Wie sag ich es den Kindern…

Ein coming out ist für die meisten Betroffenen ein recht markantes Erlebnis. Jemand, den man zu kennen scheint, sagt etwas, das das bestehende Bild oft komplett zerstört. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum ich besonders oft danach gefragt werde, wie die Kinder mit meinem Coming out umgingen.

Erst mal muss ich eines los werden: es gibt nicht „DAS Coming out“. Für die Offenlegung der inneren Wesenszüge gibt es keine Mustervorlagen. Es gibt keinen perfekten Weg und selbst wenn es den gäbe, gäbe es unendlich viele mögliche Reaktionen darauf. Erstaunlich viele Menschen teilen ihre Coming out Erfahrungen mit mir. So kenne ich nun doch eine gute Handvoll Möglichkeiten, gerade wenn es um die Familie geht.

Wenn ich aufgrund meiner Erfahrungen, Tipps geben sollte, dann wären das folgende:

  1. Vollendete Tatsachen auf den Tisch knallen, geht meistens schief. – Beim Sonntagskaffee aufstehen und geschminkt, mit Perücke und Kleid zurück zu kommen und „Ich bin jetzt eine Frau und möchte ab sofort nur noch XY genannt werden…“ – das kann nicht gut gehen. Trotzdem lese ich genau so etwas regelmäßig.
  2. Überlegt euch, wie euer gegenüber reagieren könnte und bereitet euch vor allem auf die negativen Reaktionen ein wenig vor. – auch recht tolerante Menschen reagieren oft unerwartet, wenn sie persönlich mit einem Thema konfrontiert werden.
  3. Erlaubt dem Gegenüber zu reagieren. – Sprachlosigkeit ist nicht automatisch eine Ablehnung. Auch Tränen bedeuten nicht sofort Zurückweisung
  4. Habt Geduld. – ihr selbst hattet meist mehrere Jahre, um euer Coming out vorzubereiten. Euer Gegenüber lernt plötzlich, den Menschen hinter eurer gut geschützten Maske kennen. Kennenlernen braucht Zeit. Manchmal Augenblicke, manchmal Jahre.
  5. Nehmt Ablehnung nicht persönlich, Zuspruch aber schon. – Menschen sind nicht besonders gut darin, eine gewohnte, vertraute Situation zu verlassen und sich auf eine neue einzulassen. Spontane Ablehnung ist oft nur ein Zeichen dafür, dass jemand im Augenblick überfordert ist. Nochmal: Geduld.

Nun, ein Coming out vor Erwachsenen ist definitiv anders als eines vor Kindern. Kinder reagieren meistens sehr ungefiltert. Sie zeigen ihre Emotionen deutlicher und ihre Fragen sind, sagen wir, zielstrebig. Ich habe meinen Kindern langsam – über etwa vier Jahre – und schrittweise meine Transsexualität offen gelegt. Es gab keinen Zeitpunkt, ab dem ich Frau war, sie konnten sehen, wie ich mich immer mehr von der maskulinen Person in eine feminine verändert habe. Dieser Weg gab den großen und den kleinen zahllose Möglichkeiten, mir Fragen zu stellen und mich kennen zu lernen.

Ich halte nichts davon, Kinder zu belügen. Was nicht bedeutet, dass man Kindern alles zumuten muss. Kindgerechte Sprache ist gerade bei Themen wie Transsexualität oder Homosexualität nur scheinbar schwer. Die meisten Kinder geben schon einen sprachlichen Rahmen vor, den sie intellektuell und emotional verarbeiten können.

Wie sagt man es also Kindern?
Ehrlich, offen und mit viel Geduld. Das einfachste und wichtigste ist: Fragen, die euch eure Kinder stellen, ehrlich zu beantworten. Sätze wie „das verstehst du noch nicht“, streicht ihr bitte sofort. Was ein Kind verstehen kann, hängt davon ab, wie man es vermittelt. Wenn ihr nicht schafft, euer innerstes Anliegen zu vermitteln, naja, dann kann euer Kind euch nicht verstehen. Also nehmt euch Zeit und macht euch vor dem Gespräch ein paar Gedanken, wie ihr euer Coming out altersgerecht vermitteln könnt.

Kinder sind überraschend. Meist sind sie auch sehr verständnisvoll. Auf jeden Fall sind sie bereit, dazu zu lernen. Mit etwas Glück und Geduld seid ihr eine Bereicherung für das Leben eurer Kinder.

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