Monat: Februar 2017

Gedankenanstoß…

Mal kurz nachdenken, welche Nachteile das Leben als cis (also als nicht trans) Person  gegenüber dem als trans hat… ähem: KEINE. Welche Vorteile brächte es, cis zu sein… ne Menge…

Gäbe es irgendeine Möglichkeit, sich zu ENTSCHEIDEN, ob eine Person trans oder cis ist… dann würde sich in dieser Gesellschaft wohl niemand für’s trans sein entscheiden.

Es ist keine Entscheidung. Es gibt keine Wahl. Es ist keine Option, die man sich aussucht.

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Oh, sie sind ein Sonderfall…

Eigentlich sollte ich mich langsam daran gewöhnen. Immer wieder höre ich: „Generell ist das schon so, aber Sie sind ja nun mal ein Sonderfall.“ Und ja, ich weiß, unser Leben läuft ein wenig anders ab, als das der meisten Familien. Das zeigt sich eigentlich oft an den Fragen, die mir/uns gestellt werden:

„Wie? Im Bahnhof kann man wohnen?“
Ja, wir leben in einem kleinen Bahnhof. Es ist kein stillgelegter Bahnhof und darin ist auch ein Reisebüro, eine wegen Vandalismus gesperrte Toilette und ein Theater. Seit wir hier leben ist diese Frage sicher die, die wir am häufigsten beantworten. Vor allem, wenn mal ein neuer Paketbote wieder den Eingang sucht oder eines der Kinder nach einem Kindergeburtstag nach Hause gebracht wird.

„Und deine Frau hat dich nach dem Coming Out nicht verlassen?“
Ich weiß, dass nur wenige Beziehungen von trans Menschen das Coming Out und die Transition überstehen. Das liegt wohl daran, dass alle betroffenen Personen sehr viel erleben und die Veränderungen jeden Lebensbereich berühren können. Es gibt sicher eine gute Erklärung, warum meine Frau mich nicht verließ. Vielleicht hat es damit zu tun, wie ich mich ihr gegenüber geoutet habe oder daran, dass wir die Transition gemeinsam und langsam, Schritt-für-Schritt durchlebt haben oder einfach daran, was meine Frau oft sagt: Sie liebt die Person, nicht das Geschlecht. Ich würde mir wünschen, dass viel mehr Paare es schaffen, so miteinander umzugehen, aber derzeit sind wir offenbar ein Sonderfall.

„Das ist die Mama von XY.“ – „Nein, ich bin die Papa.“
Ich habe kein Kind zur Welt gebracht und konnte leider keine eigene Schwangerschaft erleben… Aber ich bin Papa meiner Kinder. Ich finde Papa ist ein tolles Wort und ja, ich differenziere zur Mutterschaft. Ein wenig beneide ich sogar alle Frauen, die Mutter werden können, aber ich bin glücklich über meine Kinder. Es ist total süß, wie Menschen auf der Suche nach der weiblichen Form für Elternteil immer wieder auf Kombinationen von Mama, Mami, Mamu usw kommen, aber ich fand es für mich passender einfach die Papa zu sein. Wie schwer das für mein Umfeld ist, zeigt sich, wenn die ehemalige Kindergartenerzieherin meines Mittleren (die mich seit etwa 5 Jahren kennt) noch immer eine Mama nennt.

„Und ihr seid verheiratet?“
Oh Goth, wie können wir nur. Es ist aber wirklich so: durch die Tücken der Bürokratie wurde unsere Ehe nicht aufgelöst (das war bis vor einigen Jahren noch ganz normal vor der Personenstandsänderung, wurde vor ein paar Jahren aber als verfassungswidrig betrachtet). Seitdem bin ich in der Heiratsurkunde „Ehemann, weiblichen Geschlechts“ – etwas, das mich immer wieder zum lachen bringt. Außer beim Finanzamt, denn da gibt es kein Formular für gleichgeschlechtliche Ehen…

Und seit kurzen ist eine neue Frage Teil des Repertoires von Sonderfällen: Mein jüngster Sohn hatte gestern (am Rosenmontag) seine Einschulung. Unterjährige Einschulung ist offenbar so selten, dass sich das halbe Dorf wieder den Schnabel zerreißen kann und ich von wildfremden Menschen auf der Straße inzwischen deswegen angesprochen werde. Ach ja, bevor ich es vergesse: es gefällt ihm super und wir sind erleichtert, dass es diese Lösung an unserer Schule gab.

Eigentlich, wenn ich all die Situationen ansehe, in denen ich als Sonderfall leb, könnte ich mich wirklich mal trauen, trotz meiner noch nicht erfolgten OP in die Damensauna zu gehen…

Stille…

Eigentlich könnte ich sehr viel schreiben. Langweilig ist es in meiner Familie ja nie.

  • Ich könnte darüber schreiben, dass mein Kleinster diese Woche in der Schule schnuppern durfte und am Montag eingeschult wird.
  • Ich könnte darüber schreiben, dass er durch eine Erkältung wieder sehr schlecht hört und meine tiefe Stimme fast gar nicht versteht.
  • Ich könnte darüber schreiben, dass ich Ärzt*innen angeschrieben habe, aber bisher keine*r bereit ist, meine OP auch nur zu besprechen.
  • Ich könnte über die letzten Tage mit dem jobcenter schreiben

Aber eigentlich fehlt mir für das irgendwie die Kraft. Derzeit sind so viele Dinge, die gleichzeitig Druck auf mich ausüben, dass ich froh bin, dass ich funktioniere. Ich freue mich, mit meinen Kindern UNO zu spielen und abends neben meiner Frau auf der Couch einzuschlafen… ich teile mir meine Kraft und Energie derzeit so ein, dass etwas davon bei den Menschen ankommt, die mir wichtig sind – im realen Umfeld, wie auch bei meinen Freund*innen in den sozialen Netzwerken.

Und plötzlich zeigt sich ein Weg… 

Heute vormittag hatte ich einen Termin bei meinem Therapeuten und irgendwie ist der letzte Termin schon ne ordentliche Weile her, also bekam er ne Flut an Informationen. Das Gespräch tat mir echt gut, weil ich dabei erkannte, wie viel die zahlreichen kleinen Veränderungen der letzten Wochen tatsächlich verändert haben.

Tja und dann ein Anruf einer Gutachterin/Therapeutin, der ich Anfang der Woche einen langen Brief geschrieben hatte, die dafür bekannt ist, dass sie auch mal Lösungen erreichen kann, die nicht dem geraden Muster der Krankenkassen und des MDK entsprechen… Sprich: eine Perspektive Richtung meine gewünschte  OP. Tja, da habe ich im April also nen Termin 

Heute Nachmittag rufe ich einen Arzt in Hamburg an, den ich am liebsten für meine Operation haben würde… Drückt mir ein bisschen die Daumen. 

Eine Antwort…

Juhuu. Die Barmer GEK hat mich heute angerufen. Immerhin habe ich jetzt eine Liste von Kliniken, die ich anschreiben kann… leider kann die Krankenkasse nichts sagen, bezüglich Details zur OP… die Kliniken behandeln teilweise Frau-zu-Mann Patienten und keine Mann-zu-Frau Patientinnen… also viel Handarbeit vor mir…

Aber ein Anfang