Oh, das Fernsehen…

In den letzten Jahren hat sich viel an dem verändert, was wir Fernsehen nennen. Streamingdienste zogen in Wohnzimmer und Handys und überhaupt kann man heutzutage eigentlich alles dann sehen, wann man will und wo man gerade ist (abgesehen von den Einschränkungen, wenn man Grenzen überschreitet und mal außerhalb eines Landes eine bestimmte Serie sehen will…)

Transsexualität ist ein beliebtes Thema geworden. Serien wie Transparent, sense8, OA,… erreichen eine große Zuseherschaft. In einigen sind trans* Personen die Hauptrollen, in einigen die Nebenrollen. UND: inzwischen dürfen auch trans* Darsteller die trans* Rollen spielen (zwar nur Nebenrollen). Selbst die Lindenstraße hat das Thema aufgegriffen.

Am 31. 3. ist der Transgender Day of Visibility (#TDOV) Ich suche noch immer nach einem gängigen deutschen Namen für den „Hey, es gibt uns“-Tag. Dieses Jahr habe ich die regionale Presse angeschrieben und bekam überraschend viele und gute Reaktionen. Bereits zweimal wurden meine Frau und ich nun interviewt und heute kommt nochmal ein Kamerateam vorbei.

Grund genug, über die Darstellung von trans* im TV nachzudenken. Damit meine ich nicht, dass die meisten trans* in Filmen und Serien noch immer von cis Darsteller*innen gespielt werden, sondern das, wie trans* Menschen in Interviews und Reportagen erscheinen:

„Schminken Sie sich?“
„Dürfen wir ihren Schrank filmen?“
„Wir möchten gern ihren Alltag zeigen, könnten wir einfach mal mit ihnen durch die Stadt gehen?“
„Haben Sie ein Foto, wo sie als Mann drauf sind?“

Das sind Fragen, die stellt mir jedes Kamerateam und auch diesmal habe ich diese Fragen gelesen und dabei den Kopf geschüttelt. Warum ist mein Kleiderschrank so spannend? Was ist darin, was nicht im Schrank jeder anderen Frau auch zu finden ist? Die meisten Frauen, die ich kenne schminken sich regelmäßig…

Ich antworte meistens sehr direkt und frage, was mein Schrank denn zur Geschichte beitragen könne und was ihn so viel toller macht, als den einer anderen Frau. Ich gebe zu, die Redakteure zucken kurz zusammen, wenn ich ihnen sage: Nein, mein Schlafzimmer , das Kinderzimmer und mein Badezimmer sind tabu. Aber die meisten hatten bisher Verständnis, wenn ich ihnen sagte, dass sie Gefahr laufen, mich als Mann in Frauenkleidung darzustellen. Und ich weiß, dass ich trotz all meiner Einwände, Erklärungen und Gegenfragen, keinen Einfluss darauf habe, wie ich im Endeffekt dargestellt werde. Dazu habe ich zu viele Interviews geschnitten und Aussagen raus gearbeitet, die der jeweiligen Redaktion passten…

Ja, das sind wir trans Frauen in den Medien: Männer in Fummel. Das Bild der „Transe“ lässt sich auch einfacher zeichnen, als das eines Menschen, der sich nie entschieden hat, trans zu sein, aber jeden Tag damit lebt. Es ist einfacher uns als exotische Freaks darzustellen, als die Menschen, die uns mit Diskriminierung begegnen mal zu fragen, was in ihnen vorgeht. Es ist einfacher uns als abnormal darzustellen, als zu hinterfragen, warum Menschen, die mit mir nichts zu tun haben, mich nach meinen Genitalien fragen, warum ich bespuckt werde und beschimpft oder einfach angeglotzt, wie ein Tanzbär…

Trans Männer werden anders dargestellt. Irgendwie habe ich meist den Eindruck, dass man diesen Menschen den Stempel „extreme Kampflesbe“ aufdrücken will, aber sie als Mann darzustellen? Nein, das wäre ja was Neues. Lass und lieber fragen, ob wir Binder und nen Kunststoffpenis zeigen können… Juhu,  das lieben die Zuseher!

Ich gebe zu, es ist schwer, mich als Frau darzustellen, denn was mich zur Frau macht ist nicht mein Körper – aber der ist nun mal vor der Kamera. Um trans* besser darzustellen, müsste man sich Zeit nehmen und die Diskriminierung, die Ausgrenzung und auch die Akzeptanz porträtieren. Man müsste aufhören nach Spiegel, Schrank und alten Fotos zu fragen. Zugegeben, es ist leichter, schneller und billiger, ein Team hinzuschicken, Fragen zu stellen und dann ein paar schöne Schnittbilder zu zeigen.

Irgendwie wünschte ich mir, dass ich mit einem Kamerateam durch die Stadt gehe und dann die Menschen vor die Kamera geholt werden, die auf mich reagieren – positiv, wie negativ. Irgendwie wünschte ich mir, dass trans* irgendwann mal nicht als unglaublich seltene Exoten präsentiert werden. Irgendwie wünschte ich mir, dass mal eine Mail von einer Redaktion kommt, die nicht nach einem alten Foto fragt… Ich hab kein Vorher/Nachher Bild meiner Seelendiät und nein, ich will auch keines.

Trotz allem: Dieses Jahr bin ich sichtbar. Es kostete ein wenig Mut, mich vor die Kamera zu setzen und das in meinem Wohnzimmer. Es kostete Mut, weil ich keinen Einfluss auf die Darstellung habe. Ich bin gespannt, ob ich ein Portrait oder ein Klischeebild finden werden, wenn ich in wenigen Tagen die Beiträge sehen werde.

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13 Gedanken zu “Oh, das Fernsehen…

  1. Ich denke, wenn es sich um einen seriösen Journalisten handelt, interessiert ihn den Blick in den Schrank insofern, um herauszufinden, was Dich als Frau kleidungsmässig ausmacht. Frauen sind Kleidung einfach wichtig und sie identifizieren sich dadurch.
    In den USA versucht man eigentlich in fast jeder TV Show die Vorurteile abzubauen. Das habe ich in den letzten Jahren beobachten können. Ich finde es schade, dass es noch so viele Berührungsängste gibt, egal ob da oder hier.
    Immerhin gilt jedes 137. Kind in den USA als trangender. Es ist gar nicht so selten und sollte auch nicht so betrachtet werden.

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  2. Ich tu mich grad schwer, dir hierzu einen Kommentar zu schreiben, weil ich immer irgendwie fürchte, es könnte der Eindruck entstehen, ich wolle von dir ablenken, weil ich hin sehe zu einem „Darüber“.
    Und dem ist nicht so – ich sehe dich an (hoffe ich doch zumindest).

    Schwierig am TV ist doch leider, dass es nur 2-dimensional ist.
    Und dass weder Gefühle fühlbar, noch Tiefes sichtbar wird.
    Und auch, dass für jeden wahrhaft guten, ernsthaft recherchierten und evtl. verstehen helfenden Beitrag 10 Leute in anderen Sendungen auftauchen, die so dermaßen; so unsagbar überzogen; so vollkommen falsch oder ins lächerlich gezerrte Persönlichkeiten transportieren, dass das Gute der einen Sendung – wenn man sie überhaupt gesehen hat – hierdurch wieder verpufft.

    Letztlich könnte es vermutlich ganz „einfach“ sein, trans* unter Menschen zu sein (nein, nicht der Prozess, aber das Miteinander), wenn die anderen garnicht so viel denken, wissen, verstehen, fragen und bohren müßten/würden.
    Wenn sie einfach akzeptieren würden.
    Kurz mal gucken und weiter – genauso, wie mit anderen auch.
    Oh, ein Mensch!!! – und gut.

    Aber all dieses „Unnormale“, „Exotische“, „Faszinierende“, …. ist bei allen Menschen so, die nicht einer eigentlich nur eingebildeten „Norm“ entsprechen.
    Das gibt es mit all diesen „freiwilligen Huren“ ebenso wie mit den Zwangsprostituierten.
    Mißbrauchs- und Vergewaltigungsopfern.
    Mit den Behinderten, die schwerst leiden ebenso, wie mit jenen Behinderten die sagen „jetzt erst Recht!!!“
    Mit Trans*, Hermaphroditen, Männern mit 2 Penissen
    und weiß der Himmel, welchen Menschen noch alles.

    Man kann nicht einfach AKZEPTIEREN.
    Man will „popeln“
    Und so leisten Menschen wie Du große Arbeit, um zu versuchen, Ignoranten ein Hirn zu aktivieren.
    Oder ein Herz.

    Ich gebe zu, ich hätte Angst.
    Ich würde anderen nicht trauen; mich vielleicht schon.
    Gut, dass Du es tust; dich wagst und nicht aufgibst, wenigstens „etwas“ zu verändern.
    Ich wünsche dir nur positive, gute Erfahrungen.

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  3. Liebe Nina,
    super! Wo kann man den Bericht sehen?
    Zum Prozedere: Ich bin sicher, dass Du Dir das alles SEHR gut überlegt hast und dass Du den Reportern/innen zutraust, dass die das nicht sinnentstellend zusammenschneiden. Was die vorher/nachher-Bilder angeht: Ich verstehe, wie sehr Dich das nervt. Ich kenne das aber auch von der anderen Seite, von dort, wo wir dem Zuschauer erklären wollen, um was es geht. Nicht nur zeigen, auch erklären. Wir alle hier, die wir hier mitlesen, kommentieren, Dein Blog und Dein Leben und Deine Transition miterleben dürfen, haben mehr oder weniger viel Ahnung davon. Aber das kann man nicht bei allen Menschen voraussetzen. Und darum müssen gerade solche Fernsehberichte, die in 2-5 Minuten eine Geschichte erzählen, uns einen Menschen näher bringen sollen, erklären, aufklären, zum Abbau von Vorurteilen und Missverständnissen beitragen sollen, eben meist bei Adam und Eva anfangen, jedes Mal, sorry. Erklären, dass Transgendermenschen eben keine Schicki-Micki-Mode-Opfer sind, dass Cis-Menschen vielleicht in der Mehrheit sind, aber alles rechts und links davon eben nicht unnormal ist … Du weißt ja selbst, wie schmal der Grat zwischen Klischee, Vorurteil und Realität ist, wenn man das Ganze abbilden will.
    In diesem Sinne:
    Es wird. Bestimmt. Gut.

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    1. Danke für diesen sehr schönen Kommentar. Da ich ja Fernsehen studiert habe, weiß ich sehr gut, dass man jede Aussage im Schnitt erreichen kann, die man will (ich empfehle: „Kubrick, Nixon und der Mann im Mond“) aber ich habe einfach beschlossen, dass es wichtiger ist mal an die Öffentlichkeit zu treten… Ich bin einfach neugierig, was rauskommt 🙂

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  4. Wow! Das war doch richtig gut! Der Artikel war ok, das Video/Interview dazu fand ich richtig gut. Ihr kommt beide supersympathisch rüber. Und wer Dir zuhört, müsste eigentlich auch verstehen, was die Geschichte ist.
    Der Beitrag im Privatfernsehen war auch erstaunlich *grins* gut, halt megahektishc gesprochen und textlich – naja, vergleichsweise ok. Ich hätte mir da gewünscht, dass die Reporterin versucht, näher an Dich ranzukommen, es blieb ein bisschen an der Oberfläche – viel Text, wenig Nina. Aber vielleicht war das ja erst der Anfang …
    In jedem Fall: Supermutig, gut, richtig, Danke! Und so konnten Deine Leserinnen und Leser Dich auch mal in echt sehen und hören ;-).

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  5. Wenn Du das alles schreibst, warum die Fragen „falsch“ sind, finde ich das total logisch. Ich muss aber gleichzeitig zugeben, dass ich da vorher nicht drauf gekommen bin. Wenn „nicht böse gemeint“ genauso wie „gut gemeint“ eben nicht gut ist…
    Ich bin Dir so dankbar für Dein Blog, weil ich dadurch soviel über dieses Thema erfahre. Also glaube mir bitte, dass wenn ich mal eine blöde / „falsche“ Frage stellen sollte, das garantiert nicht so gemeint ist. Für mich zählt nur der Mensch an sich – nicht sein Geschlecht, nicht seine Sexualität – nein, sein Charakter!
    Und auch wenn ich Dich „nur“ von Deinen Texten her „kenne“: ich finde, Du bist toll!

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    1. Du hast sicher schon gemerkt, dass ich auch Fragen beantworte, die nicht so 100% gut sind. Das ist Teil von Aufklärung. Ich sage dann meistens auch, dass die Frage nicht unbedingt eine ist, die man anderen trans Personen einfach so stellen sollte

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