#Gastbeitrag – Chef, es tut mir leid, aber ich bin schwanger

Heute ein Gastbeitrag zu einem Thema, das leider nur selten so deutlich angesprochen wird. Die Autorin möchte anonym bleiben – was ich sehr gut verstehen kann.


Ich bin schwanger. Oder anders formuliert: Ich bin raus. Raus aus dem Job, den Entscheidungen, dem Team. Schwanger zu sein ist nämlich für manch Arbeitgeber eine schwere Straftat. Ganz offiziell natürlich nicht. Da freue man sich mit mir selbstverständlich.

Was ich derzeit erlebe, das dürfte mich eigentlich nicht überraschen. Mein Kopf wusste um die ausgrenzenden Effekte, auf welche eine schwangere Frau in der Arbeitswelt so treffen kann – und in aller Regel auch trifft. Auch und gerade heute noch. Wie wichtig Feminismus immer noch ist, das lernte ich erst wirklich, als ich selbst Mutter wurde. Mutter einer Tochter. Nun ist das zweite Kind unterwegs. Jetzt spüre ich noch einmal mehr, das Gleichberechtigung und Vereinbarkeit in diesem Land nicht mehr als Lippenbekenntnisse sind.

Meine direkte Vorgesetzte freute sich in aller erster Linie mit mir und das glaube ich ihr auch immer noch. Sie ist selbst kinderlos, aber sie ist ein wahrer Menschenfreund. Ich habe selten erlebt, dass sich jemand mit anderen so unvoreingenommen mitfreuen kann. Sie muss einen Lebensentwurf nicht teilen, um sich ehrlich mitfreuen zu können. 

Wäre da nicht noch mein Chef. Also ihr Vorgesetzter – und damit auch mein Vorgesetzter. Er ist ein noch recht junger Chef. Vielleicht 10 Jahre älter als ich. Nach außen gibt er sich gern als jung und modern. Man könnte meinen, er würde flache Hierarchien präferieren und sei aufgeschlossen gegenüber verschiedenen Lebensentwürfen. Er ist eigentlich immer mit einem Lächeln unterwegs. Zudem ist er selbst Vater.

Schwangerschaft als Makel

Doch eigentlich ist er vor allem unsicher. Er vertraut nicht und fühlt sich nur sicher, wenn er die Prozesse kontrollieren kann. Meine Schwangerschaft konnte er nicht planen, nicht kontrollieren. Sie ist „ihm“ einfach passiert und er scheint das als einen Makel zu betrachten, den er vor den Stammkunden verbergen muss. 

Ich arbeite noch nicht lange in seinem Unternehmen. Noch immer lerne ich die zahlreichen Kunden erst kennen. Kaum erfuhr er von meiner Schwangerschaft, orakelte er auch schon, dass ich vielleicht lieber häufiger in meinem Büro bleiben solle – natürlich um mich zu schonen. Bei mir kam aber auch schon diese Botschaft unmissverständlich an: Er will mich am liebsten verstecken. 

Vor der Schwangerschaft waren mehrere große Termine für mich angedacht, weil ich bei diesen gebündelt wichtige Kontakte machen könnte. Jetzt sind diese stillschweigend für mich unter den Tisch gefallen. Als ich nachfragte, ob ich nicht mitkommen könne, wurde das als „unnötig“ abgetan. Es wurde sogar so getan, als wäre das nie geplant gewesen.

Entscheidungen, die mich betreffen, werden nun auch immer häufiger – ganz zufällig natürlich – in meiner Abwesenheit gefällt. Vereinzelt werde ich vergessen, zu bestimmten Meetings eingeladen zu werden. Ganz plötzlich wird ein Kernteam definiert, welches wichtige Entscheidungen vorbereiten und sich enger austauschen müsse. Das Unternehmen sei schließlich in den letzten Monaten sehr gewachsen. 

Ich gehöre selbstverständlich nicht zu diesem Team. Eigentlich gehören ausschließlich die Teilzeitkräfte, Studenten, Sekretärinnen nicht dazu. Und ich. Also all diejenigen, die oftmals sowieso schon weniger wertgeschätzt werden.

Jeder „Vorfall“ ist für sich genommen tatsächlich nur eine Kleinigkeit, doch es sind eben keine Einzelfälle, sondern in der Summe schürt es mir den Atem ab. Immer schön subtil, immer mit einem Lächeln, immer mit ach so verständlichen Begründungen und Erklärungen. Es war nur ein Versehen oder man habe sich eigentlich wegen einer anderen Frage zusammengesetzt und dieses „Problem“ oder je Frage eher zufällig geklärt.

Ich sehe Lösungen – Er sieht Probleme

Ich selbst thematisiere meine Schwangerschaft kaum. Allein Fragen, welche die Zeit meines Mutterschutzes/ der Elternzeit betreffen, spreche ich aktiv an. Meine Aufgaben müssen schließlich angemessen übergeben werden, damit alles reibungslos weiterlaufen kann. Ich will möglichst wenige offene Fragen hinterlassen und ebenso nahtlos weitermachen können, wenn ich wieder da bin. 

Ich werde nicht lange weg sein. Mein Mann wird den Großteil der Elternzeit übernehmen. Das ist für uns nicht nur eine finanzielle Entscheidung (ich verdiene mehr), sondern es stand außer Frage: Er kann und will sich gleichermaßen in die Pflege- und Erziehungsarbeit einbringen. 

Die meisten Kunden würden meine vergleichsweise kurze Abwesenheit nicht einmal bemerken. Meine „Auszeit“ fällt in eine Phase, in welcher die Kundenkontakte gering sein werden. Das ist klar absehbar. Trotzdem wird meine Schwangerschaft implizit die ganze Zeit als ein Problem definiert und kommuniziert. Immer wieder betont der Chef, dass er alles im Griff habe und problematisiert im gleichen Atemzug meine Auszeit. Immer mit einem Lächeln natürlich. Immer sei alles nur eine Vorsichtsmaßnahme oder als Rücksichtnahme zu interpretieren.

Mein Plan, auch diesmal nur für kurze Zeit zu Hause bleiben, wird indirekt angezweifelt. Es fielen direkt Sätze wie „man wisse ja nie, wie es dann letztlich komme“ oder „mal schauen, ob es nicht doch anders komme“. Meine Planungskompetenz wird angezweifelt. Mütter gehören scheinbar zu ihren Kindern. Nach Hause. Mütter, die gleich wieder arbeiten gehen können, die gebe es eigentlich nicht. Und so ein Vater, der kann die Mutter nicht ersetzen. Oh weh, Auswärtstermine? Wo soll denn da das Kind hin? Wie jetzt? Der Vater?! 

Stupid Dad. Männer wie mein Chef ziehen sich selbst aus der Verantwortung, indem sie Männer – und damit auch sich selbst – als unfähig definieren, für ein Kind gleichermaßen zu sorgen. Freilich, auch Frauen machen das. Sie könnten dies oder jenes ja besser… Ganz ehrlich? Ich könnte kotzen. Wir sind beide die Eltern unserer Kinder. Wir können beide baden, wickeln, trösten, kuscheln, spielen. Selbst die Muttermilch kann auch in meiner Abwesenheit weiterhin sprudeln. Der Milchpumpe sei Dank.

Akzeptiert es!

Es ist unser Lebensmodell. Wir zwingen es keinem auf, aber wir verlangen – ja wir verlangen – dass es akzeptiert wird. Schwangerschaften gehören zum Leben dazu. Statt ständig rumzumurren und Probleme zu sehen, könnte man doch einfach auch mal pragmatisch nach Lösungen suchen. Dann werden die Probleme auch gar nicht erst groß.

Wenigstens kann ich bei meinen alltäglichen Aufgaben noch halbwegs autonom arbeiten. Meine Chefin hat ihr Vertrauen in meine Arbeit nicht verloren. Doch wie lange das noch so bleibt, ist durchaus fraglich. Steter Tropfen höhlt den Stein – und mein Chef ist ein sehr steter Tropfen. Immer mit einem Lächeln, immer ganz rational, immer nur gut gemeint. Er kommt ja nur einer Fürsorgepflicht nach.

Er steht natürlich jeden Vorwurf erhaben gegenüber. Er hat ja schließlich sage und schreibe 2 Monate Elternzeit einst genommen. Parallel zur Frau. Zwei Monate.

Er habe ja auch ein Kind! …um das sich scheinbar im Alltag überwiegend die Frau kümmert. Rein zeitlich betrachtet kommt nur dies in Frage.

Aber er holt sein Kind ja auch von der Kita ab. Manchmal, also ausnahmsweise… Ja, er ist wahrlich total aufgeklärt und frei von antiquierten Rollenvorstellungen. Er agiert einfach nur vernünftig. 

Ich lächle derweil und zeige ihm – und den Kunden sowieso – dass eine Schwangerschaft und meine Rolle als Mutter mich nicht zu einer weniger wertvollen Mitarbeiterin macht. Vielleicht lernt er es ja noch. Vielleicht auch nicht.

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2 Gedanken zu “#Gastbeitrag – Chef, es tut mir leid, aber ich bin schwanger

  1. Ich kann soooo gut verstehen, wie die Gastautorin sich fühlt! Habe vor 4 Jahren was sehr ähnliches erlebt
    https://drehumdiebolzeningenieur.wordpress.com/2012/09/11/sooo-frustrierend/

    und kann nur raten, alles daran zu setzen, einen anderen Vorgesetzten zu bekommen. denn der aktuelle hat gute chancen, sie zu zermürben…
    https://drehumdiebolzeningenieur.wordpress.com/2016/07/28/wie-man-den-spiegel-vorgehalten-bekommt-macht-wie-man-sich-sieht/

    dass wir noch immer gegen solche Stereotype ankämpfen ist so so überflüssig und es macht mich so wütend!

    Jedenfalls wünsche ich eine problemlose schwangerschaft und geburt und viel Spas und Glück der ganzen Familie.

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  2. Schön, wenn es ein Anti-Diskriminierungsgesetz gibt, sich keiner dran hält und man nicht die Kraft oder Lust hat, ständig darauf pochen zu müssen 😦
    Ich sehe das wie meine Vorrednerin: Chef loswerden. Oder wenigstens Betriebsrat einschalten, sofern es einen gibt…

    Gefällt 1 Person

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