Wichtig ist, dass Du Dich wohl fühlst…

Immer wenn ich irgendjemanden sage, dass ich nicht unrasiert und ungeschminkt raus gehen kann, kommen sehr liebe Menschen und versuchen mir Mut zu machen. Ich weiß, dass diese Menschen es wirklich gut meinen und mich motivieren wollen. Immer wieder kommen dann Sätze wie:

  • Du bist doch so ein toller Mensch
  • Lass die Leute doch reden
  • Wichtig ist, dass du dich wohl fühlst
  • Ich find dich klasse, lass dich doch von ein paar Haaren nicht…

Jo. Es kommt auch ein wenig drauf an, wer das sagt oder schreibt, aber manche dieser gut gemeinten Sätze haben keine motivierende Wirkung. Ich existiere nicht in einem Vakuum. Natürlich kann ich mich zuhause frei und auch unrasiert als Frau bewegen. Meine Familie sieht wegen dem bisschen Haaren und Farbe im Gesicht keinen anderen Menschen.

Aber ich habe kein unendlich großes Lager für Lebensmittel und abgesehen davon gehe ich generell gerne auch mal vor die Tür. Und da sind Menschen. Natürlich könnten mir die egal sein. Es könnte mir auch egal sein, was Leute in mir sehen… Es könnte mir egal sein, wie die Leute mich ansprechen…

Moment. Also: ich bin eine Frau und irgendwie ist es einiges angenehmer für mich, wenn ich nicht ständig „Herr XY“ genannt werde. Und generell hab ich es ganz gern, wenn ich ein Paket, dass an mich adressiert ist, auch mal einfach annehmen kann, ohnemeine halbe Lebensgeschichte  erzählen zu müssen… Es ist angenehm, wenn ich  nicht im Schuhladen erklären muss, dass ich bei den Damenschuhen schon richtig bin,… es ist angenehm, wenn ich als Frau erkannt werde.

Ich darf euch eine Frau zeigen:

2014-03-02

Ja, so sah ich vor etwa drei Jahren noch aus. Auch damals war ich eine Frau – sah nur kein Mensch. Natürlich könnte ich ungeschminkt raus gehen, dann erkennt nur niemand die Frau, die ich bin. Und wenn ich dann meine Schuhe anhabe, eventuell einen Rock … dann sehen die Menschen einen Mann in Frauenkleidern. Und das kann ich auch ein wenig verstehen.

Passing – die Fähigkeit so auszusehen, wie es dem eigenen Gender entspricht – ist wichtig. Ich kenne die Blicke noch, denn auch vor drei Jahren ging diese Frau auf die Straße. Je weniger ich als „Mann“ auffalle, desto weniger Spott erlebe ich. Je unauffälliger ich bin, desto mehr Menschen bemerken mich nicht, desto weniger Menschen reagieren ablehnend. Und so gern ich sagen würde „ja, ich pfeif auf andere…“ – unrasiert raus gehen ist inzwischen für mich unmöglich. Aber meine Haut lässt nicht immer zu, dass ich mich rasiere (oder danach schminke)… Es gibt also Tage, da kann ich nicht raus. Tage, an denen mein Körper mir unmöglich macht, unter Menschen zu gehen. Und so lieb die Ratschläge auch sind: nein, ich kann so nicht raus.

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5 Gedanken zu “Wichtig ist, dass Du Dich wohl fühlst…

  1. Ich geb Dir da recht und habe es ja auch schon getan, mit Bart das ist schon ein Handycap, keine Frage. Schade auch, dass es da erstmal keine Möglichkeit gibt, dem irgendwie beizukommen. Es ist irgendwie wie es ist, für jede von uns auf ihre Art schwierig. Bleibt nur zu hoffen, dass das was uns nicht umbringt, nur härter macht und wir den Blick für das Wesentliche nicht aus den Augen verlieren.

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  2. Liebe Frau Papa, danke für diesen einsichtigen Beitrag. Ich denke, bei diesen gut gemeinten Phrasen passt das Klischee, dass man Ratschläge lieber gibt als sie selber befolgt. Ich kann Dir jetzt auch sagen, dass es doch reicht, dass Du Dich wohl fühlst, so ganz unrasiert, aber was ist denn, wenn Du Dich halt rasiert und geschminkt wohler fühlst, wenn Du nach draußen gehst? Musst Du dadurch zur Märtyrerin werden? Und sowieso, ich gehe ja schon ungern mit unrasierten Beinen raus, weil ich Angst habe, dass man mich schräg anguckt. Es wäre sehr anmaßend von mir, dann von Dir zu verlangen, unrasiert durch die Straßen zu marschieren, nur weil ich mir wünsche, dass Du völlig selbstbewusst Zeichen setzt (und ich halte mich schön zurück, jaja, so ist das mit den Privilegien).
    Was ich mir wünsche, auch wenn es sicher wenig Gewicht hat, von einer unbekannten Person im anonymen Netz: ich wünsche mir natürlich schon, dass Du Dich nicht nur rasierst und schminkst, weil wir (die Gesellschaft) einen gewissen Look von Dir erwarten, sondern hoffentlich auch, weil es Dir Spaß macht und Du Dich damit schön fühlst.

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  3. Hallöchen Nina,
    lese mich gerade durch Deine neuesten Einträge, möchte mich hier & da einbringen.

    Mein erster Gedanke nach den ersten Absätzen:
    „Leck mich inne Täsch, wat is dat vüüre normale Minsch!“
    (pardon: ming Kölsche Slang woar dat 😉

    Deine Beschreibung & Differenzierung zwischen Deinem natürlichen Sein/sein-wollen im Gegensatz zu Konventionen/gesellschaftlichen Restriktionen & „gut gemeinten Intentionen“ empfinde ich sowas von menschlich *natürlich*, das mir außer Zustimmung nichts bleibt!

    Denke wir *alle* haben irgendwelche Bilder im Kopf, mit denen wir irgendwelche Attribute verbinden, egal ob weiblich/männlich, attraktiv/weniger attraktiv, blaue Augen, rote Haare, blitzender Blick, drei-Tage-Bart, freundliches Lächeln oder herausfordernde Arroganz…, oder?

    Auch ich dusche & wasche meine Haare jeden Tag, weil mein noch fülliges, etwas länger gewachsenes Haar mit Zopf etwas über mich & meine Haltung – einen Teil meiner Individualität aussagt!

    Die ‚Notwendigkeit Deines Übels/Deals‘, Dich regelmäßig zu rasieren/zu enthaaren habe ich zwar nicht – dafür kann ich mir nur einen Schnäuzer & Kinnbart leisten, alles andere sähe aus wie ‚gewollt & nicht gekonnt‘ :-/

    Und gerade weil Du weißt, daß nicht nur Trans* mit Schubladen, Eingruppierungen & dementsprechend simplen Kategorisierungen zu tun haben, sind Deine Beiträge so imens wichtig – sind helfen uns allen, ob Mann oder Frau, ob dick oder dünn, ob groß oder klein gewachsen & mit allen Blessuren des Lebens ‚gesegnet‘!

    Dein Blick & Deine Augen wirken schon nachdem was Du bist & dementsprechend vermitteln willst…

    …rasiert hast Du eine andere, noch geschmeidigere Optik als Frau auf mich – Punkt.

    Denke es ist eine Mischung von sich selbst zu gefallen (was nie frei von Außenwirkung zu sehen ist) und sich dennoch von ‚Außenwirkung‘ frei zu empfinden – auch wenn man/frau es nicht immer so kann – wohl eine schmerzliche Kunst bzw. ‚try and error‘?!

    Deine Analysen, die Statements, die persönlichen (Erlebens-)Berichte…
    …sie bewegen mich mit Dir, aber auch vor Dir (aus Gründen), um immer wieder neu nachzudenken was ist & was sein sollte!

    Deine Blog-Gedanken regen mich stets erneut zum Nachdenken an – wie es sein soll – Punkt.

    Erbauliche Grüße, Horst

    Gefällt 1 Person

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