Warum ich mich schminke…

Heute bin ich fast ungeschminkt aus dem Haus. Ich war rasiert und der Bart war einigermaßen überschminkt, aber ich hatte komplett die Augen und Lippen vergessen. Das beschreibt eigentlich recht gut, wie wach ich Morgens bin, denn bemerkt habe ich das ganze erst, als ich am Weg aus dem Haus im Treppenhaus stand. Es war zu spät, ich musste raus… also: Augen zu und durch.

Ungeschminkt zu sein ist gerade Mode. Zumindest ist es einigen Prominenten, wie Alicia Keys, gelungen das Thema „no Make-Up“ überhaupt erst zu einem Thema zu machen. So sehr ich es bewundere, dass sich weltweit bekannte Künstler dafür einsetzen, dass man nicht jedem Schönheitsideal nachlaufen muss, so sehr unterscheidet sich doch meine Situation von der Alicia Keys:

Alicia Keys kann ungeschminkt aus dem Haus gehen und wird als Frau erkannt.

Meine Briefträgerin hat sich inzwischen daran gewöhnt, dass ich auch mal ungeschminkt die Türe öffne. Renne ich aber im Treppenhaus einem Paketboten hinterher, dann werde ich in der Situation mit dem berühmten: „Und Sie sind Herr…?“ angesprochen.

Make-Up ist für mich etwas anderes, als es für die meisten Frauen ist. Für mich ist es ein Tarnanzug, den ich überstreife, um in einer Gesellschaft bestehen kann, in der mit dem Finger auf alle gezeigt wird, die von der Norm abweichen. Wenn ich Make-Up trage, dann aus einem einfachen Grund: um unauffälliger zu sein.

Ein bärtiger Mensch in „Damenkleidung“ fällt auf. Ich weiß es, denn ich konnte mich lange Zeit nicht täglich im Gesicht rasieren. Und so sehr Conchita Wurst auch Bewunderung findet, für ihr Engagement und ihre Musik usw… Im Alltag ist man als Frau mit Bart echt ne arme Sau. Ich erinnere mich an Schülergruppen, die zusammen liefen, um mich auszulachen. Und solche Vorfälle waren nicht die Ausnahme, als ich meine ersten Schritte in die Öffentlichkeit wagte, sie waren die Regel.

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Ich. Ungeschminkt vor etwa zwei Jahren.

Also lernte ich, alle Merkmale, die mich als „Mann enttarnen könnten“ sorgfältig zu verstecken. Und siehe da. Auf einmal kann ich mich auch mal ungestört in ein Wartezimmer setzen. Oftmals ist es so, dass ich im Supermarkt erst dann angestarrt werde, wenn meine Kinder laut „Papa“ rufen oder meine Stimme mich verrät. Ansonsten gehe ich an 80-90% der Menschen vorbei, ohne irgendwie aufzufallen.

Wenn nun eine Alicia Keys beschließt ungeschminkt zu sein, dann ist das toll. Vielleicht hat sie ein wenig Vorbildwirkung auf junge Frauen. Denn ganz ehrlich: ich liebe Sommersprossen und fand es immer furchtbar, wenn junge Mädels ihre Poren mit Schminke flach bügeln. Ich für meinen Teil, werde mich dennoch jeden Tag schminken den ich nicht in den eigenen vier Wänden verbringe, denn ungeschminkt werde ich ständig damit konfrontiert, dass Menschen mich nicht als Frau lesen… Ungeschminkt muss ich mich ständig rechtfertigen und erklären – viel mehr, als mit ein paar Schichten zart-beigem Pigments auf der Haut.

Natürlich könnte ich jetzt über die Gesellschaft schimpfen und darüber meckern wie furchtbar dieser Zustand doch ist, aber das mache ich nicht. Wir lernen von Grund auf Menschen in Geschlechter eingeteilt wahrzunehmen, wir lernen Geschlechtsmerkmale zu sehen und zu interpretieren. Das macht biologisch und evolutionsbedingt sicher auch Sinn. Nicht alles lässt sich durch ein „oh, wie furchtbar, die Gesellschaft muss doch…“ aus der Welt reden. Ich finde es okay, mich zu schminken. Es wäre nur schön, wenn ich wenigstens mal ungeschminkt den Müll runter bringen könnte, ohne einen blöden Kommentar am Bürgersteig zu bekommen…. von Menschen, die mich geschminkt nicht einmal wahrnehmen.

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