Die Sache mit dem Feminismus…

Ich weiß, mit diesem Artikel riskiere ich einen shitstorm. Es ist mein Blog, in dem ich meine persönliche – nicht allwissende – Meinung kundtue. Diskussionen führe ich gerne… Vielleicht ist dies ein kleiner Anstoß.

Seit ich denken kann, empfand ich mich als Feministin. Gleichberechtigung und Chancengleichheit sind für mich Ziele, für die ich mich gerne einsetze. Aber irgendwie scheint mein Geschlecht da ein Hindernis zu sein. Im Ernst, als ich in meiner männlichen Verkleidung lebte, hieß es immer, ich könne Frauen und ihre Position nicht verstehen. Schon damals verstand ich nicht ganz, warum viele Frauen vorzogen, mich vom Kampf um Gleichstellung auszuschließen, statt mich einzubinden und mir eine Chance zu geben. Ich verstand nie, warum Hilfe „von außen“ nicht erwünscht war.

Nun, ich war aber nie ein Mann. Inzwischen habe ich es amtlich: ich bin eine Frau. Also engagiere ich mich wieder, um meine Stimme, mein Handeln, meine Kraft für eine Sache zu erheben, die ich für essentiell halte. Und plötzlich wird mir von einigen Menschen das Frausein abgesprochen. Nachdem mir diese Woche eine selbsternannte Feministin unter die Nase rieb, dass ich keine echte Frau wäre, weil ich keine Menstruation haben kann. Das sorgte für Bestürzung bei einigen meiner Twitter Followern und ich bekam sehr einfühlsame Kommentar der Unterstützung. Aber ich stoße auch immer wieder auf Frauen, die trans* gegenüber eine weniger offene Haltung vertreten.

Transfrauen picken sich nur die Rosinen raus.

Das ist, was ich immer wieder höre. In unterschiedlichen Formulierungen, wird behauptet, dass Transfrauen eigentlich nur Männer sind, die sich – neben der männlichen Privilegien – auch die wenigen Vorteile der Damenwelt unter den Nagel reißen wollen. Und ganz ehrlich, wenn ich sowas höre, dann laufe ich heiß. Was genau sind diese „Rosinen“? Die schlechteren Chancen am Arbeitsmarkt gleich viel Geld zu verdienen etwa? Und was genau sind die männlichen Privilegien, die mir als Transfrau geblieben sind? Ich gehe auch dann nicht auf die Herrentoilette, wenn vor der Damentoilette eine Schlange ist und auch sonst habe ich herzlich wenig Privilegien in meinem Leben.

Wenn ich mich mit Frauen unterhalte und das Wort Feminismus fällt, höre ich als Antwort: „Ne, bitte. Bleib mir damit weg.“Aus einer Bewegung, die für die rechte der Frauen eintreten wollte, die gleiche Chancen, gleiche Rechte, Gleichstellung in allen Bereichen forderte, wurde etwas,… Etwas, das oftmals nicht mehr für Frauen eintritt, sondern für sich selbst. Nehmen wir ein Beispiel: Genderneutrale Sprache hat bisher nicht mehr Verständnis und mehr Bewusstsein geschaffen… Vielfach leiden Inhalte und Aussagen unter den gekünstelten Sprachkonstrukten, die nur verwendet werden, damit das böse, böse generische Maskulinum nicht auftaucht. Was das schlimme am Wort „man“ ist, kann ich bis heute nicht verstehen. Und den Plural habe ich persönlich immer als geschlechtsneutral wahrgenommen… Eine bewusst und künstlich feminisierte und neutralisierte Sprache schafft nicht automatisch mehr Verständnis, sondern vielfach auch mehr Missverständnis. Ich bin geistig flexibel genug, um den generischen Kerl auch als generisches Weib (ja, die kräftige, selbstbewusste starke Amazone in mir) zu lesen.

Vielfach beschäftigt sich Feminismus mit sich selbst. Diskussionen ob Transfrauen „echte Frauen“ sind oder nicht, schwächen die wirklich wichtigen Themen, wie das Recht auf Selbstbestimmung, das Recht auf „Nein ist Nein“. Solange Feminismus sich mit internen Grabenkämpfen aufhält, statt einfach für das einzutreten, für das er steht, sehe ich wenig Hoffnung.

Wenn ich als Transfrau Feminismus nicht unterstützen darf, vielleicht muss ich ihn dann hinterfragen und kritisieren.

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15 Gedanken zu “Die Sache mit dem Feminismus…

  1. Stimme dir absolut 100% zu. Ich bekomme inzwischen beim reinen Wort Feminismus schon Aversionen. Ich konnte es noch nie hören und habe das Konzept dahinter immer schon abgelehnt. Du hast gut beschrieben, dass Feminismus heute einfach nur noch Selbstzweck ist ohne auf ein echtes Ziel hinzulaufen.

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  2. Ja komische Leute, die Menschen. Kuck mal die Schwerhörigen und die Leute die Taub sind. Fast dieselben Problemen aber die Schwerhörigen werden van de tauben NICHT akzeptiert…..

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  3. Ich komme immer wieder zu dem Schluß, dass zu viele Menschen oft einfach zu wenig nachdenken.
    Das Ding mit den „Privilegien“ stößt mir auf und ich stimme dir oben zu.
    Auch: Hättest Du wahrhaft im Männlichen besondere Privilegien empfunden, dann hättest Du alles gelassen, wie es war. Vermutlich.
    Vielleicht hat man als Mann auch dadurch ein Privileg, weil man vermeintlich ernster genommen wird, als eine Frau; dass man durchsetzungsfähiger oder „stabiler“ gegen den Wind ankommt.
    Aber zum einen betrifft dies auch nicht JEDEN Mann – und als durchsetzungsfähige, starke Frau wandelt sich das vermeintliche Privileg in ein mit Mißtrauen beäugtes Verhalten. Was nutzt dir also ggf. solch eine Rosine?

    Frauen und Frauen – das ist ohnehin oft ein heißes Eisen.
    Wie soll Feminismus funktionieren, wenn nicht mal 2 Nachbarinnen miteinander auskommen?
    Ich weiß auch nicht, ob man nach Geschlechtern trennen sollte – oder besser für Rechte und jedwelche Grundsicherung aller Menschen kämpfen sollte.
    Die Zerstückelung in einzelne, kleine „Kampfgruppen“ mit verschiedensten Überschriften schwächt doch nur das Gesamte und zerstreut den Fokus.
    Somit lese ich dich weiterhin gern und freue mich, dass Du eine Meinung HAST.

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  4. “ Transfrauen picken sich nur die Rosinen raus.“

    Hat das wirklich jemand gesagt? Und ernst gemeint?? Das kann doch niemand ernst meinen.. Ich meine, als Trans*frau bzw. als Trans*mensch, bei dem das Passing nicht so gut ist, wird man doch deutlich wahrscheinlicher diskriminiert als als CISfrau, oder sehe ich das völlig falsch?
    Ich hab manchmal das Gefühl, es gibt Menschen die wälzen sich so in ihrer Opferrolle, dass es für sie wirklich unmöglich zu akzeptieren ist dass es Menschen gibt, die objektiv gesehen tatsächlich in mancher Hinsicht benachteiligter sind als sie. Und mit solchen Menschen kann ich echt nicht umgehen.
    Deshalb lese ich übrigens deinen Blog so gerne, ich finde es gut, dass du zwar auch über unangenehme Blicke, Sprüche etc. schreibst, aber das nicht Mittelpunkt des ganzen ist. Das zeigt ja auch deutlich, dass es eben nicht Mittelpunkt deines Lebens ist und so sollte es auch sein.

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    1. Ja, das hat wirklich jemand, genau so formuliert, zu mir gesagt.

      Diskriminierung bei trans* ist wirklich sehr oft abhängig vom Passing und auch mit hervorragenden Passing ist eine echte Gleichstellung in allen Lebensbereichen schwer zu erreichen.

      Für mich ist es undenkbar, nur Transsexualität zu thematisieren, lieber bleibe ich authentisch – versprochen.

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  5. Danke, danke, danke für diesen Post. ❤

    Wenn ich weiß, dass es jemanden verletzt, wenn ich keine feminisierte/genderneutrale Sprache verwende, bemühe ich mich, sie zu verwenden. Ich empfinde das aber oftmals als extrem gekünstelt und, genau wie du sagst, eher als Verwirrung stiftend, nicht als Verständnis schaffend. Diesen Absatz kann ich daher wirklich nur unterschreiben:

    "Nehmen wir ein Beispiel: Genderneutrale Sprache hat bisher nicht mehr Verständnis und mehr Bewusstsein geschaffen… Vielfach leiden Inhalte und Aussagen unter den gekünstelten Sprachkonstrukten, die nur verwendet werden, damit das böse, böse generische Maskulinum nicht auftaucht. Was das schlimme am Wort „man“ ist, kann ich bis heute nicht verstehen. Und den Plural habe ich persönlich immer als geschlechtsneutral wahrgenommen… Eine bewusst und künstlich feminisierte und neutralisierte Sprache schafft nicht automatisch mehr Verständnis, sondern vielfach auch mehr Missverständnis. Ich bin geistig flexibel genug, um den generischen Kerl auch als generisches Weib (ja, die kräftige, selbstbewusste starke Amazone in mir) zu lesen."

    Ganz genau das. ❤

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  6. Entschuldige aber, Leute die denken Trans*frauen hätten ja soviele Vorteile… bei denen muss es im Oberstübchen generell nicht so rund laufen. Als wäre es toll/einfach mit gewissen körperlichen Merkmalen zu kämpfen, als wäre es ein Klacks sich von Ärzten jede Bestätigung zu holen, als würde man sich auf der Straße an „all den wohlwollenden Blicken“ der Leute aufgeilen, als würde man nur einmal zickig aufstampfen müssen und alle springen… Diese Leute haben 0 Ahnung wie schwer der Alltag ist. Reden ist leicht! Auch ich kann mir nicht vorstellen was man da alles durchmachen muss, aber ich spiele es nicht herunter damit ich wieder die bequeme Opferrolle einnehmen kann.

    Und zum Feminismus.. ich bin auch eine von jenen die in Gesprächen da eher abblockt. Eben weil kein „In“ oder „Innen“ jemals einer Frau etwas bringen wird. Weil ich es idiotisch finde wegen „“zu wenig weiblicher Figuren in bedeutenden Berufen“ in der LEGO WELT“ auch nur den Mund aufzumachen. Weil „die großen Töchter“ die österr. Hymne auch nicht besser gemacht haben und weil einfach jeder (ob Mann oder Frau) den klischeehaften Feminismus über haben.
    Manchmal denke ich der heute Feminismus existiert nur um anderen (in dem Fall Verfechtern des Patriacharts) möglichst penetrant auf den Schlips zu treten, ohne den Frauen aktiv etwas zu bringen.
    Aber das sind nur meine 2 Cent zum Thema, mit dem man sich sicher besser auseinandersetzen kann, als ich es getan habe.

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  7. TERFS sind für mich absolut keine Feministen. Der Gedanke, dass Gender mit dem biologischen Geschlecht zusammenhängt, ist mittelalterlich und alleine schon durch die Existenz von Intersexualität schlichtweg widerlegt.
    Davon abgesehen, dass ich nicht verstehe, warum Feminismus geschlechts- oder genderabhängig ist.

    Zum Thema Trans* picken sich die Rosinen heraus – so etwas kommt meistens von weißen Cismännern, die noch nicht auch nur mit einer ansatzweise abweichenden Geschlechtsidentität oder sexuellen Orientierung leben mussten. Nun ja, wir wissen: Blinde Hähne krähen bekanntlich am lautesten.

    Ich wünsche dir viel Kraft für die Endlosschleifen blinder Hähne. ❤

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    1. An Lux:
      Obwohl ich den Impuls verstehen kann TERFs nicht als Feministinnen zu bezeichnen, muss ich da leider widersprechen 😦 TERFs sind Feministinnen und alle die sich Feminismus auf die Fahne schreiben müssen zusammen daran arbeiten, ihnen ihren Einfluss zu nehmen und andere vor ihnen zu beschützen, finde ich.

      Es ist einfacher zu sagen: „Ach, die gehören einfach nicht zu uns“ als zu sagen: „Unsere Bewegung hat hässliche, traurige Auswüchse, gegen die wir uns stark machen müssen und denen wir widersprechen müssen, und deren Aktivismus wir nicht unterstützen dürfen, selbst wenn es bequem für uns ist.“ Ich versuche TERFs zu widersprechen wenn ich irgendwo sowas lese, das ist anstrengend und oft folgt ein Shitstorm, aber oft kann ich das einfach nicht unwidersprochen lassen.

      Der Feminismus hatte schon immer große Probleme, Rassismus z.B. und auch schon lange Hass gegen Transfrauen. Ich habe aber auch viele, tolle Transfrauen erlebt die Feministinnen sind und Cisfrauen und Nicht-binäre Menschen die für Feminismus und gegen TERFs einstehen. Ich versuche mir das als Vorbild zu nehmen.

      Ich kann auch verstehen wenn Frauen sich wegen der Probleme vom Feminismus abwenden, das ist eine persönliche Entscheidung die man akzeptieren muss. Aber ich will ihn gern verbessern, das was gut ist fördern und das schlechte daran verbessern.

      An Nina:

      Was das „Rosinen rauspicken“ angeht, diese Anschuldigung habe ich auch schon gelesen und ich kann gar nicht sagen wie sehr ich die hasse und wie dreist es ist sowas zu sagen. Als würde man sowas anstrengendes wie ein Comming Out, die Reaktionen, die Anpassung des ganzen Lebens auf sich nehmen, weil man einmal bei der Ladies Night im Kino einen Euro weniger bezahlt… Aber ich glaube solche Menschen wollen einfach nur ihren Hass mit irgendetwas begründen, und manche sind da so widerspenstig dass selbst Quellen und Informationen nichts ausrichten.

      Aber auf jeden Fall ein großes, lautes Ja zu Kritik am Feminismus! Du hast jedes Recht dazu und wenn du willst (und nur wenn du willst) ist es auch deine Bewegung!

      Wenn du möchtest, würde es mich freuen wenn du noch mehr über Feminismus lesen und erfahren willst. Es ist leider so, dass das was man so von Medien usw. vom Feminismus liest und hört immer an der Oberfläche kratzt und oft die Nachricht sogar verdreht oder ins Lächerliche zieht. Deshalb fand ich als Jugendliche Feminismus auch blöd, ichbezogen, spießig und kleingeistig. Erst dadurch dass ich tiefer im Netz gegraben und andere Feministinnen kennen gelernt habe ist mir aufgegangen, dass es viele Strömungen gibt, und dass Hass auf Transfrauen, Rassismus und herum frickeln an oberflächlichen Details nicht zum eigenen Feminismus gehören müssen. Aber das will ich dir auch nicht aufdrängeln, das sind nur meine Erfahrungen.

      Ich wünsch dir ganz viel Kraft und ein schönes Wochende!
      (hergekommen bin ich übrigens über den Artikel zu deinem Schwimmbadbesuch auf Twitter, ich hoffe die Aufforderung zum Kommentieren gilt auch noch für ein bisschen ältere Beiträge)

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  8. Dieser Beitrag ist einfach toll und wir brauchen viel mehr von dieser Sorte! Es tut mir wirklich leid, wenn du solche Erfahrungen mit Feminismus gemacht hast, aber eins ist klar: Menschen die sowas sagen sind selbst keine echten Feministen. Feminismus an sich steht nämlich natürlich hinter dir und ich finde dessen Ziele auch sehr gut, nur diese Form des „falschen Feminismus“ ist einfach mies. Auf meinem Blog http://www.meinegedankenfreiheit.wordpress.com schreibe ich auch über solche Themen. Wenn du Lust hast, dann schau doch mal vorbei.
    Bleib stark!
    Liebe Grüße
    Anna

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  9. Wer seine Menstruation nicht bekommt, ist keine Frau? Ergo sind CIS-Frauen, die ihre Gebärmutter durch einen Unfall/Krebs verloren haben oder einfach in die Menopause gekommen sind, auch keine Frauen? Geile Argumentation 😀

    Ich mag am Feminismus das Wort bereits nicht. Es impliziert für mich, dass es nur um Frauen geht. Es sollte aber doch um Gleichberechtigung gehen?
    Und für Gleichberechtigung kann/darf/sollte/muss jeder sein 🙂

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