Ist das ein Mann oder eine Frau…

Eine Gruppe junger Menschen verlässt ein Geschäft. Ich stehe an der Kasse und warte. Einer der Gruppe fragt beim Hinausgehen seine Freunde: „Ist das ein Mann oder eine Frau?“ – „Eine Frau,“ antworte ich instinktiv. Eigentlich sollte ich inzwischen solche Fragen überhören, aber das gelingt mir nicht. Ich bin nicht gekränkt, nicht verletzt, vielmehr macht sich in mir kurz Resignation breit.

Nachdem ich bezahlt habe und den Laden verlasse, treffe ich am Gehweg die gleiche Gruppe wieder. Einer der jungen Menschen starrt mich an. Ich grüße im Vorbeigehen. Mein Instinkt rebelliert, ich schüttle kurz den Kopf und bleibe stehen. Ich drehe mich um und sehe in sechs Gesichter. „Es wäre höflicher gewesen, mich persönlich zu fragen,“ sage ich. Erstaunte Blicke machen sich breit. Der junge Mann schaut mich etwas entgeistert an und fragt zögernd: „Was?“ – „Sie fragten, ob ich Mann oder Frau bin…,“ ich nehme mir die Zeit und beantworte die Frage. Aus den wertenden Blicken, die kurz zuvor noch voll von Vorurteilen waren, werden langsam freundliche Gesichter. Einige andere kleine Fragen werden mir gestellt. Ich nehme mir Zeit für solche Situationen, wann immer ich sie ein wenig Buffer habe.

Im realen Leben aufzuklären ist etwas anders, als hier, im virtuellen Umfeld. Die Reaktionen sind intensiver, wenn man sich direkt gegenüber steht. Aber hier im Blog merke ich nur an Kommentaren die Reaktionen meiner Leser. Ich sitze hier, an meiner Tastatur und schreibe…. es ist ein Monolog. Fast so als Stände ich an einem Rednerpult und spreche in einen dunklen Raum. Wie viele Menschen in diesem Raum meine kleine Rede hören, meinen Text lesen, vielleicht sogar über meine Worte nachdenken, ist für mich unmöglich erkennbar.

„Ist das ein Mann oder eine Frau?“
Ja. Manchmal will ich einfach mit Ja antworten.

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5 Gedanken zu “Ist das ein Mann oder eine Frau…

  1. Deine Geduld mit uns ist unermesslich. Danke für Deine Toleranz gegenüber unserem Unwissen. Was den virtuellen Raum anbetrifft … sogar wenn Du nur einige wenige Leser erreichen würdest, werden durch diese deine Worte in immer grösseren Kreisen weiter gegeben. Deine Worte sind wie ein in’s Wasser geworfener Kiesel, um welchen die Wellen sich konzentrisch ausbreiten. Immer weiter und weiter.

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  2. Meine kleine Tochter hat mich das schon mal gefragt, beim Einkaufen… Ich habe mit „Wir reden gleich darüber…“ geantwortet. Und wir haben später ausführlich gesprochen. Ich weiß nicht, ob die Betreffende es gehört hat. Ich habe mich auch gefragt, was sie wohl denkt, falls sie meine Antwort gehört hat. Aber ich wollte meiner Tochter sagen, dass es eine Frau ist und dabei auch Raum für Fragen lassen. Aber – meine Tochter war noch keine 5, ich nehme mal an, die Gruppe war ein bisschen älter ;-). Gut reagiert – ich bewundere dich dafür.

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    1. Danke,
      Ich kann deine Reaktion gut verstehen und ich glaube generell, dass jeder Weg, der auf Verständnis beruht, zu einem besseren miteinander führt. Gerade Fragen von Kindern beantworte ich gerne, weil die kleinen Menschen Antworten meist ohne werdendes Urteil annehmen. Wir könnten da oft viel lernen

      Gefällt 1 Person

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