Oh, sie sind ein Sonderfall…

Eigentlich sollte ich mich langsam daran gewöhnen. Immer wieder höre ich: „Generell ist das schon so, aber Sie sind ja nun mal ein Sonderfall.“ Und ja, ich weiß, unser Leben läuft ein wenig anders ab, als das der meisten Familien. Das zeigt sich eigentlich oft an den Fragen, die mir/uns gestellt werden:

„Wie? Im Bahnhof kann man wohnen?“
Ja, wir leben in einem kleinen Bahnhof. Es ist kein stillgelegter Bahnhof und darin ist auch ein Reisebüro, eine wegen Vandalismus gesperrte Toilette und ein Theater. Seit wir hier leben ist diese Frage sicher die, die wir am häufigsten beantworten. Vor allem, wenn mal ein neuer Paketbote wieder den Eingang sucht oder eines der Kinder nach einem Kindergeburtstag nach Hause gebracht wird.

„Und deine Frau hat dich nach dem Coming Out nicht verlassen?“
Ich weiß, dass nur wenige Beziehungen von trans Menschen das Coming Out und die Transition überstehen. Das liegt wohl daran, dass alle betroffenen Personen sehr viel erleben und die Veränderungen jeden Lebensbereich berühren können. Es gibt sicher eine gute Erklärung, warum meine Frau mich nicht verließ. Vielleicht hat es damit zu tun, wie ich mich ihr gegenüber geoutet habe oder daran, dass wir die Transition gemeinsam und langsam, Schritt-für-Schritt durchlebt haben oder einfach daran, was meine Frau oft sagt: Sie liebt die Person, nicht das Geschlecht. Ich würde mir wünschen, dass viel mehr Paare es schaffen, so miteinander umzugehen, aber derzeit sind wir offenbar ein Sonderfall.

„Das ist die Mama von XY.“ – „Nein, ich bin die Papa.“
Ich habe kein Kind zur Welt gebracht und konnte leider keine eigene Schwangerschaft erleben… Aber ich bin Papa meiner Kinder. Ich finde Papa ist ein tolles Wort und ja, ich differenziere zur Mutterschaft. Ein wenig beneide ich sogar alle Frauen, die Mutter werden können, aber ich bin glücklich über meine Kinder. Es ist total süß, wie Menschen auf der Suche nach der weiblichen Form für Elternteil immer wieder auf Kombinationen von Mama, Mami, Mamu usw kommen, aber ich fand es für mich passender einfach die Papa zu sein. Wie schwer das für mein Umfeld ist, zeigt sich, wenn die ehemalige Kindergartenerzieherin meines Mittleren (die mich seit etwa 5 Jahren kennt) noch immer eine Mama nennt.

„Und ihr seid verheiratet?“
Oh Goth, wie können wir nur. Es ist aber wirklich so: durch die Tücken der Bürokratie wurde unsere Ehe nicht aufgelöst (das war bis vor einigen Jahren noch ganz normal vor der Personenstandsänderung, wurde vor ein paar Jahren aber als verfassungswidrig betrachtet). Seitdem bin ich in der Heiratsurkunde „Ehemann, weiblichen Geschlechts“ – etwas, das mich immer wieder zum lachen bringt. Außer beim Finanzamt, denn da gibt es kein Formular für gleichgeschlechtliche Ehen…

Und seit kurzen ist eine neue Frage Teil des Repertoires von Sonderfällen: Mein jüngster Sohn hatte gestern (am Rosenmontag) seine Einschulung. Unterjährige Einschulung ist offenbar so selten, dass sich das halbe Dorf wieder den Schnabel zerreißen kann und ich von wildfremden Menschen auf der Straße inzwischen deswegen angesprochen werde. Ach ja, bevor ich es vergesse: es gefällt ihm super und wir sind erleichtert, dass es diese Lösung an unserer Schule gab.

Eigentlich, wenn ich all die Situationen ansehe, in denen ich als Sonderfall leb, könnte ich mich wirklich mal trauen, trotz meiner noch nicht erfolgten OP in die Damensauna zu gehen…

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13 Gedanken zu “Oh, sie sind ein Sonderfall…

  1. Hallo liebe Nina, ich habe ein Frage… Was bedeutet Unterjährige Einschulung? Einschulung zum Halbjahr? Aufgrund von besonderer Begabung? Ich hab da wirklich noch nichts von gehört, deswegen frage ich.
    Dein Blog gefällt mir sehr sehr gut und ich finde es super, das du so offen sprichst/schreibst. Weiter so 🙂
    LG ins Lipperland (etwas Lipper-Blut fließt auch durch meine Adern) 🙂

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    1. Naja, es ist nicht genau zum Halbjahr. es gab mehrere Faktoren. Wir hatten aufgrund von Problemen den Kindergarten verlassen müssen… Ne lange Geschichte, die ich nicht öffentlich ausbreiten will.

      Auf jeden Fall hätte er im August ohnehin Einschulung gehabt und nachdem er die schulärztlichen Kriterien alle erfüllt hatte, hatten wir ein Vorstellungsgespräch in der Schule… nun ist er sehr neugierig, war immer schon an Zahlen und Rechnen fasziniert (ich glaube, der hat schon immer irgendwas addiert oder geteilt) und er vor einigen Monaten auch angefangen hatte, zu lesen… Die Direktorin sagte auf jeden Fall „ach, der würde ja eigentlich perfekt in ne erste Klasse passen.“ und wir sprachen über die Situation mit dem Kindergarten.

      Und dann schlug sie vor, sich darüber zu erkundigen, ob eine vorzeitige Einschulung möglich wäre… und das ging recht unkompliziert… Nachdem Schulleitung Lehrer, wir und er selbst das gut fanden, haben alle gewonnen 😉

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  2. Ich finde es wunderprächtig, ein Sonderfall zu sein.
    Weil es sagt, beweist und zeigt, dass man wahrlich ein eigenes, individuelles und persönliches Ich hat.
    Und nicht einfach den ausgelatschten Pfaden anderer folgt.
    Ihr seid eine tolle Familie und könnt glücklich über das Gute sein, das Ihr euch so schwer erarbeitet habt. Das haben vermutlich jene, die Euch so gern in funktionale Kisten stecken wollen, vermutlich nicht.
    Herzliche Grüße, Luise

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  3. Ich finde es klasse, wie ihr damit umgeht. Ich denke auch, dass mit der Zeit es immer mehr werden, die an die Öffentlichkeit gehen. Eines von 137 Kindern zwischen 13 und 17 Jahren gilt als transgender in den USA. (nach einer neuesten Statistik). Das sollte sich einmal rumsprechen. Liebe Grüße, Ann, die heute auf Deinen Blog aufmerksam gemacht wurde!

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