Je suis schwul…

Kennt ihr diesen Zustand von Trauer und Wut, diesen Mix aus Resignation und Hoffnungslosigkeit, diese Punkt geistiger Erschöpfung, wenn ihr Kommentare zu einer Tragödie lest?

In Orlando werden 50 Menschen getötet. Es handelt sich nicht um eine Tat, die sich gegen „die Gesellschaft“ richtet, wie es nun gelegentlich zu lesen ist. Es handelt sich um eine Tat, die sich ganz gezielt gegen Homosexuelle richtete. Jetzt ist in den sozialen Netzwerken ein Effekt festzustellen, den ich „je suis schwul“ nenne. Die halbe Welt solidarisiert sich mit alles Schwulen, Lesben, der ganzen bunten LGBT**-Welt. Aber anders als dies bei den Regenbogenparaden und CSD Veranstaltungen rund um den Globus passiert. „Heutzutage ist doch schwul sein kein Thema mehr“, lese ich heute und hab den Geschmack von Magensäure im Mund.

Jetzt mal Klartext: Schwul ist das Schimpfwort, das ich in jedem Bus, in jedem Zug, in jeder U-Bahn jeden Tag höre. Schwul und behindert. Das sind Worte, die noch immer achtlos verwendet werden und niemand – niemand von Relevanz – stößt sich daran. Gut, vielleicht ein paar Betroffene, aber who cares… wer ist denn so schwul, sich darüber aufzuregen?

Homosexuelle Männer dürfen nach wie vor kein Blut spenden und somit auch keine Knochenmarkspende abgeben. Denn Homosexuelle sind statistisch gesehen noch immer pfuibah – zumindest behaupten das einige Politikmediziner.

Und dann lese ich, dass der Attentäter, der gezielt in einem Schwulenclub (an einem Latin-Abend mit Drags und Trans*) Menschen nieder metzelt, dass dieser Mensch Moslem war. Sein Hass auf Schwule wird liebevoll Homophobie genannt – ein Wort, das sämtliche Programmierer aus allen Rechtschreibprüfungen der Welt dauerhaft verbannen sollten – sein Hass auf Homosexuelle reicht der Gesellschaft nicht. Er muss Verbindungen zu einer Terrororganisation haben. FBI und Presse sucht und juhuu (*XXL-Sarkasmus) sie werden fündig. Auf einmal ist es kein Anschlag auf die, die man noch immer offen Arschf*cker nennt. Es ist ein Angriff auf die Gesellschaft.

Liebe Gesellschaft, so gern ihr Euch nun „je suis schwul“ an die Fahnen heftet: ich erlebe jeden Tag, dass es noch immer ein Thema ist, der Familie zu gestehen, wenn man nicht heterosexuell ist. Ich erlebe, wie belastend Homosexualität ist. Ich erlebe, wie die Bezeichnungen für Homosexualität zu Schimpfworten werden. Ich erlebe die Blicke, wenn ein trans* nicht auf die für Euch scheinbar „richtige“ Toilette geht. Ich erlebe, wie lesbischen Frauen erklärt wird, dass sie noch nicht den richtigen Kerl hatten. Ich erlebe, wie sich homosexuelle Männer in Sportvereinen verstellen müssen.

Dieser Anschlag richtete sich nicht gegen Heteros, nicht gegen cis. Bitte schaut mal über Euren Tellerrand hinaus. Dieser Anschlag richtete sich gegen Menschen, wie mich. Menschen, die nicht anders sein können, als das was sie sind. Menschen, die trotz aller Toleranz noch immer gesellschaftliche Ausgrenzung am eigenen Leib erleben. Menschen, die von vielen, nicht als Menschen betrachtet werden.

Advertisements

12 Gedanken zu “Je suis schwul…

  1. Ich bin auch darüber gestolpert. Wird irgendwann mal der Tag kommen wo jeder einfach so leben kann wie er will? Es ist doch egal ob schwul, lesbisch, hetero, transsexuell, katholisch, muslimisch, jüdisch,….who cares….so lange mir niemand seine Lebensweise auf’s Auge drücken will. Ich bin katholisch und in vielen Dingen mit meinen Ansichten „altmodisch“. Jeder Jeck ist halt anders, wie man im Rheinland sagt.

    Ich setze mich gerne damit auseinander, interessiere mich dafür. Letztes habe ich auch einfach mal ganz doof gefragt: „Entschuldigung, das klingt jetzt vielleicht blöd und ich meine das nicht negativ, aber sind Sie transsexuell?“ Sie hat gelacht und mir nett erzählt, dass sie als Junge geboren wurde usw.
    Mit Höflichkeit und Respekt könnte man vieles erreichen.

    Ich muss aber ganz ehrlich zugeben, dass mich eine Sache tierisch genervt hat. Gefühlt gab es über Nacht auf einmal in jeder Seifenoper/Serie/Telenovela auf einmal einen „Quoten“-Schwule, -Lesbe oder -Transsexuellen. Das war soooo unauffällig, dass ich mich einfach nur fragte was das nun soll. Ich meine das nicht böse gegenüber Schwulen, Lesben, Transsexuellen, denn die Medien machen auch vieles kaputt.
    Vielleicht ist es für mich auch einfach normal, da ich zumindest von klein auf Schwule im familiären Umfeld hatte.
    Aber im TV sprang jeder auf diesen „Zug auf und das war mir zu gekünstelt.

    Das was gestern in Orlando passiert ist, machte mich sprachlos. All diese Menschen nieder zu metzeln. Habe heute direkt eine Kerze für sie angezündet.

    Gefällt 1 Person

    1. Erstmal danke für den ausführlichen Kommentar…

      Wo fange ich an.

      Ich bin gegen Quoten und verstehe die Notwendigkeit davon. Ich wünsche mir eine Welt ohne die Notwendigkeit von Quoten… Eine Welt ohne Bevormundung und Unterdrückung… Ein Welt ohne feindlicher Haltungen, anderen gegenüber…

      Was ich nicht mag: dass es Bereiche gibt, in denen schwul sein noch tabu ist. Nur ein Beispiel: Fußball.

      Es ist noch ein langer Weg

      Gefällt 1 Person

  2. ich kann es voll nachvollziehen ja wir die gesellschaft sind ja soooo tolerant gegenüber allem,solange es nicht in meiner nähe ist oder vll. noch neben mir wohnt. solange bin ich tolerant,weil man darf das ja nicht mehr so öffentlich aussprechen was man drüber denkt-wir sind ja tolerant. ich kann deine sicht nur nachempfinden aber warscheinlich fühlt sie sich doch anders an als die meine. ich hab eine behinderung und auch den status und ja auch da heißt es wir sind tolerant,aber auch nur auf dem papier. ich seh nicht so aus wie man sich einen behinderten vorstellt yeahh ich sie zu gesund aus und die kommentare kommen dann nicht nur von dummen leuten sondern auch von menschen zb äzten die es besser wissen müssten. wenn wir alle uns nur so akzeptieren könnten wie wir sind das es k besser oder schlechter gibt,sondern einfach mensch dann wäre das ein quantensprung.

    Gefällt 1 Person

    1. Nur mal zur Information: Transfrauen werden als Risikogruppe homosexuell und oftmals auch als Prostituierte betrachtet. Unabhängig von der tatsächlichen Produkten entsprechen sexuellen Orientierung und den Lebensumständen.

      Gefällt mir

  3. Selbstverständlich möchte man dem widersprechen was da gesagt wird, möchte man sagen das jeder Anschlag auf ein Menschenleben auch ein Anschlag gegen die Gesellschaft im Ganzen ist.

    Auf der anderen Seite aber ist es natürlich unmöglich glaubhaft zu leugnen das dieser Anschlag sich spezifisch gegen einen Teil der Gesellschaft richtet, jenen Teil der durch einen gewichtigen Anteil im Rest offene Verachtung erfährt und in dieser auch immer wieder Bestärkung findet – nicht immer in Worten, sondern in dem was wirklich zählt, in Taten. Im festhalten an Vorurteilen, in Ausgrenzung unter fadenscheinigen Vorwänden, in Gesetzen die sich bewusst und willentlich gegen Menschen richten die nicht der gewünschten Norm entsprechen, in Medialer Marginalisierung und der Verwendung von Stereotypen…

    Ich würde nun gerne mit einem ich kann den Zorn, den Frust, die Resignation nachvollziehen enden, aber als hetero, cis und vermutlich eine Reihe anderer Dinge wäre das frei weg gelogen, ich kann es genauso wenig nachvollziehen, weniger noch Fühlen, wie den Hass der einen Menschen zu solch sinnloser Gewalt bewegen kann, wie sie sich in Orlando Bahn gebrochen hat.

    Je suis schwul?
    Nein, genauso wenig wie ich je Franzose sein werde. Aber dessen bedarf es auch nicht um Betroffenheit, Wut und Trauer zu verspüren ob der Opfer.

    Gefällt mir

  4. Mich stört immer nur die Pseudo-Verbundenheit, die nach solchen Anschlägen aufkommt. Leute, die sich nie für Homosexuelle eingesetzt haben, keine kennen und auch sonst nichts damit zu tun haben, färben plötzlich ihr Facebook-Profilfoto in Regenbogenfarbe oder sonstwas. Für mich ist das ein bisschen verleumderisch 😦

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s