Blogeintrag Nr. 100

Bis gestern hatte ich keine Idee, worüber ich in diesem, meinen 100. Blogeintrag, schreiben könnte.

Ich hatte vorgestern, als die Kinder im Bett schliefen und Ruhe zuhause einkehrte, den Tag im Schwimmbad zusammen gefasst und gebloggt. Es ist dies ein Eintrag aus meinem Leben, wie jeder andere in diesem Blog auch. Normalerweise bekomme ich kaum Kommentare – was mich in der „gefällt mir Button“-Welt auch nicht weiter verwundert. Gestern aber kamen Kommentare. Und seitdem weiß ich ziemlich genau, was ich schreiben werde.

Erstmal möchte ich mich für den Zuspruch bedanken. Viele Eurer Kommentare haben mich tief berührt und geben mir Hoffnung.

Erstaunlich für mich ist nicht, dass so deutliche Ablehnung und auch Anfeindungen passierten. Das ist für mich deshalb nicht besonders, weil ich diese Reaktionen in der einen oder anderen Form jeden Tag zu lesen, sehen und zu spüren bekomme. Erstaunlich ist vielmehr, dass die Menschen, die Transsexualität und anderen Themen offen gegenüber stehen und die Toleranz jeden Tag leben, dass diese Menschen von den Kommentaren überrascht waren.

Wegen der Reaktionen gestern will ich hier mal einen kleinen „Schnellinfo-Blogeintrag zum Thema Transsexualität“ für „Menschen, die sich schwer tun, Transsexualität zu verstehen – aber unbedingt dazu was schreiben wollen“ schreiben.

„Make-Up und Perücke machen keine Frau dir.“

Richtig. Make-Up macht mich nicht zur Frau, das weiß ich auch. Frau war ich immer, mein Körper wurde aber durch die Nebenwirkungen von Testosteron geformt. Make-Up hilft, dass Menschen, die in mir keine Frau erkennen (eben wegen dem Testosteron) eine Frau sehen können.

„Lass ihn doch, wenn er sich als Frau fühlen will.“

Wo fang ich da an. Danke für die nett gemeinte Geste. Ich fühle mich nicht mehr oder weniger als Frau, wie jede andere auch. Das liegt daran, dass ich eine Frau bin. Mein Körper ist mein Hindernis und war dies schon immer. Bereits im Kindergarten wusste ich, dass ich keine Junge war, wegen meines Körpers war aber ein „Ausbruch aus der männlichen Rolle“ nicht erlaubt und unmöglich.

Ich wollte das auch nie. Ich wollte niemals anders sein. Ich wollte ein ganz normaler Junge sein. Ich zwang mich dazu. Dieser Zwang führte zu schwersten Depressionen, zahlreichen Selbstmordversuchen und psychischen Schäden, die ich bis heute mit mir herum trage. Ich wollte „normal“ sein. Mir wurde von meinem Umfeld vermittelt, dass Homosexualität furchtbar sei, dass meine weibliche Seite Schwäche sein, dass mein Wunsch Frau zu sein, nichts anderes als eine sexuelle Perversion sei. Nein, das alles wollte ich nicht.

„Ihn“ gibt es nicht. Gab es nie. Nicht umsonst wird bei der rechtlichen Anerkennung von Transsexuellen auch die Geburtsurkunde geändert. In meiner Geburtsurkunde steht mein Geschlecht: weiblich. Ich habe mit medizinischen Gutachten belegen können, dass meine Genitalien nicht mein Geschlecht repräsentieren.

Ich habe mir mein Geschlecht nicht ausgesucht. Und wenn, dann hätte ich definitiv einen leichteren Weg gewählt, als in diesem Körper mit einer weiblichen Seele zu stecken.

Ich verstehe durchaus, dass dieser Satz als Zuspruch gemeint war. „Lasst sie doch einfach Frau sein“, trifft vielmehr den Punkt.

„Mit Pimmel hast du dort nichts zu suchen…“

Also. Wie werdet Ihr öffentlich auf eure Genitalien angesprochen? Wie oft müsst ihr euch für die Existenz Eurer Genitalien entschuldigen und rechtfertigen? Wie oft wird Euch das Recht auf Euer Geschlecht abgesprochen, für Genitalien, die ihr Euch nicht ausgesucht habt?

Ich täglich.

Nebenbei bemerkt, ist es rechtlich komplett irrelevant, welche Genitalien ich habe: mein wirkliches Geschlecht wurde amtlich anerkannt. Aber, um ehrlich zu sein, hatte ich nie ein besonders gutes Verhältnis zu meinem Gebaumel. Es ist da, weil es da ist, aber ich habe es mir immer weg gewünscht. Nur: niemand außer ich hat zu entscheiden, ob ich mir diesen gesunden Körperteil amputieren lasse. Niemand hat das Recht eine Verstümmelung von anderen Menschen zu fordern, um diese einem Gechlechtsideal anzupassen. (Ich erinnere mal an die Beschneidungsdiskussionen) Aber mir wird immer wieder gesagt, dass ich mit der bestehenden Anatomie keine Frau wäre. Das habt nicht ihr zu entscheiden – gothseidank.

Ihr stellt Euch wahrscheinlich vor, dass eine Transfrau einfach zum Arzt gehen kann und die OP bekommt. FEHLANZEIGE. Für die OP sind mehrere Jahre Behandlung, Therapie, oft zahlreiche Gutachten erforderlich und selbst dann sind oft noch lange Wartezeiten zu erwarten. Ich habe mein ungeliebtes Gebaumel noch einige Jahre. Und außer meiner Frau und meinen Ärzten sieht das niemand. Ich lege auch in der Sauna mein Handtuch niemals ab. Das hab ich schon in meiner männlichen Rolle nicht gemacht… das werde ich nicht ändern. Meine Genitalien sind Privatsache.

„Du bist ein Mann / Ein Mann in Frauenkleidern ist keine Frau. / usw…“

Wer ein Thema nicht versteht, sollte nicht mitreden. Das gilt auch für Transsexualität. Ich war fast vierzig Jahre lang eine Frau in Männerkleidern – nicht umgekehrt. Auch, wenn es Euch schwer fällt (und das sehe ich in euren Kommentaren und Reaktionen deutlich): Ich war noch nie ein Mann. Mein Umfeld betrachtete mich als Mann, zwang mich in die männliche Rolle,… Aber: ich war nie ein Mann und „er“ passte nie.

„Das ist doch nicht transfeindlich. Das ist ja lediglich Kritik…“

Mich Mann, übergriffig, lesbenfeindlich zu  nennen ist nicht feindlich?
Mir mein Geschlecht abzusprechen, ist nicht feindlich?
Mir pädophile Neigungen zu unterstellen, ist nicht feindlich?

Ihr würdet es lieber transphob nennen? Eine Angst vor… einer Frau, die eben nicht dem Schönheitsideal entspricht? Es ist KEINE ANGST. Phobien sind ernst zu nehmende psychische Störungen. Transphobie, wie auch Homophobie existieren nicht.

Jemandes Geschlecht zu kritisieren macht dann Sinn, wenn diese Person eine Wahl hätte. Fragt Euch, ob ihr eine Wahl beim Geschlecht habt? Nein? Ich auch nicht. Transsexualität ist keine Wahl, keine Entscheidung, die man trifft.

Und als Schlusssatz möchte ich euch mitgeben: hört auf, wenn euch etwas Unwohlsein verursacht, Kinder als Thema vorzuschieben. Kinder reden offen mit mir und stellen direkte Fragen. Sagt einfach „ich fühle mich nicht wohl…“, wenn euch was nicht gut tut und nicht „ich stelle mir vor, dass meine Kinder…“ – Verdammt, sagt doch einfach mal, was ihr denkt. Und wenn ihr Euch nicht auskennt, stellt einfach mal Fragen… statt „ich stelle mir das xy vor…“ zu sagen.

Ich moderiere übrigens ALLE Kommentare und wie ihr gestern sehen konntet, lasse ich trotzdem viele Kommentare zu, die direkt gegen mich und Trans* gerichtet sind. Es gibt aber Grenzen, ab denen ich eure Kommentare nicht öffentlich erscheinen lasse.

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28 Gedanken zu “Blogeintrag Nr. 100

  1. Hallo Nina, ich finde deine Stellungnahme voll super, und die Angriffe gegen dich so bravourös entgegen zu treten! Wie du auch immer versuchst zu übermitteln das du dein Geschlecht nicht ausgesucht hast, dass wollte auch ich in meinem vorherigen Blog übermitteln! Dazu zum Thema du seist keine starke Frau, wie du an einem deiner vorigen Blog beschrieben hast! Ich hätte nicht so eine stärke, hätte schon längst den Kopf in den Sand gesetzt! Wie man sieht, besteht bei den Menschen leider noch sehr viel Aufklärungs bedarf!

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    1. In meinem Blog, wie im Leben auch, versuche ich einfach Erfahrungen zu vermitteln. Wenn dann solche Vorurteile, wie gestern wieder einmal, heran getragen werden, dann sehe ich, dass ich noch einiges vor mir habe.

      Mal sehen, wie es in 1-2 Jahren aussieht

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      1. Es ist schrecklich, im 20 jahundert noch immer so Vorurteile zu haben! Aber nichts zu trotz, wünsche ich Dir und Deiner Familie alle Kraft der Welt den Vorurteile zu wiedersehen! Und bleib so wie du bist, freue mich schon auf deinen nächsten Blog!! Lg.

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      2. Das „Du“ noch einiges vor dir hast? Was letztlich bedeuten soll, dass sich alle anderen deinen Lebensumständen anzupassen haben, oder wie? Da du oben geschrieben hast das du ganz offen diskutieren willst dann bitte:

        1. Wenn du in ein Schwimmbad gehst dann sehen dich alle anderen nun mal so wie du dich darstellst, was eben zu Blicken führen kann, da du eben mit deiner Erscheinung aus der Norm fällst. Damit meine ich das alles was auffällt oder außergewöhnlich ist, eben Aufmerksamkeit auf sich zieht. Alles was Aufmerksamkeit erzeugt polarisiert nun mal, weil es menschlich ist, unterschiedliche Meinungen und Ansichten zu haben.

        2. Dir sollte klar sein das es für die Mehrheit deine Art zu leben eben etwas besonderes ist, du bist für die Anderen eine Ausnahmeerscheinung und das wirst du nicht damit ändern können das du hier das Blog voll schreibst. Wie du schon festgestellt hast, verstehe ich nicht was „Transsexualität“ bedeutet, daher sehe ich es einfach so das du dich eben jeden Tag dafür entscheidest, denn rein körperlich bist du ja scheinbar gesund. Mir kommt es wie eine reine Kopfgeschichte vor, denn wenn du Hormone nimmst um dich weiblicher zu machen scheint ja der Körper reichlich männliche Hormone zu haben oder nicht?

        3. Was wirfst du der Gesellschaft eigentlich vor? Deine Ärzte und Therapien werden vollen allen bezahlt (Stichwort: Solidargemeinschaft), du wirst nicht ausgeschlossen und kannst dein Leben leben wie du willst. Erwartest du wirklich das alle sich jetzt nach den Ausnahmen des Lebens richten und ständig auf der Hut sind weil an der nächsten Ecke eben wieder irgendwas Außergewöhnliches warten könnte oder wie? Du willst akzeptiert werden wie du bist, also akzeptiere auch die anderen wie sie sind. Ganz einfach, die meisten interessiert es gar nicht, sie wollen ihr Leben leben – einfach so.

        Die Frage die sich mir stellt ist, wieso du glaubst das sich alle anderen mit deinen Problemen beschäftigen sollten und wissen müssten was es bedeutet „transsexuell“ zu sein? Warum drückst du deine Probleme anderen in der Öffentlichkeit auf? Meinst du nicht das es wirklich andere Probleme in unserer Gesellschaft gibt die angegangen werden müssten, es ist doch inzwischen akzeptiert das jeder so leben kann wie er/sie will aber jetzt zu erwarten das alle anderen hier den roten Teppich ausrollen oder sich in Mitleid ergießen ist dann doch etwas zuviel, oder nicht?

        Es tut mir leid, das ich im Heucheln nicht so gut bin wie andere aber ganz ehrlich wenn ich sehe wie Behinderte, Schwersterkrankte (Krebs, Diabetes, usw.), Ältere (Rentner) um Hilfsmittel und Medikamente oder Pflegestufen kämpfen müssen, da seh ich deine Wehwehchen hier offen gestanden eher „gelassen“ (diplomatisch formuliert) denn andere haben um ihre blanke Existenz zu kämpfen und nicht damit das sie meinen lieber Frau statt Mann zu sein. Natürlich ist mir klar das dein Problem für dich am größten ist – eben weil es deins ist – aber relativ gesehen gibts nun mal Schlimmeres ob du es nun wahr haben willst oder nicht.

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  2. Gratulation zum 100. Blogpost, der wichtig und richtig ist.

    Für alle Nichtversteher, ob von gestern, von vorgestern oder von heute: Geschlechtsidentität findet nicht in der Hose statt, sondern zwischen den Ohren!

    Sagt ein bartloser Mann ohne Pimmel, den Ihr auf der Straße trotzdem nicht als „Frau“ lesen würdet. Dieses „als dieses oder jenes Gelesenwerden“ ist der Ausgangspunkt sovieler Diskriminierung von Trans*menschen. Es wird verlangt, dass wir, wenn wir in einer anderen als der der Werksauslieferung entsprechenden Geschlechtsrolle leben wollen, gefälligst auch „so aussehen“ sollen. Das ist Hochmut. Das ist cis-normativ. Das ist übergriffig in jeder Konstellation. Es geht Euch (Cis-Menschen, die das Glück hatten, eine der Grundausstattung entsprechenden Geschlechtsidentität zu haben) nullkommanichts was an.

    Deshalb jetzt nochmal und für hinter die Ohren:

    Manche Menschen sind transgender. Manche Menschen sehen nicht so aus, wie Euer zementiertes Bild von „Mann“ oder „Frau“. Werdet verdammt nochmal damit fertig, das ist Eure Aufgabe.

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      1. Yesss!!
        Und was heißt „Gender“? Gender ist das soziale „Geschlecht“, die Geschlechtsrolle. Die kann in der Tat variieren, denn sozial, gefühlt, oder wie man es bezeichnen möchte, kann sich heutzutage jeder Mensch verhalten und kleiden, wie er mag.
        Am biolgischen Geschlecht, und nur dieses ist wirklich das Geschlecht, ändert „Gender“ rein gar nichts.

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  3. Mich überraschen solche Kommentare schon lange nicht mehr, aber sie machen mich unglaublich wütend. Meine Exfrau, unser Sohn und ich haben auch tagtäglich mit dummen Sprüchen zu kämpfen und, was mich besonders rasend macht, falsches Mitleid. Als wäre die Tatsache, dass ein Kind zwei Mütter oder Väter hat etwas bemitleidenswertes. Ist es nicht. Es ist völlig okay.

    Nina, dein Blog ist toll und ich habe meine eigene Familie in vielen Einträgen wiedererkannt. Du bist eine sehr sympathische Frau und ich freue mich schon auf die nächsten hundert Postings.^^

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  4. froh deinen Blog „gefunden“ zu haben. Werde Beiträge 1-98 lesen und freue mich schon darauf, viel gelernt, mach weiter so! Danke! Peter PS ich gebe zu: hatte für den 🏊🏼Beitrag abgestimmt😉

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  5. Du bist ein Mann und bleibst ein Mann. Das hat nichts mit Deinem „Gebaumel“ zu tun, sondern mit Deiner Körpergröße. Männer sind größer als Frauen, umd alles, was größer als 1,70 ist, ist eben ein Mann. Selbst wenn Du Dir Kleider in Übergröße anziehst, wirst Du dadurch nicht zur Frau, da hilft höchstens eine OP, entweder die „kleine“, bei der Dir die Füße abgetrennt werden, oder die „große“, bei der Dein Kopf abgetrennt wird (dadurch verschwindet nicht nur der Bartwuchs, der vielen angeblichen Transfrauen so ein Problem bereitet, sonder nauch alle gedanken daran, im falschen Körper zu leben).

    Genauso geht es natürlich auch Frauen, die sich angeblich als Männer fühlen, obwohl sie vielleicht nur 1,50 groß sind. Wie nennt man denn einen Mann, der so klein ist? Eine Witzfigur, und zu recht! Warum hat man wohl im Mittelalter solche Hexen auf die Streckbank gebunden?

    Vielen Dank für Deinen Blog, der mich immer wieder aufbaut, wenn ich daran verzweifle, in einem zu großen Körper geboren zu werden.

    Valentina (1,65; lebt noch in einem Männerkörper namens Michael mit 1,75)

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  6. Ich finde diesen Blogeintrag so toll, dass ich direkt fragen muss, ob es für dich okay ist, wenn ich ihn auf Facebook teile?
    Da die Buttons zum Teilen auf Twitter, FB etc. da sind, denke ich ja, will aber doch zur Sicherheit nachfragen.

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  7. „Wer ein Thema (Transsexualität) nicht versteht, sollte nicht mitreden.“

    Das Blöde ist nun aber, dass Frauen genau wissen, warum sie Frauen sind. Wenn es also darum geht, wer eine Frau ist, dann wissen Frauen (sprich: nicht Transfrauen) das am Besten und haben jedes Recht der Welt mitzureden. Feministisch betrachtet haben sie sogar die Definitionsmacht auch darüber, was überhaupt Frausein bedeutet.

    Wenn es darum geht, wer trans ist und sich so bezeichnen sollte, sieht es natürlich anders aus. Das mögen die betroffenen unter sich ausmachen.

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      1. Nina, mich würde interessieren, woran du erkannt hast, dass du eine Frau bist.
        Also nicht „ich wusste es“, sondern woran hast du dieses Wissen festmachen können?

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        1. Ich versuche deine Frage, die ich übrigens sehr interessant finde, so gut als möglich zu beantworten. Ich hole dafür ein wenig aus und hoffe, dass ich mich dadurch nicht zu unverständlich ausdrücke.

          Es gibt einen Punkt in der kindlichen Entwicklung, der symbolisch für die Erkenntnis des „selbst“ steht: sich im Spiegel zu erkennen. Ohne diese Erkenntnis könnten wir nicht einmal unser eigenes Gesicht beschreiben.

          Ähnlich erging es mir bereits in früher Kindheit. Bereits im Kindergarten hatte ich kaum Bindung zu männlichen Spielkameraden. Sie waren mir zu grob, zu sehr auf vergleichenden Wettbewerb („ich bin schneller als du“) aus, während die Mädchen andere Spiele spielten. Wenn ich mit Jungs spielen wollte (oder musste) wurde ich meistens ausgegrenzt, es gab Spott und Streit – außer ich versteckte meine Bedürfnisse und vorstellte mich.

          Dass ich meine Persönlichkeit, mein Wesen anders ausdrückte, als meine vermeintlichen Geschlechtsgenossen zeigte sich später, als ich kaum Freundschaften zu männlichen, aber zahlreiche enge Freundinnen hatte. Mädchen empfanden mich selbst in der Pubertät als vertraute Person. Bis heute kann ich kaum in einer Gruppe von Männern ein Gesprächsthema finden.

          Was für mich seit jeher schwierig war: wann immer ich erklärte, dass ich kein Junge war, wurde mir über meine Genitalien erklärt, dass ich einer wäre.

          Meine Genitalien habe ich nie gemocht. Zwar entwickelte ich keinen Hass, aber ich empfand den Penis als Ding und tue das noch immer.

          Als ich noch gezwungen war, so zu tun, als wäre ich ein Mann, musste ich mich ständig verstellen. Von der Körpersprache bis zur Wortwahl,… Es war anstrengend. Meine natürliche Körpersprache ist anders, als die „männlichen Muster“ – ja, ich weiß, das sind auch Stereotypen. Aber solche Stereotypen existieren. Viele davon sogar tief verwurzelt und unbewusst.

          Ich kann meine Weiblichkeit an meinem Empfinden, meinem Kommunikationsverhalten, meinem Wesen, meiner Körpersprache feststellen. Erstaunlich viele meiner Bekannten und guten Freunden waren über mein Coming Out nicht überrascht. Die Menschen, die überrascht waren, halten sich bis heute an der Rolle fest, die ich spielte und nicht mehr spielen kann.

          Der Druck, der auf mir lastete, war so groß, der Energieaufwand für die männliche Maske, dass ich in tiefste Depressionen glitt und keinen Ausweg mehr sah… Ich stand zwischen Selbstmord oder Ehrlichkeit (und ich hatte Angst alles zu verlieren)

          Als Frau zu leben, bedeutet mit meinem Körper täglichen Spott und Ablehnung zu ertragen. Dabei treffen diese Kommentar nicht nur mich, sondern verletzen oft meine Familie, meine Kinder. Dennoch ist diese tägliche Belastung weit weniger Last, als so zu tun, als wäre ich ein Mann.

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  8. Weitehrin viel Kraft auf Deinem Weg, Nina!
    Ich fand diese Diskussion von Horace & Pete – (Louis CK on Sexuality)

    sehr spannend und damit auch eigentlich schon alles sagend! 🙂
    Viel Spaß beim kucken.

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  9. Ich versteh immer gar nicht, wieso Menschen sich aufregen über Dinge, die sie nichts anzugehen haben, bzw. die ihnen auch gar nichts Schlimmes tun. Es hat doch keiner körperliche Schmerzen, nur weil irgendwo auf der Mensch ein Trans*-Mensch lebt. *kopfschüddel*

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