Die starke, mutige Kämpferin…

»Du bist so stark,« lese ich in einer E-Mail. Ein wenig schmeichelt mir dieses Kompliment schon, aber ich fühle mich nicht stark. Eigentlich fühle ich mich meist kraftlos und ausgelaugt. Seit Jahren gehe ich meinen Weg und die Hürden haben sich nur wenig verändert. »Du bist eine Kämpferin,« sagt eine andere Leserpost. Ich atme tief ein, beiße mir auf die Lippen und antworte: »Ich kämpfe nur, weil ich muss.«

Kämpferin … Vor etwas mehr als hundert Jahren, als die ersten Frauen Hosen anzogen, mussten diese Frauen kämpfen. Neulich sah ich eine Dokumentation über diese Vorkämpferinnen für Gleichberechtigung. Die Bekleidung von Frauen scheint immer wieder in der Lage zu sein, gesellschaftliche Diskussionen anzustoßen. Ob Hosen, Minirock, Bikini, Latzhose, BH oder Kopftuch, immer wieder wird öffentlich über etwas diskutiert, das im Idealfall nur eine Entscheidung der Frau sein sollte. Auch meine Kleidung war in unserer kleinen Stadt oft Gesprächsthema. Meine Schuhe sorgten in der Videothek, in der ich jobbte mal für die Diskussion um Arbeitssicherheit. Während meiner Kollegin zugetraut wurde, auf Pumps zu gehen und auch die Kundinnen nicht vor dem gefährlichen Boden gewarnt wurden, wurde ich darauf hingewiesen, wie groß das Verletzungsrisiko mit so hohen, spitzen Absätzen doch sei.

Bin ich eine Kämpferin?
Einerseits muss ich wirklich viel Energie aufwenden, wenn es darum geht, meine Behandlung voranzutreiben, meine Anerkennung bei Ämtern und Behörden durchzuboxen und ja, ich bin kämpferisch, wenn ich mal wieder als Herr Jaros angesprochen werde. Aber ich reagiere, ich agiere nicht. Ich renne nicht mit einer transgender pride Flagge durch die Straßen und ich stehe nicht am Marktplatz unter einem Sonnenschirm und verteile Flyer, um aufzuklären. Ich bewundere die Menschen, die solchen Idealismus leben, aber ich kämpfe maximal mit ein paar Worten. Statt als Kämpferin sähe ich mich lieber als Aufklärerin, als eine Vermittlerin, die anderen Menschen zeigt, was es bedeutet, als trans* Person zu leben. Ich schreibe über meinen Alltag und das, was mir jeden Tag begegnet, ich habe keinen Themenkatalog an meinem Schreibtisch, keine Ideensammlung. Oftmals bin ich nicht einmal sicher, ob andere Menschen meine Gedanken verstehen, und schon gar nicht, ob andere trans* die gleichen Probleme erleben.

Ich sei ein Vorbild, meinte eine Followerin und machte mich damit sehr verlegen. Ich denke zurück an meinen schwulen Religionslehrer, der mit seinem Coming-out seinen Beruf riskiert hatte. Er hatte immer ein offenes Ohr für meine Sorgen und ist wahrscheinlich der einzige Grund, warum ich mich nie ganz von … ach, er war einfach ein guter Kerl und lebte mir vor, wie Toleranz im Alltag funktionieren kann. Ich hingegen bin eine sture Zicke, die oft heulend in der Ecke sitzt. Oft will ich gar keine Menschen sehen.

Ich wünsche mir, dass trans* Menschen so leben können, dass sie keine Kämpferinnen wie mich als Vorbild brauchen.

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17 Gedanken zu “Die starke, mutige Kämpferin…

  1. Ich gehöre zu denen die dich stark finden und dir das auch schon gesagt haben.

    Es müssen keine Kämpfe für alle ausgefochten werden um „stark“ zu sein.
    Du bist ja nicht nur eine tolle Frau die fälschlicherweise bei Geburt den Stempel „Junge“ bekam. Du bist nebenbei auch noch Papa, Ehefrau, deine Familie steckt in diesem beschissenen Hartz IV Sumpf, den ich am liebsten den verantwortlichen Politiker*innen als eigenen Lebensstandard vorsetzen würde (dafür können deren Pensionen dann unter den Hartz IVler*innen aufgeteilt werden). Du steckst in einem Körper der nicht deiner Selbstwahrnehmung entspricht und bist, statt da Unterstützung von allen Seiten zu erfahren, der Bewertung(!) von anderen Menschen ausgeliefert, die darüber entscheiden dürfen ob das für dich tatsächlich eine Belastung darstellt.

    Und trotzdem machst du immer und immer wieder weiter. Das ist schon mehr als genug.
    Aber statt einfach nur weiter zu machen erzählst du auch noch davon und gibst dadurch anderen Menschen Einblicke, lässt sie teilhaben und mitfühlen. Du gibst anderen Kraft obwohl du selbst oft an deine Grenzen kommst und darüber hinaus gehst.

    Du sagst du kämpfst, weil du musst: aber viele andere hätten schon aufgegeben, resigniert oder sich n Strick genommen. Und ich würde das nicht verwerflich finden, sondern mehr als verständlich.

    Das ist für mich einfach eine große innere Stärke, die du besitzt die sich da zeigt. Dein Gefühl von „du musst“ ist das was ich als stark wahrnehme.

    Gefällt 3 Personen

  2. Du bist unglaublich, bei dem was du und deine Familie alles erlebt (und ich bekomme davon nur einen Bruchteil mit!) bewahrst du dir deinen Humor und eine unglaublich liebevolle Art auch noch für andere im Netz da zu sein.
    Auch wenn du dich vielleicht nicht immer stark fühlst, hier draußen gibt es Menschen, die dich gern haben und zu dir halten!
    Ich möchte NRW einmal zusammenfalten und euch in meine Nachbarschaft verlegen. Zusammen mit Rabenmutti Yasmin (Bonn falten wir auch noch mal) hätten wir dann sehr viel Spaß.

    Gefällt 1 Person

  3. Hallo Nina,

    Ich bin da ganz bei dir. Wir( meine- seit-1-Jahr-Frau und mir) geht es ähnlich. Von vielen hören wir immer wieder wie toll, tapfer, tolerant, bewundernswert, vorbildlich,… wir als Familie sind.
    Ja, wir sind besonders. Ja, wir haben Probleme, die andere Familien vielleicht nicht haben.
    Und trotzdem sind wir einfach eine Familie.
    Ich benutze nicht mal den Begriff Regenbogenfamilie, weil es uns abhebt, uns auf eine andere Stufe stellt und uns auch etwas von der Gesellschaft ausschließt. Wir wollen keine Vorbilder an Toleranz sein, zumindest nicht für andere. Nur für uns und unsere Kinder.
    Wir wollen nicht inspirieren oder die Welt verändern.
    Und doch in dem wir genauso leben, wie es unsere Herzen wollen, verändern wir die Welt ein kleines Stück und dieses kleine Stück wird weitergetragen durch unsere Kinder und die Menschen, die wir ‚wider Willen‘ inspirieren.

    ☺️

    Gefällt 1 Person

    1. Ja, wir verändern die Welt… Ich möchte durchaus inspirieren und auch aufklären. Ich mag nur den verklärten Blick auf mich und meine Familie nicht sehr… Verstehst du, was ich meine

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          1. Ich freu mich auch, besonders das ich heute über deinen Blog ‚gestolpert‘ bin. Manchmal fehlt mir der Austausch mit Familien in ähnlichen Lebenssituationen.

            Du sagst es, wir gestalten die Zukunft mit.

            Freu mich auf weitere Beiträge
            Lg

            Gefällt 1 Person

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