Was wirklich von Bedeutung ist…

Vor wenigen Tagen wurde ich mit einem Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht. Unrasiert und sogar ungeschminkt lag ich in der Notaufnahme und wenn ich ehrlich bin, war mir das in dem Moment herzlich egal. Eine wunderbare Ärztin begann mit der Untersuchung und schaffte etwas beeindruckendes: es gelang ihr, mich als Frau zu behandeln, selbst wenn sie über den männlichen Körper sprach. Während einige ihrer Kollegen Schwierigkeiten hatten, die Frau auf der Behandlungliege als solche zu erkennen oder anzusprechen, blieb sie beharrlich. Genauso einfühlsam war das Pflegepersonal.


Als es darum ging, mich stationär aufzunehmen, hörte ich, wie die Schwester am Telefon immer wieder erklärte, dass sie eine Patientin habe, die eben nicht in ein Männerzimmer gesteckt werden könne… „weil sie kein Mann ist!“ (In dem Moment war mir ganz egal, in welchem Zimmer ich landen würde – selbst eine Massenunterkunft hätte ich in Kauf genommen, wenn nur die Schmerzen nachließen.

Ich weiß, dass solch positiver Umgang mit trans* Patienten nicht zum Alltag gehört. Das schreibe ich, allein in meinem Zimmer sitzend, umgeben von Personal, das mich nicht ein einziges mal absichtlich missgendert hat (und das obwohl die Nachtschwestern mich ungeschminkt erleben).

Neben dem Gefühl, gut aufgehoben zu sein und einem, wie soll ich sagen, daraus erwachsenen tieferen Vertrauen, hat das ganze einen positiven Nebeneffekt: ich habe erkannt, dass ich mein Gefühl für Weiblichkeit noch immer sehr über mein Erscheinungsbild abhängig mache. Ungeschminkt fühle ich mich– etwas übertrieben gesagt – einfach wie so‘n Kerl. Es ist erstaunlich, wie ich mein Empfinden über mich selbst von meinem Umfeld abhängig mache. Ich merkte auch, dass mein Bart wirklich den größten Anteil an meiner psychischen Belastung ausmacht und dementsprechend werde ich nach diesem Aufenthalt im Krankenhaus definitiv deutlich zielstrebiger auf die Enthaarung hinarbeiten.

Ach ja, am Rande bemerkt: im Moment geht es mir ziemlich gut, ich bin vorsichtig optimistisch, dass ich nächste Woche noch ein paar Tage der Ferien mit meiner Frau den Kindern genießen kann. Drückt mir ein wenig die Daumen 😉

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8 Gedanken zu “Was wirklich von Bedeutung ist…

  1. Na klar drücken wir Dir ganz fest die Daumen, dass Du bald wieder aus dem Krankenhaus zu Hause im Kreise Deiner Familie sein kannst.

    Ich kann es nur immer wieder sagen, der größte „Feind“ sitzt im eigenen Kopf. Viele machen sich viel zu viele Gedanken über die Außenwirkung. Früher habe ich das auch getan, heute kratzt es mich überhaupt nicht mehr was der Rest der Menschheit denkt und trotzdem überrasche ich mich ab und an, dass ich morgens im Spiegel den Kerl von früher sehe. Aber das ist sicherlich vollkommen normal. Die Erziehung ging und geht noch immer in die Richtung männlich/weiblich und das muss man erst einmal aus den Köpfen bekommen.
    Ich war letztes Jahr auch im Krankenhaus, zum Glück nur einen Tag, aber zusammen mit den Voruntersuchungen bin ich auch mit viel Personal zusammengekommen und ich war vom ersten Moment an als die erste Frage kam, wie man mich denn ansprechen solle klar, dass ich Frau B. wäre und das, obwohl ich zu dem Zeitpunkt noch männliche Papiere hatte. Die Dame bei der ersten Untersuchung hatte auf die Karteikarte das Zeichen für weiblich gemacht und dieses mit einem Textmarker hervorgehoben und alle, wirklich alle habe es respektiert. Das fand und finde ich heute noch eine starke Leistung.

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