Meine Angststörung (Teil 1)

Es ist nicht einfach, zu vermitteln, was es bedeutet mit einer Angststörung zu leben. Es ist nicht einfach, denn eigentlich versuchte ich immer, dass niemand merkt, dass ich meine Angst nicht mehr kontrollieren konnte. Meine Angst hatte das Ruder übernommen.

Wie alles anfing

In Menschenmengen fühlte ich mich nie wohl. Bei Veranstaltungen sah ich immer zu, dass ich den Notausgang in meiner Nähe hatte. Statt mich auf ein Konzert zu konzentrieren, dachte ich schon vor der Vorband über die mögliche Katastrophe und die nötige Flucht nach. Aber das bewegte sich alles noch in einem Rahmen, den man als „normal“ bezeichnen könnte. Meine Gefühle fielen niemanden auf und diese Angst schränkte mich nicht ein.

Wie ich die Kontrolle verlor

Rückblickend gesehen habe ich nie bemerkt, wann genau meine Angst das Teuer in die Hand bekam und ich zu ihrem Beifahrer wurde. Irgendwann fühlte ich mich an unbekannten Orten unwohl und versuchte immer vorher wenigstens Fotos zu finden. Und Menschen, die ich nicht kannte, waren mir als Online-Kontakte immer herzlich willkommen, aber beim Gedanken, dass man sich real begegnen konnte, blockte ich oft ab. Die Ausreden waren teilweise kreativ, teilweise brach ich auch einfach den Kontakt ab. Tja und irgendwann war es soweit, dass ich neue Menschen nur noch traf, wo ich mich sicher fühlte und sicher fühlte ich mich nur an Orten, die ich bereits kannte. Neue Orte konnte ich nur noch kennenlernen, wenn mich jemand begleitete, den ich kannte.

Alleine unterwegs zu sein, bedeutete für mich Stress. Selbst in recht gut vertrauten Gegenden, ging ich nur bekannte Wege, mied alles, was neu war. Menschen und Plätze… Oder ich hatte meine Frau an meiner Seite, meine Kinder am Arm,… ich wurde erfindungsreich. Und es fiel niemanden auf.

Als ich erkannte, wie tief die Angst sitzt, war es zu spät

Eines Tages lernte ich einen Menschen kennen, die mich zuhause besuchte und zu sich einlud. Sie lebt nicht weit weg, zu Fuß würde ich wahrscheinlich keine 20 Minuten brauchen. Aber…. aber: Ich kannte diese Straße nicht. Ich war noch nie dort und so konnte ich sie nicht besuchen. Wir reden von einer Straße in meiner eigenen Stadt. Nicht von einem dunklen Loch, eine beleuchtete Straße, an deren Ende ich schon stand (denn die Querstraße kannte ich). Ich konnte die Straße entlang sehen, aber keinen Schritt gehen. Ich konnte nicht einmal auf die Straßenseite wechseln, auf der die Abzweigung war. Da stand ich und überlegte, ob ich mich von meiner Bekannten abholen lassen sollte oder ich den Weg mal mit einem meiner Kinder gehen sollte und dann war mir klar: ich konnte nicht dorthin. Ich alleine konnte mich nicht mal in meiner Stadt frei bewegen.

Jahrelang hatten meine Tricks funktioniert. Irgendwie war immer jemand da oder ich konnte einen Treffpunkt vereinbaren, den ich kannte… Der letzte Termin, den ich alleine geschafft hatte, war mein Gutachter gewesen… Dezember 2014. Und damals hatte ich trotz der Bedeutung des Termins fast am vertrauten Bahnhof umgedreht. Schon davor hatte ich oft Auswege gefunden, um nicht alleine irgendwo hin zu müssen… danach ging es nicht mehr ohne Tricks. Ich sprach mit niemanden darüber und durch meine raffinierten Strategien, hat es fast niemand bemerkt.

Onlinefreunde, die mir ans Herz gewachsen waren und mich treffen wollten – unmöglich. Bloggertreffen, Twittertreffen… unmöglich. Schon der Gedanke machte mir so Angst, dass ich nächtelang wach lag. Oft sagte ich Treffen zu und sagte dann kurz vorher ab… „Kind hat Fieber“, „ich bin krank“ oder ich sagte gar nichts. Ich hatte Angst, dass ich zu einem Bewerbungsgespräch irgendwo eingeladen werden könnte, wo ich noch nie war… ich hätte nicht hinfahren können und nicht gewusst, wie ich das hätte erklären können… oder ich hätte einen Freund, ein Kind, meine Frau mitnehmen müssen…

Plötzlich war da nur noch Angst und ich hatte keine Kontrolle mehr.

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