(Aus sich) raus gehen…

Mit manchen Menschen entwickeln sich Gespräche sehr schnell von einem Punkt zu einem anderen. Gestern, in einem Chat, ergab sich ein Thema, das ich unbedingt hier mal ansprechen will: Den Weg in und durch die Öffentlichkeit.

Für trans* ist es oft ein großes Thema, sich ihrem wahren Geschlecht entsprechend zu kleiden und das erste Mal ist oft eines der tiefsten Erlebnisse. Es geht mir aber heute nicht um dieses einmalige Erlebnis, sondern ein wenig um das, was ich im Lauf der Jahre an Veränderung in meinem Umgang mit dem Hinausgehen in die Öffentlichkeit an Erfahrungen machen durfte.

Und: da ich weiß, dass viele meiner Leser*innen selbst nicht trans* sind, möchte ich ein wenig der Gefühlswelt vermitteln. Ich bin mir durchaus bewusst, dass ich wohl kaum vermitteln kann, wie es ist, endlich so sein zu dürfen, wie man im Innersten ist un das nach außen zu tragen, aber: ich versuche es einmal.

Als ich die ersten Schritte – die zugegebenermaßen sehr zögerlich waren – wagte, ahnte ich nicht, was mich erwarten würde. Entsprechend war ich nicht nur aufgeregt, sondern extrem aufmerksam. Als ich durch die Straßen ging, beobachtet ich jeden Passanten, jeden Blick, jede Geste…. Ich versuchte in allem zu erkenne, ob und wie ich wahrgenommen wurde. Jedes Lächeln, jedes Kopfschütteln bezog ich ein wenig auf mich.

Stellt Euch vor, ihr seit zu einer Party eingeladen. Im Juni. Es ist eine Mottoparty und ihr habt das perferkte Kostüm gefunden: eine Teddyprinzessin und es ist Anfang Mai. Ihr habt genug Zeit euch vorzubereiten. Ihr bastelt am Kleid, perfektioniert das Make-Up und vor dem Spiegel übt ihr Grimassen. Gut vorbereitet überlegt iohr, wie die Menschen, die ihr in der U-Bahn trefft, reagieren könnten und dann kommt der Tag, an dem die Party ist. Ihr geht als Teddyprinzessin vor die Tür… Ihr steht in der Haltestelle, die U-Bahn fährt ein, bisher hat kein Mensch reagiert und als ihr in die Bahn steigt, schreit ein Kind. Die Mutter schaut euch böse an… – So und jetzt sagt mir, dass ihr diesen Blick nicht auf euer Erscheinungsbild bezieht.

Auch, wenn ich keine Teddybärin in rosa Tüll war, meine ersten Schritte unter Menschen waren gleichermaßen voll Erwartung und Angst. Und ganz ehrlich, die ersten Jahre in der Öffentlichkeit waren geprägt davon, dass ich die Menschen, die an mir vorbei gingen, genau im Auge behielt. Natürlich trafen mich viele Blicke. Himmel, ich lebe in einer kleinen Stadt und da ist eine Transfrau schon eine kleine Sehenswürdigkeit. Natürlich schauen die Menschen mich an. Den Fehler, den ich anfangs oft machte: ich versuchte heraus zu finden, was die Menschen dabei dachten.

Inzwischen bin ich abgestumpfter. Ich habe mich einerseits an die Blicke gewöhnt und, was viel wesentlicher ist, ich habe aufgehört, über die alltäglichen Blicke nachzudenken. Es gibt immer wieder Menschen, die heftiger reagieren, die kichern, mit dem Finger zeigen oder mich beleidigen… diese Menschen bemerke ich nach wie vor, aber nur, weil sie heraus stechen. Und durch meine veränderte Betrachtung bin ich selbstsicherer, was auf fast magische Art dazu führt, dass mein Passing besser ist.

Die ersten Schritte sind immer schwer und voll von Unsicherheit, aber ich kann aus Erfahrung sagen: es wird besser. Es wird nicht von einen Tag auf den anderen besser, die Veränderung passiert fließend. Lediglich die Erkenntnis, dass es besser wird, kommt plötzlich.

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