Keine Zeit für keine Lust …

Ich bin frustriert. Nein, eigentlich ist es mehr eine Resignation, die sich in mir breit macht, so breit, dass ich mich auf die Therapie am Donnerstag freue.

Trans zu sein, bedeutet derzeit für mich, ständig kämpfen zu müssen. Einerseits erklären mir cis was Transsexualität ist, mein Geschlecht, Gender usw. Andererseits ist meine weibliche Seele in einem Körper, der immer wieder maskulin wahrgenommen wird (auch von mir). Und obendrein habe ich kaum Hoffnung, dass ich irgendwann in meinem Leben einen Punkt erreichen kann, an dem ich nicht ständig erklären muss, was ich bin.

Ich lebe in einer kleinen Stadt. Und gerade in den Supermärkten, in denen ich regelmäßig einkaufe, kennt man sich. Nach mehreren Jahren, die ich offen als Frau lebe, haben sich die meisten an mich gewöhnt. Wenn ich also als „der Kunde/der Herr“ angesprochen werde, habe ich zwei Möglichkeiten: Kopf schütteln oder erklären. Und das werde ich nicht los.

Anders, als andere Frauen, kann ich nicht erwarten, dass ich als Frau erkannt werde. Dafür war zu lange Testosteron das Hormon, das diesen Körper geformt hat. Ich könnte jetzt der Gesellschaft schuld geben, die angeblich die Geschlechterrollen definiert. Könnte ich. Ich könnte mehr Toleranz fordern und Diskriminierung anprangern. Könnte ich.  Ich könnte auch sagen, dass ich mein Passing verbessern muss (was ohne Chirurgie nur begrenzt möglich ist). Könnte ich. Aber all das führt nicht wirklich weiter. Und genau davor resigniere ich. Ich erwarte keine Welle der Toleranz, keine gesellschaftliche Veränderung und auch keine überraschende körperliche Umwandlung.

Jeden Tag erwartet mich eine ordentliche Menge Unverständnis, Intoleranz, Spott, Gleichgültigkeit und Aggression. Und warum? Weil andere Menschen glauben, sie wüssten besser über mein Geschlecht, meine Sexualität und meine Identität bescheid als ich selbst.

Stellt euch mal vor, jemand würde sich in euer Leben so einmischen.

Ich habe keine Lust auf diese täglichen Kämpfe. Habe keine Lust, mich zu erklären, zu rechtfertigen, zu wehren. Ich habe keine Lust, auf dubiose Theorien zu meinem Geschlecht, ausgesprochen von Menschen, die nicht in meiner Haut stecken. Ich habe keine Lust auf so ein Leben. Genauso wenig habe ich Lust auf einen Körper, der keine Lust erleben kann. Ich habe einfach keine Lust mehr.

Aber niemand fragt mich, ob ich Lust habe. Mein Kleinster hat Hunger und fragt mich, was ich koche. Mein Mittlerer fragt mich, ob ich ihm in Mathe helfen kann. Meine Kinder fragen mich viel… Ich habe keine Zeit für keine Lust. Ja, immer wieder sitze ich in der Ecke und heule, weil mir die Kraft und der Antrieb fehlt. Aber ich werde gebraucht. Täglich. Auch ohne Lust. Und da kann die halbe Welt über mein Geschlecht und meine Genitalien diskutieren… Ich habe Familie, ich habe Kinder. Und daher gebe ich mich nicht geschlagen.

Edit: danke für den Titel, Ulf 🙂

Advertisements