Meine Kindheit…

Morgens trinke ich Kaffee, manchmal esse ich sogar ein kleines Frühstück und dazu lese ich ein wenig in den sozialen Netzwerken. Gerade in den Ferien lese ich Texte, die die Vorteile der Kindheit betonen. Neulich wurde ich gefragt, wie meine Kindheit war und ehrlich gesagt scheue ich mich immer, das zu beantworten. Aber ich will mal über meinen Schatten springen und einfach mal drüber schreiben.

Meine Kindheit ist so ein Thema für sich. Ich bin das älteste von vier Kindern. Meine Eltern hatten nie viel Geld und haben versucht, dass wir ihr möglichstes getan, damit wir Kinder das nicht merkten. Meine Eltern vermittelten mit viele Werte, von denen ich bis heute profitiere, werte wie Toleranz, Verantwortungsbewusstsein, Zusammenhalt in der Familie. Meine Kindheit war in vielen Bereichen also unbeschwert.

Aber da war diese Kleinigkeit: für einen Jungen war ich zu sensibel, zu weinerlich. Ich spielte nicht gern mit den anderen Jungs, denn deren Spiele waren mir zu grob oder zu langweilig. Ich wollte immer lange Haare haben, was in den siebziger Jahren im kleinen Bergstädtchen durchaus noch ein Thema war. Ich spürte sehr früh, dass ich nicht zu der Gruppe der männlichen Altersgenossen passte und irgendwie fand ich anfangs auch keinen Anschluss zu den Mädchen. Niemand musste mich ausgrenzen, ich erinnere mich, dass ich von selbst Abstand hielt.

Als die Schule begann entdeckte ich meine Liebe zum Lernen – und bis heute gibt es selten Fanclubs für Klassenstreber. Meine Interessen für Wissen, Zeichen und Basteln passten nicht zu denen der Jungs, die mit Sport und Toben Pausenhof und so war ich einfach immer Außenseiter. Bei Streichen war ich bevorzugtes Opfer – genau wie viele andere Mädchen auch (die, die leicht zum heulen zu bringen waren).

Meine Kindheit war… ganz okay. Ich fand einige Freunde, denen mein Weichei-Sein nichts ausmachte. Aber ich sehne mich nicht nach meiner Kindheit zurück, ich habe keinen idyllischen Weichzeichner im Kopf, der mich davon träumen lässt. Meine Kindheit war eine Zeit, in der ich viel lernte, viel erlebt und mich zu dem entwickelte, was ich jetzt bin: zu einer Frau, die weiß, was sie will und nicht will.

Mir fehlte die Sprache, um meine Andersartigkeit anzusprechen und mir fehlte das Umfeld, das Transsexualität verstehen hätte können. Es war weder in der Gesellschaft, noch in den Medien ein Thema… Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass meine Lehrer wirklich helfen hätten können. Es gab viele Gründe, warum ich als Kind nicht sagen konnte, dass ich ein Mädchen bin. Ich bin froh, dass es für junge Transgender inzwischen viel mehr Möglichkeiten gibt.

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