Die Sache mit dem Leidensdruck…

Im Gesundheitssystem ist Transsexualität eine Krankheit. Ohne die Diagnose ICD-10 F64.0 passiert keine Behandlung der Transsexualität. Diese Diagnose muss durch einen Psychiater oder Therapeuten getroffen werden. Nun ist aber den Medizinern durchaus vielfach bewusst, dass Transsexualität an sich keine psychische Erkrankung ist – das wird klar, wenn man sich die Mühe macht, die Richtlinien des MDK zur Behandlung von Transsexualität, durch zu lesen. Darin wird das Bundessozialgericht mit dem Urteil (3 RK 15/86 vom 06.08.87) zitiert:

Der Krankheitsbegriff umfasst nicht nur einen regelwidrigen, vom Leitbild des gesunden Menschen abweichenden Körper- oder Geisteszustand, sondern darüber hinaus auch einen Leidensdruck, durch den sich die Regelwidrigkeit erst zur eigentlichen Krankheit i. S. von § 182 Abs. 2, §184 Abs. 1 RVO qualifiziert. […]

Der Leidensdruck macht Transsexualität erst zu einer Krankheit. Alles andere ist nur eine „Regelwidrigkeit“. Ehrlich gesagt, musste ich bei dieser Bezeichnung ein wenig schmunzeln. Aber nun möchte ich das mal genauer betrachten:

Transsexualität ist eine Abweichung vom „Leitbild des gesunden Menschen“ (das Gericht vermeidet deutlich den Begriff „normal“). In diesem Zustand zu leben, verursacht einen Leidensdruck. Was bedeutet das? In der Gesellschaft aus Leitbildern (cis) zu existieren, bedeutet Druck.Wie weit die gesellschaftliche Ablehnung von Transsexualität geht, kann man sogar in den Kommentaren in diesem Blog gut nachlesen. Obwohl meine Geschlechtsidentität niemanden etwas angeht, haben viele Menschen das Gefühl, mir sagen zu müssen, was ich bin oder zu sein habe. Und dieses Phänomen kennen alle trans* nur zur Genüge. Unverständnis, Ablehnung, Intoleranz und Hass sind tägliche Begleiter. Das verursacht psychischen Druck und Leiden. Abgesehen davon ist das Leben in einem „falsch gebauten Körper“ auch so schon Belastung.

Die Behandlung von Transsexualität soll den Leidensdruck reduzieren. Durch Hormonbehandlung, Haarteile, Bartentfernung, Brustaufbau, GaOP… (bei Transmännern  sehen die Maßnahmen anders aus, z.B. Mastektomie – aus fehlender eigener Erfahrung konzentriere ich mich auf die Behandlung von Transfrauen – bitte dies nicht als Abwertung verstehen) soll den Betroffenen ermöglicht werden, sich im eigenen Körper wohler zu fühlen und in der Gesellschaft unbemerkter bewegen zu können. Die Erfolge der Behandlung sind individuell sehr unterschiedlich, aber alle Behandlungen tragen dazu bei, den Leidensdruck zu reduzieren – die tägliche Last so weit als möglich von den Schultern zu nehmen.

Nun hat die Sache einen Haken: Die einzelnen Behandlungsschritte werden von den Krankenkassen nur bezahlt, wenn die Patienten den Leidensdruck belegen können. Und dafür reicht nicht, dass die Indikation vorliegt und oftmals Gutachten. Nein, vielfach wird für jeden einzelnen Behandlungsschritte nur dann zu erreichen, wenn man dafür extra Atteste vorlegen kann. Denn: jeder Fall wird als Einzelfall behandelt. Prinzipiell ist der Gedanke ja verständlich: es soll verhindert werden, dass unnötige Behandlungen Kosten verursachen. Nun muss jede*r trans* immer wieder Anträge stellen, warten, Belege für den Leidensdruck u.ä. nachreichen, warten und oftmals wird dann trotzdem erstmal von der Kasse abgelehnt. Leider ist es nicht selten, dass trans* die ihnen zustehende, erforderliche Behandlung einklagen müssen.

Und jetzt mal ehrlich: nicht zu wissen, ob man eine Behandlung bekommen kann und zu wissen, dass man oftmals nur über jahrelangen Kampf gegen die Kasse dem eigenen Körper näher kommen kann – DAS ist ein zusätzlicher Leidensdruck, den man gut vermeiden könnte.

Nun möchte ich mal einen Gedanken mit euch teilen: Ist ein*e trans* stark, selbstbewusst und schafft ihren Lebensweg, dann riskiert diese Person, dass ihre Anträge abgelehnt werden, weil kein Leidensdruck vorliegt. Das Gesundheitssystem kennt viele Wege trans* medizinisch zu behandeln. Durch die Bindung an den Leidensdruck und die Antragsbearbeitung gehen oft Jahre der Lebenszeit verloren. Jahre, in denen die betroffenen Personen unter Druck stehen und oftmals unter diesem zerbrechen. Klare Richtlinie für die Behandlung, die nicht zu jedem einzelnen Schritt so unnötig kompliziert machen, würden Therapie- und Gutachterstunden einsparen und gleichzeitig die psychische Belastung für Betroffenen und Angehörige reduzieren. Aber… was weiß ich schon? Ich gehe zu einer Therapie, die ich nur für die Papiere für die Krankenkasse begonnen habe…. nur, um den Leidensdruck nachzuweisen.

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5 Gedanken zu “Die Sache mit dem Leidensdruck…

  1. Ein gefällt mir wollte ich nicht klicken, weil Du eine Situation beschreibst, die keinem gefallen kann und sollte.
    Aber inzwischen geht es ja überall nur ums Geld; niemals um die Menschen.
    Das ist bei deinem Leidensdruck nicht anders wie bei meinem; dem von Krebspatienten oder anderen Leidenden.
    Vermutlich hoffen die immer, wenn man es lang genug aussitzt, löst sich das „Problem des Antrags“ von alleine – und leider ist es ja auch tatsächlich in viel zu vielen Fällen so…..
    – und „schwupps“…. schon wieder Geld gespart….. Armes, reiches Deutschland….

    Gefällt 2 Personen

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