Über Perfektheit und Authentizität…

Kennt ihr diese Tage, wenn ich euch unperfekt fühlt? Heute ist so einer. Irgendwie hab ich ein paar Minuten zu lange im Bett verbracht (ich hasse snoozen!) und hatte dann einfach verflucht wenig Zeit. Im Badezimmer stand meine Kaffeetasse, aber dafür hatte ich nichtmal richtig Zeit, denn 17 Minuten, bevor ich aus dem Haus musste, stand ich noch unrasiert, ungewaschen und unfertig im Schlafanzug vor dem Spiegel.

Unperfekt ist irgendwie mein Dauerzustand. Auf Fotos sehe ich immer wieder, den Kerl, auch wenn alle anderen mich als Frau wahrnehmen. Und irgendwie ließ mich dieser Gedanke nicht mehr los. (bitte meine binäre Sprache nicht als globale Sichtweise betrachtet. Es ist meine persönliche Erfahrung, die ich beschreibe.)

Ich bin eine Frau, nehme mich auch als solche wahr, aber ich mache meine Selbstwahrnehmung oftmals von meinem Passing und damit von meiner Transition abhängig. Es ist ein wenig so, als spräche mein inneres Selbst mir das Frausein ab, wenn ich nach außen nicht „perfekt weiblich“ erscheine. Ja, natürlich ist es nach außen leichter als Frau wahrgenommen zu werden, wenn ich die entsprechende Kleidung trage, Make-Up sitzt und das Passing stimmt, aber: mein Frausein ist davon unabhängig.

Nun gibt es am Weg durch die Transition… Moment erstmal ne Begriffsklärung: Den Weg vom zugewiesen Geschlecht zum Leben in der eigenen, passenden Identität (Gender/Geschlecht/Wieauchimmer) nenne wir Transition. Und auf diesem Weg stecken wir oft fest, gerade wenn das inner Idealbild und das Äußere nicht aufeinander passen und nicht passend gemacht werden können.

Tja, was macht man, wenn das Selbstbild vom eigenen Körper abweicht? Ja, in den meisten Fällen führt das zu einer ziemlichen Krise. Es kommen Selbstzweifel auf und überhaupt ist dann alles bääääh. In diesem Zustand vergesse ich dann oft das wichtigste: Ich war immer eine Frau. Das war komplett unabhängig von meinem Körper, meiner Kleidung, meinem Namen, meinen Pronomen. Ich wusste es.

Wenn ich meinen eigenen Blickwinkel etwas verlasse und mich umsehe, dann erkenne ich: Die körperliche perfekte Übereinstimmung mit dem inneren Zustand… Sorry, das schafft niemand. Der wesentliche Schritt ist, die Erkenntnis der eigenen Identität. es ist nicht wichtig, wie die perfekte Frau auszusehen.

Wichtiger als perfekt zu sein, ist es: authentisch zu sein. Mein Bartschatten ist ehrlich gesagt den meisten Menschen herzlich egal… Selbst meine Stimme ist bei genauer Betrachtung kein Problem. Mein Auftreten, meine Körpersprache, mein Bewusstsein über mich Selbst, das alles transportiert meine Identität, mein Ich-Sein, mein Geschlecht.

Authentisch sein bedeutet sich nicht zu verbiegen, um die Ansprüche anderer zu erfüllen, sonder einfach selbst zu sein – mit allen Zweifeln und der eigenen Selbstsicherheit. Passing ist lediglich eine Wahrnehmung durch die Außenwelt. Durch mein Passing wird meine Identität nicht definiert. Die eigene Identität auch mit einem nennen wir es 3/4 Passing zu leben bedeutet natürlich, dass ich aus einigen Schubladen ausbreche. Aber das bin nun mal ich.

Ich bin die Person, die meine Kinder Papa nennen. Ich bin bin die Frau meiner Frau. Ich bin Nina… und das wäre ich auch mit Vollbart und Glatze.

In vielen Phasen der Transition stecken wir fest. Es scheint keine Entwicklung zu passieren oder wir nehmen sie einfach nicht wahr. Wenn ihr also nicht schafft, das Passing zu verändern, dann schaut einfach mal nach innen und lasst eurer Identität mal ein wenig Raum. Sie wird einen Weg finden nach außen zu dringen. Und das unabhängig von Kleidung, Make-Up, Frisur und Äußerlichkeiten.

Und ja, manchmal ist es einfach sauschwer authentisch zu sein, wenn dein Spiegel dir einen fremden Menschen zeigt. Gebt einfach nicht auf   ❤

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3 Gedanken zu “Über Perfektheit und Authentizität…

  1. Finde ich ganz toll geschrieben und hilft sicherlich vielen auf ihrem Weg.

    Sich selber zu akzeptieren ist in vielen Belangen sehr schwer und man macht sich (oder zumindest ich) viel zu oft Gedanken darüber, was das Gegenüber von einem halten könnte.
    Auch authentisch sein ist eben nicht immer leicht, auch wenn ich mir das selber immer weniger predige.

    Sonnige Grüße.

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  2. Das Gefühl kenne ich, auch ohne Bart. 😀 Ungeschminkt und unfrisiert mache ich einen ziemlich blassen und faden Eindruck. Und wenn ich dann in den Spiegel blicke, denke ich: „Puuuuh, ein bisschen Farbe und Styling und ich sähe viel mehr so aus, wie ich mich fühle.“
    Am schönsten sind aber immer die Momente im Leben gewesen, bei denen ich überhaupt nicht an mein Äußeres gedacht habe. Und um ehrlich zu sein habe ich meine Lebensabschnittsgefährten immer dann kennengelernt, wenn ich mich nach eigenem Empfinden beim Blick in den Spiegel als komplett derangiert bezeichnen würde.
    Umgekehrt, wenn ich selbst 100% zufrieden mit meiner Aufmachung war, hat mich quasi niemand beachtet. Seit ich das rausgefunden habe…..sch….auf perfektes Äußeres. Sei du selbst.

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