Kann ich das anziehen?

Im Winter ist es für mich recht leicht, im Kleiderschrank etwas zu finden: es muss warm sein. Jeans, Shirt, Pullover – passt. Wenn ich nicht gerade zu einem Elternabend oder sonst einer Veranstaltung gehe, bin ich nicht sehr wählerisch.

Aber dann kommt der Frühling und damit beginnt die Zeit, in der ich zwischen Thermometer und Schrank und Schuhen hin und her renne, wie ein kopfloses Huhn. Nein, mein Schrank ist nicht leer. Und im großen und ganzen weiß ich auch, was ich wie kombinieren kann. Aber: ich habe Frauen und Mode immer beobachtet, eigene Stilerfahrung habe ich in etwa gleich viel, wie ein Teenager. Dazu kommt, dass mein Körper durch die Hormone sich im letzten Jahr doch deutlich verändert hat und nicht mehr jedes Kleidungsstück so richtig bequem oder schön sitzt.

Also lege ich mir eine Auswahl zurecht und habe im Hinterkopf immer wieder eine Angst: nicht weiblich zu wirken, sondern „trans“. Das muss ich wahrscheinlich ein wenig erklären. Als ich vor vielen Jahren angefangen habe, mich zu meinem Frausein zu bekennen und anfing mit anderen Transfrauen zu sprechen, stieß ich auf ein Phänomen: Blümchenkeider. Ich kann euch nicht sagen, wie oft ich gesehen habe, dass Frauen ihren inersten Wunsch folgend in Kleidung schlüpften, die alles andere als weiblich wirkte. Ein zu groß ausgestopfter BH, ein Kleid, das alles andere als vorteilhaft wirkte und dazu meisten eine Menge Schmunk und Makeup. Erstaunlich oft eine Frauenbild, das vielleicht in die 50er Jahre passte – und bei weiten nicht für jede Figur geschaffen ist.

Ich liebe Kleider und ich habe fast keine. Das liegt daran, dass ich nur wenige Kleider habe, in denen mein – vom Testosteron (und Fett) geformter – Körper so wirkt, dass ich mich wohlfühle. Ich trage gerne Röcke, denn die betonen, mit dem richtigen Oberteil kombiniert, meine Vorzüge (Beine) und meine breiten Schultern und der Oberkörper bleiben eher versteckt. Ja, ich kenne meine Problemzonen einigermaßen. Dennoch stehe ich immer wieder vor dem Schrank und lege mir verschiedene Kombinationen zurecht. Und dann, wenn ich endlich zufrieden bin, frage ich meine Frau: „Kann ich das so anziehen?“ und dann kommt von ihr das, was für mich am wichtigsten ist: eine ehrliche Antwort.

In den verschiedenen Gruppen, Foren, Gemeinschaften von Transfrauen habe ich immer wieder erlebt, dass unerfahrene Mitglieder genau das gleiche fragten. Aber die Mitglieder in solchen Foren haben anscheinend das Bedürfnis einander zu schützen und zu behüten, denn immer wieder wird „Oh, du siehst sooooo toll aus.“ geantwortet. Unabhängig vom Outfit, Makeup,…

Wenn meine Frau zu mir sagt: „du kannst gerne so raus gehen, aber ohne mich.“ und ich dann von der heiß ersehnten Leggings auf einen rock umschwenken muss, dann ist das in diesem Moment nicht immer angenehm. Wenn ich mir allerdings dann vorstelle, wie Passanten auf mich reagieren würden, bevorzuge ich die ehrliche Kritik doch sehr.

 

Über die Jahre habe ich gelernt, dass nicht all Schuhe zu allen Outfits passen, dass einige Oberteile meine Schulter zu sehr betonen und manche Farben ähnlich sind, aber nicht zusammen passen. Ich konnte lernen, wie ich meine Vorzüge betone, meine Schwächen kaschiere und dass ich bereits beim Shoppen viele Fehler vermeiden kann. All das gelang mir nur, weil ich gelernt habe, die Kritik meines Umfeldes anzunehmen.

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2 Gedanken zu “Kann ich das anziehen?

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