Meine Angststörung (Teil 2)

zum Teil 1 hier entlang… LINK

Als ich erkannt hatte, dass meine Angst zu einer Belastung wurde, habe ich erstmal darüber geschwiegen. Selbst in der Therapie war das ein Thema, das ich mied. Zu groß war mein Bedürfnis, das „auf die Reihe zu bekommen“. Irgendwie wollte ich nicht und konnte auch nicht zugeben, dass ich die Kontrolle verloren hatte.

Mein Angst lähmte mich und irgendwann sprach ich doch darüber. Zögerlich, vorsichtig, verletzlich. Mein Frau erfuhr, wie stark die Angst in mir bereits war, mein Therapeut und eine handvoll Menschen erfuhren „dass ich nicht einfach so irgendwo hin fahren kann“. Ich beschrieb es als „Ich hab ein Problem mit fremden Orten und Menschen, die ich noch nicht kennengelernt habe“. Oft wurde ich gefragt, ob ich zu diesem oder jenen Treffen kommen wollte… und ich lehnte immer ab. Oft ohne Begründung, oft mit einer Ausrede, selten mit der Wahrheit.

Aber ich wusste, dass ich etwas machen musste. Es würde sich nicht von selbst lösen, das war mir klar. Nun ist es so, dass ich für meine Diplomarbeit einiges an Literatur zum Theme Ängste gelesen habe („Muss Fernsehen Kindern Angst machen“ konnte ich nicht ohne Recherche zu Angst schreiben). Und ein wenig half mir dieses Wissen, beim entwickeln einer Strategie.

Diese Gedanken bewegten mich:

  • Angst hat eigentlich die Aufgabe zu schützen
  • Angst kann bewältigt werden – wenn man sich ihr stellt
  • Ängste verschwinden nicht
  • Seit frühster Kindheit habe ich immer wieder Ängste erlebt und bewältigt. Angstbewältigung gehört zur Entwicklung einfach dazu
  • Ich hatte Angst davor, mich meiner Angststörung zu stellen
  • Niemand außer mir kann meine Angst bezwingen

Irgendwie musste ich der Angst einfach mal ins Auge blicken und das passierte vergangenen Dezember. Ein depressiver Schub machte mir klar, dass meine Angst einer der Faktoren geworden war, wieso ich vieles in meinem Leben als Sackgasse empfand. Anders als zuvor hatte ich aber den Willen, etwas dagegen zu unternehmen.

Mir wurde klar, dass ich nicht einfach in einen Zug steigen konnte, um jemand wildfremden zu begegnen. Das konnte ich nicht, weil meine Angst das nicht zulassen würde. Da mir schon der Gedanke schrecklich vorkam, beschloss ich, der aufkommenden Angst zu signalisieren: „Danke für die Warnung, ich behalte das im Auge!“ – Meine Angst hatte mich ja einfach gewarnt und ich habe diese Warnung mal bewusst beantwortet. Statt zu versuchen, sie zu verdrängen, habe ich die Signale angenommen und somit der Angst einen Raum gegeben. Erstaunlicherweise konnte ich dadurch sehr viel konzentrierter eine Lösung suchen und mein Plan war ab da: ich fahre mit dem Zug zu einem Menschen, den ich nur online kenne … und es gab einen Menschen, den ich gerne treffen wollte.

Die Person, die ich besuchen wollte, war mir wichtig. Ich freute mich immer, wenn ich mich mit ihr online unterhielt und das Bedürfnis sie zu treffen war schon da, als die Angst noch dominant war. Bei jedem Schritt, den ich machte – selbst als ich eine Zugverbindung suchte – hatte ich schweißnasse Hände. Und immer sagte ich mir (teilweise laut): „Danke für die Warnung, ich behalte das im Auge!“ es wurde mein Mantra, mein inneres Lied. Ich machte bewusst kleine Schritte… an einem Tag die Verbindung raus suchen. Am nächsten Tag über die mögliche Reise sprechen. Schauen, ob es eine bessere Verbindung gibt. Einen Menschen bitten, dass ich ihn anrufen würde, wenn etwas nicht gut liefe und unterwegs per WhatsApp oder SMS Kontakt zu halten. Das Ticket kaufen – das war ein riesen Schritt. Badewanne zur Belohnung. Und immer mein Mantra im Kopf.

Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was der Grund war, warum ich die Angst plötzlich als nicht mehr so groß wahrnahm. Es kam sogar Vorfreude auf die Reise auf. Wahrscheinlich war es einfach gelungen, der Angst zu sagen: gut, dass es dich gibt, ich respektiere dich… da ist dein Platz, ich werde die richtige Entscheidung treffen. Ja, auf einmal war es so, dass ich mir wieder bewusst wurde, wer von uns beiden das sagen hat. Meine Angst, vor kurzem noch ein bissiger Kampfhund, ging in ihr Körbchen, knurrte ab und zu kurz, aber ich hatte wieder die Oberhand.

Tja und dann kam der Tag der Reise immer näher… aber das erzähle ich Euch im Teil 3 in ein paar Tagen.

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