Liebe BARMER GEK,

Sehr geehrte Damen und Herren,

Gerne hätte ich Ihnen dieses Schreiben per Formular zugeschickt, allerdings konnte ich dort gerade mal drei Absätze einfügen, was zur Vermittlung meines Anliegens nicht reicht. Und daher wende ich mich mit diesem offenen Brief an Sie:

Ich bin transsexuell. Das weiß ich seit meiner Kindheit, lebe es seit einigen Jahren und trotzdem muss ich es für Behandlung von Dritten (Ärzten, Gutachtern) bestätigen lassen… entweder, dass ich transsexuell bin oder dass ich darunter leide. Ich leide an meiner Transsexualität hauptsächlich deshalb, weil ich meine Behandlung nicht bekommen kann, ohne dafür kämpfen zu müssen.

Für meinen Weg in die Öffentlichkeit brauchte ich keine Therapie, da aber nicht einmal eine Haarentfernung ohne Bestätigung des Leidensdrucks eines Therapeuten möglich ist (und das obwohl meine Diagnose durch Indikationen und Gutachten belegt ist), mache ich eine Therapie. Diese Kosten könnte man locker sparen… Aber, da ich ohne Therapie kein Gehör fand, sitze ich regelmäßig bei meinem Therapeuten und versuche ihm meinen Leidensdruck zu vermitteln… denn den habe ich… meinen Bartwuchs kann ich nur für mehr als ein paar Stunden überschminken und dann ist mein Passing einfach hinüber (trotz Hormonen).

Ich habe kein Haarteil beantragt, weil es weniger Aufwand war, eine eigene Lösung zu finden… denn auch dafür muss ich den Leidensdruck nachweisen. Und ganz ehrlich: Anträge stellen und immer riskieren, dass der Antrag dann abgelehnt wird und man darum kämpfen muss, das ist eine psychisch Belastung, auf die ich gerne verzichte.

Seit inzwischen fünf Jahren sammle ich Informationen zur geschlechtsangleichenden Operation. Ja, ich will meinen Penis und die Hoden definitiv los werden. Nun ist die Sandardlösung die Penile Inversion, über die bekomme ich auch am Telefon offen Auskünfte.

Warum ich die Penile Inversion ablehne:

  • Bei der Penilen Inversion wir die Neovagina aus der Haut des Penis geformt.
  • Diese Methode schafft eine künstliche Körperöffnung, die niemals feucht wird.
  • Die Haut des Penis ist nur bedingt geeignet, und birgt ein großes Risiko von Narbenbildung, späterer Verletzungen und Infektionen.
  • Die Neovagina kann keinen vaginalen Orgasmus bewirken.
  • Die Neovagina muss vom ersten Tag an mit einem Dildo gedehnt werden, damit das Gewebe weit bleibt, da der Körper versucht die Wunde (die künstliche Öffnung) zu verschließen.
  • Bei der OP besteht das Risiko, dass Nervenenden durchtrennt werden, also weniger Gefühl da ist, als zuvor.
  • Ich hatte in meinem Leben Sex mit Männern, leider sind diese Erfahrungen so mies, dass ich eindeutig sagen kann: ich will definitiv niemals wieder Sex, bei dem mich ein Mann penetriert. Also brauche ich keine Körperöffnung für meinen Sex.
  • Für meine sexuelle Befriedigung war Penetration nie nötig.
  • Ich lebe mit meiner Frau und werde mich – egal was passieren sollte – definitiv nicht mehr auf Sex mit einem Mann einlassen.
  • Ich will nicht, dass der Penis des Mannes, der ich nie war, in mich gestülpt wird und den Rest meines Lebens in mir steckt.
  • Ich brauche für meine Befriedigung nur den Teil meines Körpers, der bei der OP für die Neoklitoris und die Schamlippen verwendet wird.
  • Ich will keine Neovagina.

Es gibt andere Operationstechniken, bei der die Neovagina aus dem Hodensack gebildet wird. Das ist weniger risikoreich und mir einiges sympatischer, ich brauche aber die Neovagina genauso wenig, wie oben argumentiert… ich will keinen Sex mit Penetration, also macht es keinen Sinn eine künstliche Körperöffnung anzulegen.

Nun ist es so, dass vor einigen Jahren die OP, die ich will (äußere Angleichung ohne Neovagina) die sogenannte Kleine Lösung war. Ich erhalte dazu aber an der Hotline keine Auskunft. Ich werde verbunden, kann lange erklären und habe in den fünf Jahren keine Rückmeldung durch einen Facharzt bekommen, der die Operation kannte. Alles bezog sich auf die Neovagina. Stattdessen wurden mir Urologen genannt, die noch nie eine genitalanpassende Operation durchgeführt haben.

Außerdem wurde ich mehrfach klar gesagt, dass ich, wenn ich keine Vagina will, nicht als transsexuell gelten würde. Die Mitarbeiter sind also per telefonischer Ferndiagnose in der Lage meine Transsexualität besser zu beurteilen, als meine behandelnden Ärzte (Endokrinologe, Gynäkologin, Psychotherapeut, Psychiaterin, Hausärzte und Gutachter).

Bisher habe ich noch keine passende Antwort durch die Hotline bekommen (die sehr höflichen Mitarbeiter der Außenstelle Lemgo sind bei dem Thema überfragt und verwiesen mich an die Hotline).

Meine Frage ganz klar:

Ich will eine Operation zur äußeren Angleichung meiner Genitalien, ohne eine künstlich angelegte Körperöffnung und ich will wissen, welche Ärzte deutschlandweit diese Operation durchführen.

Mit freundlichen Grüßen

Nina Maria Mia Jaros
Bahnhofsplatz 2
32657 Lemgo
0176-57819071
nina@klischeefrei.de

Advertisements

10 Gedanken zu “Liebe BARMER GEK,

  1. Weiterhin viel Erfolg! Ich kann mir gut vorstellen, dass es ein schwieriger Weg ist. Diese Institutionen stellen sich ja schon bei ’normalen‘ Formsachen quer, sobald es dann mal ’spezieller‘ wird, wird es also bestimmt nicht einfacher …

    Gefällt 1 Person

  2. Liebe Nina, ich kann Deinen Frust gut verstehen! Was Du beschreibst, ist so unvorstellbar zermürbend, dass es Dich zerstören kann. Ich wünsche Dir ganz viel Erfolg bei Deinem weiteren Irrweg durchs Labyrinth der medizinischen Bürokratie.
    Liebe Grüße
    Mieps

    Gefällt 1 Person

    1. Leider ist es so, dass viele Transfrauen, die die kleine Lösung haben wollen, nicht die Energie aufbringen (können), um dafür zu kämpfen, ich kenne inzwischen zahlreiche Frauen, die genau diese OP haben wollen, aber deren Anträge meist abgelehnt wurden – oder die im Vorfeld kapitulierten.

      Es ist eifach so, wenn man sich zwischen zwei Formen von Genitalien entscheiden muss, die beide nicht passen, ist das schwierig.

      Gefällt 2 Personen

      1. Das kann ich verstehen. Irgendwann ist die Kraft am Ende und man gibt sich schlussendlich damit zufrieden, was man kriegen kann, bevor man gar nichts kriegt.

        Aber der Umkehrschluss ist ja: Wenn man es schon angeht, dann richtig!
        Und zwar „richtig“ im Sinne von „es fühlt sich richtig an“.
        Ich wünsche Dir, dass es sich am Ende für Dich richtig anfühlt.

        Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s