Die Folgen meines Coming Out…

Heute muss ich ein wenig ausholen, denn das Thema ist nicht leicht und daher möchte ich klar stellen, dass ich hier ausnahmslos persönliche Erfahrungen darstellen kann und keine allgemein gültigen Schlüsse daraus ziehen will.

Mein Coming Out lief in vielen Schritten ab. Ich lebte im Februar 2015 bereits, wie es im englischsprachigen genannt wird „full time“ – also in allen Lebensbereichen als Frau – hatte mich aber nicht getraut, mich meinen Eltern gegenüber zu outen. Ich hatte Befürchtungen, dass sie mich zurückweisen könnten und, wie sich zeigte, wurden meine Vorstellungen noch übertroffen.

Über ein Jahr ist seitdem vergangen. Mein Vater hat seitdem kein Wort mit mir gesprochen, meine Mutter hat mich noch nicht einmal beim richtigen Namen genannt. Das Thema Transsexualität ist in Gesprächen entweder Tabu oder führt sofort zu tragisch emotionalen Reaktionen meiner Mutter.

Ich hatte mit Drama gerechnet. Die Intensität (immer trennen uns 800km, keiner der Nachbarn meiner Eltern läuft mir über den Weg… Ja, selbst meine Eltern habe ich seit drei Jahren nicht mehr persönlich getroffen) hat mich aber überrascht.

Doof an der Situation ist, dass ich, wie wahrscheinlich jedes Kind, ein gewisses Vertrauensverhältnis zu meinen Eltern hatte. Ich konnte auf die Liebe und Zuneigung vertrauen… Ein wenig, wie ein Schutzmantel für die Seele. Es gab immer eine Familie, die zu mir hielt, auch in schweren Zeiten… Bis ich aufhörte, meine erwartete Rolle zu spielen. Bis ich ehrlich zu mir und ihnen war. Bis… bis ich sagte, dass ich kein Mann bin und es mir, meiner Frau und den Kindern damit gut geht.

Meine Psyche hat auf den Verlust der Vertrautheit reagiert. Eine ehemalige kleine Macke wuchs zu einer Angststörung, die mich im Alltag einschränkt. Das kleine unterdrückte Bedürfnis nach Sicherheit brach sich einen Weg frei und… Ich stehe mir selbst im Weg.

Eine komplett unbemerkte Folge der Reaktion meiner Eltern auf mein Coming Out: wenn ich einen schönen Tag mit einem, noch so banalen, Gespräch mit meiner Mutter verbringe, habe ich am Tag darauf mit depressiven Schüben zu kämpfen. So sehr ich mich bemühe, eine Ebene der Kommunikation zu finden, die ungelöste Situation belastet mich.

Ein Coming Out ist ein Gespräch, das nicht nur ein Gespräch ist. Ein Coming Out verändert die Beziehung zwischen den betroffenen Menschen und kann für alle Beteiligten erleichternd oder auch belastend sein.

Ich habe in der Therapie begonnen, meine Probleme direkt anzugehen. Wie sich die Beziehung zu meinen Eltern entwickelt, wird sich zeigen.

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5 Gedanken zu “Die Folgen meines Coming Out…

  1. Bestenfalls haben Eltern an Kinder nur eine einzige Erwartung: dass sie es schaffen, ein glückliches, zufriedenes Leben zu leben.
    Und bestenfalls unterstützen Eltern ihre Kinder darin.
    Völlig egal, wie dieses Glücklich nun aussehen kann.

    So vermeidet man Enttäuschungen und Desillusionierung von falschen Erwartungshaltungen.
    Ich wünsche dir viel Kraft und das Erkennen, dass dies lediglich Folgen falscher Forderungen sind; dass es nicht in deiner Verantwortung liegt.
    Kinder sind niemals den Eltern gegenüber erfüllungsgezwungen.

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  2. Danke für diesen mutigen und berührenden Text.
    Vermutlich bist du dir darüber schon im Klaren, aber die ablehnende Reaktion deiner Eltern hat möglicherweise mehr mit ihren eigenen Vorurteilen bzw. ihrer Unwissenheit gegenüber Transsexualität zu tun, als mit dir persönlich. Du hast alles richtig gemacht. Und so sehr es auch schmerzt, ist es weder deine Aufgabe, noch liegt es in deiner Macht, sie dazu zu bringen dich als ihre Tochter anzunehmen. Ich wünsche dir trotzdem sehr, dass deine Eltern lernen, mit ihren Ängsten und negativen Gefühlen umzugehen, und dir künftig mit mehr Liebe, Akzeptanz und Verständnis begegnen.

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  3. Ja, das Verhalten ist sehr schade. Ich sehe es auch so, dass das Glück des Kindes den Eltern doch das wichtigste sein sollte und sie sehen sollten, dass du jahrelang etwas unterdrückt hast und es dir jetzt eigentlich besser geht.
    Aber so ist es eben nicht immer… Vielleicht sind Eltern ja gar nicht „enttäuscht“, weil das Kind nicht so ist, wie sie es sich wünschen. Vielleicht glauben sie, etwas falsch gemacht zu haben oder gar für dein Unglück in jüngeren Jahren verantwortlich zu sein? Wer weiß das schon…
    Tatsache ist, es wäre wohl für alle Seiten leichter, über solche Ängste und Sorgen zu reden. Wenn sie dich ignorieren, das Thema totschweigen oder die Realität leugnen, führt das sicherlich nicht dazu, dass „ihr Problem“ verschwindet bzw. die Beziehung zwischen euch besser wird 😦

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