Gedanken vor dem Spiegel…

So ein Körper ist oft alles andere als hilfreich. Mein Körperbau stört mich dabei relativ wenig. Anders sieht es mit Haut und Haaren aus. Meine Haut neigt zu Neurodermitis – und auch, wenn ich relativ großes Glück habe und kaum sichtbare Hautveränderungen habe, so reagiert meine Haut doch empfindlich und oft schmerzhaft auf Irritationen. Rasieren ist nicht gerade die hautfreundlichste Behandlung, aber was soll ich sagen (immerhin schrieb ich schon einige Male darüber) mit Vollbart und Brustbehaarung wird man einfach nicht als Frau „gelesen“.

Also stehe ich im Badezimmer, lasse einen Rasierschaum für empfindliche Haut lange einwirken, damit die Haare weicher werden und rasiere vorsichtig. Besonders am Kinn schmerzt die Haut schon bevor die Klinge die Haut berührt, aber ich mache vorsichtig weiter. Ich mache die Bewegungen automatisiert, ohne in den Spiegel zu blicken, denn dort ist zu diesem Zeitpunkt ein Mann zu sehen. Dieser Mann ist inzwischen ein Fremder und nur an den Augen erkenne ich eine gewissen Familienähnlichkeit. Aber ich meide seinen Blick und er meinen. Wir gehen friedlich miteinander um, aber wir gehen einander aus dem Weg. Morgens im Badezimmer taucht er kurz auf, um dann für den Rest des Tages zu verschwinden.

Ich habe keinen Grund ihn zu hassen, keinen Grund, ihn große Aufmerksamkeit zu schenken. Ohnehin zieht der Schmerz seine Aufmerksamkeit auf sich. Ich habe gelernt, meine empfindliche Oberfläche nicht zu verletzen, dennoch ist mein Gesicht gerötet und brennt. Jetzt braucht meine Haut etwas Ruhe – genau, was ich im morgendlichen Ablauf nicht gerade in Unmengen habe.

Es ist ein Ritual geworden. Ich teile meinen morgendlichen Tagesablauf in kleine Etappen, damit mein Gesicht das der Frau wird.

Ich bekomme immer wieder Tipps zum Umgang mit Neurodermitis (vielen Dank dafür) und mindestens genauso oft werde ich gefragt, wieso ich nicht einfach „auf die gesellschaftlichen Regeln pfeife und mir das antue“. Tja, ich hole mal ein kleines Stückchen aus: wir alle lesen und interpretieren unser Gegenüber. Wir lesen Mimik, Körpersprache und den Körperbau. Das können wir nur schwer abstellen. Und auch, wenn mich einige dafür hassen werden, ein Teil davon hat einen einfachen Grund: Es geht um uralte instinktive Impulse – und egal welche sexuelle Orientierung wir haben, wir lesen Geschlechter weitgehend binär. Ob das zur Arterhaltung oder dem eigenen Sexualtrieb dienen soll, kann ich nicht sagen, aber die Interpretation von Geschlechtern passiert weitgehend binär. Und da lesen wir Körperbau, Körpersprache, Körperbehaarung, Stimme,… wir lesen eigentlich die Zeichen, der körperlichen Veränderungen, die durch Hormone in der Pubertät ausgelöst werden.

Dieses Programm geht so tief, dass ich im Spiegel einen Mann sehe. Und ich habe mit so vielen trans* gesprochen und immer wieder festgestellt: ich bin damit nicht allein. Viele trans* kämpfen damit, dass ihr eigenes Spiegelbild nicht der eigenen Identität entspricht. Und daher verwenden wir viel Zeit und Energie darauf, unser Erscheinungsbild jeden Tag an die eigene Seele anzupassen. Das alles machen „wir“, damit wir – mit etwas Glück – als das erkannt werden, was wir sind. Jeden Tag arbeiten wir an unserem Passing – mal mit mehr, mal mit weniger Aufwand.

Und darum stehe ich hier, die Haut spürbar, aber nicht mehr sichtbar gereizt und schminke mich, damit der Bartschatten verschwindet. Und wieder einmal frage ich mich, warum es so ein Kampf sein muss, die Haarentfernung durch die Krankenkasse bezahlt zu bekommen… Warum die meisten Kassen die ersten Anträge einfach ablehnen. Warum die Bearbeitung der Anträge oft monatelang verschoben wird und dann in einer „es fehlen noch xy Unterlagen“ als Antwort kommt. Warum es einer langjährigen Therapie dafür bedarf, um den Leidensdruck nachzuweisen. Warum viele Kassen auf Laserbehandlung bestehen, obwohl…. ach, ich weiß, ich denke zu viel.

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5 Gedanken zu “Gedanken vor dem Spiegel…

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