Ein Aufruf meinerseits…

Immer wieder – besonders in Diskussionen im feministischen Umfeld – begegne ich Aussagen wie: „Feminismus können nur Frauen praktizieren“ oder „… um den Standpunkt zu verstehen , muss man Frau sein.“

Nun hab ich meine sehr persönliche Haltung zu solchen Aussagen. Darüber hinaus stelle ich mir dann immer die Frage: „Was bedeutet Frau sein für dich?“ Natürlich nicht nur Frau sein , auch Mann sein, trans sein, du sein… Und diese Frage stelle ich Euch, wer nicht über Kommentar antworten will, kann mir gerne eine Mail an nina@klischeefrei.de schreiben. Ich bin neugierig.

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11 Gedanken zu “Ein Aufruf meinerseits…

  1. Liebe Nina,
    eben wußte ich noch so viel zu schreiben, jetzt stoppt mich dein Eingangssatz, der irgendwas in mir macht.
    „Feminismus“ – ständig hört man, wie wichtig er sei und wie dringend Frauen sich wehren müßten.
    Diesen ständigen Aufruf zum Krieg?
    Und dann schließen sie selbst doch immer wieder Frauen aus, weil sie in Kisten denken.
    Aber kann die Gesellschaft überhaupt gewinnen, wenn immer weiter Menschen in Kisten unterteilt werden, anstatt irgendwann einfach anzuerkennen, dass der insgesamte Kampf aufhören sollte?!
    Dass es viel besser ein Gemeinsam geben sollte, statt einem Krieg gegeneinander?

    Frau-sein….
    Es gab eine Zeit in meinem Leben, da wollte ich unbedingt Mann sein – weil ich dachte, als Mann wäre mir all die Gewalt niemals passiert.
    Ich wollte mich schützen für die Zukunft und kleidete mich eher agressiv. Viel Leder; eher weite, schlabberige Sachen. Schminkte mich nicht und ging wie ein Gorilla. Hoffte, das hilft Männer abzuwehren.
    War ich deshalb ein Mann?

    Während der Zeit in der Prostitution schminkte ich mich immer.
    Ich trug sexy, enge, kurze Kleidung und betonte Brüste und Hintern.
    Meine Seele war traumatisiert; meine Gefühle tot – aber man sah es nicht.
    War ich jetzt eine Frau?

    Gut – ein Kind zu gebären ist tatsächlich ausschließliche Frauenfähigkeit.
    Aber kann eine Mutter deshalb ihr Kind auch lieben?
    Ich konnte es nicht.
    War ich Frau?

    Ich kann Teppiche verlegen, schraube meine Duschgarnitur selbst an die Wand; fahre Auto wie ein Kerl; schminke mich heute kaum noch; trage am liebsten bequem und schlabberig; hasse Nagellack; mag es reduziert und praktisch; rede Klartext. Mein Mann hat ab und zu Muffe vor dem Gesicht das ich habe, wenn ich wütend bin. Ich kann irrsinnig agressiv sein.
    Bin ich Frau?

    Keine Ahnung, warum ich das immer wieder tue – aber manchmal stelle ich mir vor, wie ich mich fühlen würde, müßte man mir Gebärmutter oder Brüste entfernen aus med. Gründen. So oft liest man, wie sehr Frauen unter so etwas leiden würden. „Entfraut-sein“.
    Jedes Mal komme ich zu dem Schluß, dass mein Frau-sein jedenfalls ganz gewiß nichts mit meinen Geschlechtsmerkmalen zu tun hat. Ich könnte wieder entspannt auf dem Bauch schlafen….

    Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was mich mein Frau-sein fühlen läßt.
    Es gibt auch so viel in mir, das man den Männern zuschreibt.
    Ich glaube, für mich spielt es keine Rolle.
    Ich BIN.

    Heute so und morgen anders.
    Und es ist gut so.

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  2. Hm, eine gute Frage. Bei mir kommt immer automatisch Ablehnung auf, wenn ich ‚Feminismus‘ höre. Ich bin falsch damit in Kontakt gekommen, immer auf brachiale Art, wo man mir weis machen wollte, dass ich ‚weil ich eine Frau bin‘ unterdrückt würde und mich emanzipieren müsste. Ich habe sie nie verstanden. Letztlich wurde es mir lästig immer wieder wiederholen zu müssen: Nein, ich werde nicht unterdrückt. Nein, ich leide nicht daran, dass ich biologisch weiblich bin. Nein, ich will nicht davon ausgehen, dass Männer Frauen immer nur Schlimmes antun. (Warum auch, ich hatte keinen Grund dazu.)

    Heute sehe ich es so, dass es einfach an meinem Umfeld lag. Meine Eltern lebten eine ganz klassische Rollenverteilung. Und an diesem Beispiel hatte ich früh gelernt und entschieden, dass das für mich nie in Frage käme. Somit hatte ich Rollen sehr früh abgelehnt und war immer das, was mir gerade ‚half‘. Wild und wenig „mädchenhaft“ im Alltag, ganz lieb und brav, wenn es zuträglich war, wenn man es instrumentalisieren konnte. Letzteres aber echt selten, weil es mir nicht recht entsprach.

    Später kam dann das Urteil oft auf: „Du bist eh irgendwie zu einem großen Teil männlich.“ Mein Verhalten war forsch und offen, direkt und teilweise auch weniger emphatisch, weil ich um den heißen Brei reden nicht mochte. Menschen denken erstmal immer schwarz-weiß, weil es die Dinge leichter macht. Vor-Urteile helfen uns im Alltag zurecht zu kommen und entlasten unsere Denkprozesse. Viele vergessen nur sie regelmäßig auch mal zu hinterfragen.

    Das hat meinen Umgang mit Klischees geprägt. Ich lehne sie schlichtweg ab, bin mir aber bewusst, dass wir sie immer in uns tragen und auch oft brauchen. Allerdings finde ich mich somit immer in einer Abwehrhaltung, wenn ich eine Frage wie beispielsweise „Was bedeutet es Frau zu sein?“ sehe. Es schreit für mich nach Klischee-Denken, -Antworten und -Fallen.

    Deswegen kann ich schlicht sagen: Ich mag es ich zu sein. Und ich setze da bewusst erstmal keine Kategorisierung oder weitere Attribute dazu 🙂

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  3. Ich fühle mich zuerst als Person. Ich mag nicht eingeordnet werden, obwohl ich weiblich bin, hetero und Mutter. Erstes bin ich offensichtlich, zweites fühle ich, drittes weiß ich sicher (und liebe es, auch wenn mein Kind längst eigene Wege geht).
    Ich bin Frau, wenn ich einen Tisch baue. Ich bin es genauso, wenn ich mich für einen schönen Abend zurecht mache. Im Alltag eher sportlicher Hosenmensch, schlupfe ich gern auch mal ins kleine Schwarze. Das hängt vom Anlass ab und von meiner Stimmung. Doch drin ist dieselbe…
    Ich mag diese Einordnung nicht, die einen mit Zuschreibungen von Eigenschaften festkettet. Ich bin ich.

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  4. Mann sein bedeutet für mich Mensch sein. Ein Mensch der weder unterdrückt werden, noch andere unterdrücken möchte. Insofern bin ich auch aus einem mir tief inne wohnenden Gerechtigkeitssinn Feminist. Wer für eine gerechte Welt streitet, muss zunächst hier beginnen.

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  5. Frau sein bedeutet für mich, in einer Welt großgezogen worden zu sein, vom ersten Tag an, in der Erwartungen, Einstellungen und Ideologien auf mich projektiert wurden Kraft meiner Geschlechtsorgane. Mädchen machen das nicht, Mädchen machen dies… Ich weiß nicht, inwieweit du das verstehst. Frau sein bedeutet für mich zu wissen, dass ich auf großen Teilen der Welt Viech bin, dass weibliche Kinder weniger wert befunden werden, dass ich selbst in Deutschland den widerlichen sexismus spüre. Ich weiß, dass ich mich als Frau nie sicher fühlen kann. Wenn Männer dabei sind. Dass ich aufpassen muss. Dass ich für die meisten Menschen weniger wert bin als ein Mann. Dass patriarchale Strukturen nie enden werden.
    Grüße
    R

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  6. Ich möchte auch in erster Linie als Mensch wahrgenommen werden und nicht als Frau. Das „Frau-sein“ ist für mich totale Nebensache. Wenn ich Freunde habe, ist mir vollkommen egal, ob sie Frau, Mann, nichts davon, hetero, homo, bi, pan, sonstwas sind. Ein Mensch ist aus tausenden einzelnen körperlichen und geistigen Eigenschaften zusammengesetzt. Das Geschlecht ist nur eine dieser Eigenschaften und somit für mich auch weniger als ein Promille wert. Dazu kommt, dass ich sehr „weibliche“ Frauen kenne (ich gesellschaftsdefiniere mal: aufgetackelt, spielt die Rolle des unbeholfenen Rehs das nach dem Beschützer sucht, etc.), aber auch sehr „männliche“ Frauen (Gesellschaftsdefinition: kaum/kein Make-up oder Schmuck, sehr selbstständig, möchte nicht heiraten/Kinder bekommen, etc.). Dasselbe gilt natürlich auch für Männer. D.h. die Definition von „Was ist eigentlich eine echte Frau/ein echter Mann“ – nicht nur aus biologischer Sicht, sondern auch aus Geschlechter-Rollen-Sicht – ist für mich sowieso total unklar.
    Ich bin in einer Umgebung aufgewachsen, in der mein weiblich-sein nie ein Thema war: man brachte mir genauso selbstverständlich Nähen/Häkeln/Stricken wie auch Sägen/Hämmern/Handwerken bei, ohne dass dabei Kommentare fielen wie „Als Mädchen kannst du das sowieso nicht so gut“ bzw. „Als Mädchen musst du das nicht können.“ Meine Eltern haben mir immer vermittelt, dass Selbstständigkeit wichtig ist und dass sie selbst die anfallenden Aufgaben nicht gemäß Geschlecht (Frau = Kochen/Nähen/Putzen, Mann = Arbeiten/Rasen mähen/Reparieren), sondern gemäß der persönlichen Fähigkeiten ausführen. Mein Vater war somit auch für die Sonntagsessen und das Bedienen der Nähmaschine verantwortlich, meine Mutter kümmerte sich um Geldangelegenheiten und kleineren Technikkram (Handys und Video-Recorder reparieren). Beide waren berufstätig.
    Ich bin daher in dem Glauben aufgewachsen, dass es Sexismus überhaupt gar nicht mehr gibt. Erst als ich meinen Beruf (einen „Männerberuf“) gelernt habe, wurde mir mein Frau-sein plötzlich vorgeworfen. Das stört und verletzt mich natürlich, weil so etwas gemäß Anti-Diskriminierungsgesetz gar nicht passieren darf, ich aber auch nicht die Lust habe, ständig auf mein Recht pochen zu müssen. Nicht die Opfer sollten sich verteidigen müssen, sondern die Täter. Und gemäß des Gesetzes macht man sich strafbar, ergo sind das in meinen Augen auch „Täter“!
    Wichtig für mich ist dennoch, wegen ein paar negativer Erfahrungen nicht alle Männer als „Monster“ oder alle Frauen als „hilflose Opfer“ einzustufen.
    Ich bin ich, das darf auch so bleiben 🙂

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      1. Natürlich nicht. Weil bei mir als CIS-Frau – im Gegensatz zu dir – niemand an meinem Geschlecht zweifelt, bzw. zwanghaft versucht, mich irgendwo einzuordnen. Ich bin „für die da“ ja längst zugeordnet.
        Es betrifft auch eher die Art, wie ich andere sehe: Für mich ist der Charakter wichtiger als die Frage, welches Geschlecht oder welche Geschlechtsidentität eine Person hat. Wer nett ist, ist eben nett. Egal ob Mann, Frau, trans*, etc. 🙂

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  7. Im Gesellschaftlichen Kontext betrachtet bedeutet das „Frau-sein“ (bzw. natürlich auch alles andere, ich beziehe der Einfachheit halber aber mal nur auf Frauen) das erfüllen ausreichend vieler Klischees. Nicht alle, die es gibt, aber genug um in nur einem Augenblick sagen zu können, wer welchem Geschlecht zuzuordnen ist.

    Und das ist beim Trans*-sein natürlich ein besonderes Problem, denn nicht nur Klischees in Form auffälliger Verhaltensweisen, sondern auch das Aussehen spielt viel mit herein. Zweiteres ist für mich nur bedingt erfüllbar, entsprechend bleibt für mich nur die Möglichkeit, mein Verhalten so weit an diverse Klischees anzupassen, dass ich auch als Frau erkannt werde.
    Dafür werde ich von einigen Vertretern der LGBTQ-Szene mit Sicherheit scharf angesehen, aber ich finde Klischees sehr hilfreich, ja fast schon eine Notwendigkeit, wenn man es im Leben einfacher haben will, besonders wenn der Körper nicht für sich spricht. Make-Up, Röcke oder wenig Raum einnehmen beim Sitzen und vieles mehr sind da sehr hilfreich, wenn man auch als Frau wahrgenommen werden will. Manches hat sich für mich anfangs zwar „falsch“ angefühlt (vor allem das, was gegen Gewohnheiten ging), aber an das meiste hab ich mich schon gewöhnt, ohne mein Innerstes zu verlieren.
    Klar wäre es natürlich besser, wenn es überhaupt keine Klischees geben würde. Lieber sehe ich es aber realistisch als mich einer Illusion hinzugeben und irgendwann daran zu zerbrechen. Mein Leben endet aller Voraussicht nach, bevor die Gesellschaft wirklich dazu in der Lage ist, alle oder zumindest viele Klischees abzubauen, so was kann immerhin nur über sehr viele Generationen hinweg passieren, aber selbst da wird das instinktive Verhalten bei vielen Menschen mit Sicherheit noch ein Wörtchen mitzureden haben.

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