeitsfeier vorzutragen. Aber irgendwie lernte ich das. Dieses: Im Rampenlicht stehen und auch vor Kameras nicht aufgeregt zu sein. Ich weiß, wie ich klinge, wie ich aussehe, was ich sagen will… ich habe eigentlich kein Lampenfieber. Eigentlich.

Gestern hatte ich Lampenfieber. Ich habe mit der Krankenkasse und dem MDK telefoniert. Das vorläufige Gutachten des MDK zeigt mir, dass eines in der Bearbeitung der Anträge von trans* fehlt: klare, bundesweit einheitliche Richtlinien, die klar kommuniziert werden. Zu viel ist abhängig von diesem oder jenen Bundesland, dieser*m oder jener*m Gutachter*in, dieser oder jener Krankenkasse.

Und zu oft höre ich „das ist anderen ‚biologischen‘ Frauen“ auch zumutbar, daher ist es auch trans Frauen zumutbar… Gerade wenn es um die Behaarung des Körpers geht. Und da muss ich mal was sagen: JEDE Frau, die unter ihrer Behaarung leidet, sollte eine Chance auf Hilfe durch die Kasse haben. Wenn Behaarung eine psychische Belastung darstellt, ist die Behandlung eine Notwendigkeit, keine kosmetische Maßnahme. JEDE Frau sollte eine Möglichkeit haben – und mir fällt auch auf, dass die aktuellen Regelungen wirtschaftlich schwache Menschen härter trifft, als Menschen, die finanziell gut abgesichert sind – das ist 2-Klassen Medizin.

Ich, die Rampensau, will, dass sich das ändert. Ich möchte mehr Transparenz und Fairness. Für alle Betroffenen – nicht nur für trans. Ich weiß, es ist ungewöhnlich, dass ne trans* ihre Fäuste ballt und auch für cis auf den Tisch haut. Aber  so bin ich nun mal. Ich bin nicht leise.

Viel los…

Die Reaktionen auf das Nachtcafé sind überraschend positiv. Schon während der Sendung erreichten mich die ersten E-Mails von anderen trans* Menschen und Angehörigen. Ehrlich gesagt, ich hatte keine Vortellung, wie viele Menschen mich nach der Sendung anschreiben würden. Im Moment bin ich dabei, den Stapel an Mails zu beantworten – noch nie hatte ich so viel „Post“ auf einmal auf den Tisch.

Dabei bin ich eigentlich schon auf halben Weg zum nächsten Termin. Morgen fahre ich nach Berlin… denn am Dienstag bin ich live im Studio bei Sat1 (und meine Familie wird in einem Beitrag dort auch zu sehen sein).

Gerade sitze ich auf der Couch und genieße diesen Moment der Ruhe. Atme durch. Schaue einfach mal zum Fenster raus und ja, ich habe vorhin einige Zeit einer Amsel zugehört. In den letzten Wochen war viel los und die nächsten beiden Wochen sind alles andere als entspannend.

Diese Woche Berlin, die darauf folgende Hamburg. Ich bin nicht fürs Jetsetleben geschaffen 😉 Was ich in Hamburg mache? Ich bin zur Verleihung des Emotion Awards eingeladen, denn – Trommelwirbel – ich bin Finalistin! Ja, ich bin tatsächlich als Frau der Stunde ins Finale eingezogen und suche derzeit im Kleiderschrank verzweifelt nach dem Outfit, das ich für so einen Anlass anziehen könnte 😉

Ursprünglich hatte ich ja schon gesagt, dass ich nicht nach Hamburg fahren kann, aber dann schrieb mir EMOTION, dass sie einen Teil der Reisekosten übernehmen würden und da konnte ich dann nicht mehr nein sagen. Vor allem, weil ich dort Christine Finke (@mama_arbeitet) wieder treffen werde, die in der gleichen Kategorie nominiert war und es auch ins Finale geschafft hat.

Einen kleinen Dämpfer bekam ich die vergange Woche, als die Krankenkasse anrief und mir sagte, es würden Unterlagen für die Begutachtung meines Antrages fehlen. Gothseidank habe ich eine Schweigepflichtsverzichtserklärung abegegeben, sodass die Kasse die Auskünft direkt bei meinen Ärzten einholen kann, aber der Antrag wird definitiv 2-3 Wochen länger brauchen, als ursprünglich geplant. Und das obwohl ich seit mehr als einem Jahr ganz gezielt die Mitarbeiter der Barmer gefragt habe, welche Unterlagen ich für den Antrag brauche. Leider – so muss ich wieder sagen – sind die Auskünfte, die ich im Vorfeld erhielt teilweise unvollständig und falsch gewesen. Ein Schelm, wer dahinter eine Absicht oder Strategie vermutet.

Als die Mitarbeiterin der Barmer am Mittwich mit mir telefonierte (ich war gerade in Baden Baden im Hotelzimmer und wollte mich nach der Zugfahrt eigentlich nur kurz frisch machen, bevor ich in die Maske musste)… tja, da sagte sie es würde endokrinilogischer und urologischer Verlaufsbericht fehlen. Ich verwies sie an meinen ENdokrinologen und fragte, wie denn der urologische BEricht aussehen solle… denn ich habe die Veränderung meiner Genitalien zwar beobachtet, aber nicht protokolliert und vor der HOrmonbehandlung war ich lediglich zur Prostatauntersuchung beim Urologen (eine wichtige Vorsorge, die man nicht auslassen sollte!)

Ich vernahm eine gewisse Sprachlosigkeit aus dem Münsteraner Büro. Denn sie – die zuständige Bearbeiterin – konnte mir beim besten Willen nicht erklären wie so ein urologischer Verlaufsbericht aussehen sollte. Vor allem hatte mir in den letzten Jahren nie jemand der Barmer-Mitarbeiter auch nur angedeutet, dass ich sowas brauchen würde. Ich verwies darauf, dass der Arzt, der mich operieren will mein Urologe ist und mich entsprechend untersucht hatte – das Schreiben dazu fand sie ohne Probleme.

Tja, nun warte ich wieder einmal. Statt bis zum 26.6. nun bis zum 18.7. Verzeiht mir, wenn ich das Verhalten der Krankenkasse nur noch mit einem Kopfschütteln kommentieren kann. Dabei ging es in diesem Anruf nur um die Geschlechtsangleichende OP. Bei der Sachbearbeiterin für die Haarentfernung rechne ich nach meinen bisherigen Erfahrungen auch mit Problemen. Ich starte also mit leichten Bauchschmerzen in eine Woche, in der ich eigentlich gut gelaunt und energiegeladen sein sollte.

Aber ich freue mich auf Berlin. Morgen Abend gehe ich mit einer Freundin essen und nach dem Liveauftritt treffe ich eine Bestsellerautorin (das zu schreiben tut schon mal gut) und die Organisatorin eines bedeutenden Blogger-Events zum Kaffee (ich kann euch förmlich schmunzeln sehen!)

Heute 22:00 Uhr – SWR Nachtcafé

Heute Abend ist es soweit. Meine erste große Talk Show. Ich habe von der Reise und der Aufzeichung nicht viel geschrieben, eigentlich kann ich nur eines dazu sagen: es war oberaffentittengeil! Das Team des SWR, die anderen Gäste, das Hotel – alles hat einfach gepasst.

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In der heutigen Sendung geht es um starke Frauen und die reine Frauenrunde besteht echt aus Menschen, die mich beeindruckt haben. Jede von uns hatte einen Weg eingeschlagen, der Kraft braucht und jede von uns kämpft(e) gegen Vorurteile und Klischees. Ich will gar nicht zu viel vorweg nehmen. (SWR 22:00 Uhr – Die Sendung ist nach der Ausstrahlung etwa ein Jahr lang in der Mediathek des SWR verfügbar.)

Besonders froh war ich, auf der Rückreise ein wenig Zeit mit einer meiner Blog-Followerinnen verbringen zu können. Und ich musste gleich zu Beginn lachen, denn meine Beschreibung „ich bin die mit dem grünen Koffer und den roten Schuhe“ schien nicht ideal – ich war die dritte Frau, die auf die Beschreibung passte 😀 Auf jeden Fall habe ich bei Kaffee und Prosecco mit ihr vor lauter Spaß an der Unterhaltung beinahe die Zeit übersehen. Und ich muss sie nochmal treffen, denn wir haben nicht mal ein gemeinsames Selfie gemacht 😉

Und jetzt schreibe ich „Sekt“ auf den heutigen Einkaufszettel, denn den Auftritt heute im Fernsehen kann ich mal selbst mitverfolgen und feiern.

Ein wichtiges Anliegen habe ich jedoch noch: es gibt eine Petition, die ich gerne unterstützen möchte. Anliegen der Petition ist es, das völlig veraltete Transsexuellengesetz durch ein modernes Selbstbestimmungsgesetz zu ersetzen und dabei auch die medizinische Versorgung (§6) zu verbessern. 
https://www.openpetition.de/petition/online/selbstbestimmungsgesetz-selbstbestg-jetzt-beschliessen

Dorothea Zwölfer hat dazu selbst gebloggt und erklärt dort alles ausführlich: https://aufwind2012.wordpress.com/2017/06/10/ich-hoffe-auf-den-bundestag-und-starte-deshalb/

Nina on tour…

Ich bin müde. Inzwischen fließen 3 Kaffee durch meinen Körper, aber irgendwie wirkt keiner – zumindest nicht so, dass ich wach werde. Gerade bin ich in den ICE nach Hannover eingestiegen und genieße die Ruhe. 

Alleine verreisen. Wer hätte vor einem halben Jahr gedacht, dass ich das mal schaffe? Ich, ehrlich gesagt, nicht. Und nun sitze ich da, zwischen fremden Menschen und ihren Laptops, auf dem Weg nach Baden Baden. 

Heute habe ich VIP Service. Vom Bahnhof werde ich zum Hotel gebracht, von dort auch wieder abgeholt… Um 5 Uhr geht es in die Maske und ich gebe zu: ich bin ein wenig aufgeregt. 

Wenigstens habe ich nicht den Fehler gemacht, der mir bei der letzten Reise unterlaufen ist: diesmal habe ich bequeme Schuhe an 🙂 

Nina ist auf dem Weg…