Monat: Mai 2016

Das ist ja gar kein trans-Thema…

Mir wurde geschrieben. Das passiert mir sogar erfreulich oft, betrachtet man die Tatsache, dass ich gerade fünfzig Follower habe.

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Also hier mal ein herzliches Dankeschön an alle Leser*innen!

Mir wurde geschrieben, dass mein Blog ganz schön wäre, aber ich würde Themen behandeln, die gar nicht trans wären. Oh. Wie konnte das nur passieren? Wie konnte ich es wagen, mich von den fest getrampelten Pfaden der transbloggerei zu entfernen? Warum kann ich nicht, wie andere Transfrauen einfach ein Hormontagebuch mit Selfies füllen? Warum muss ich meinen Alltag thematisieren? Warum? Warum? Warum?

Naja, es ist mein Leben. Mein Alltag besteht zu einen Großteil aus Themen, die sich nicht um Transsexualität drehen. Mein Weg zwischen den gesellschaftlichen, medizinischen und sozialen Definitionen von Geschlechtern ist nur ein Bruchteil meines alltäglichen Er-lebens. Ehrlich gesagt sind die Themen Familie, Arbeitssuche, soziale Absicherung, Inklusion und tausende andere Themen für mich täglich eindeutig bedeutender, als dieses hin und her zwischen Mann und Frau.

Das mag nicht leicht zu verstehen sein, denn mein Passing ist bei weitem nicht perfekt und auch so habe ich noch viele Schritte (zum Beispiel medizinische) vor mir. Aber ich habe den Punkt erreicht, an dem ich nicht jeden Augenblick des Tages über dieses eine Thema nachdenke. Und somit schreibe ich auch nicht jeden Tag über Transsexualität.

In meinem Alltag bin ich ein Mensch und entsprechend bewegen mich viele Themen, nicht nur eines.

Die perfekte Hausfrau…

Zugegeben, ich bin alles andere als eine perfekte Hausfrau. Denn abgesehen davon, dass ich gerne und hoffentlich auch halbwegs gut koche, fehlt mir der Blick für Hausarbeit ein wenig. Wenn der Wäschekorb voll ist, dann sehe ich: oh, Wäsche muss gemacht werden. Da kommen dann ein paar Wäschekörbe hintereinander an die Reihe und dann vergesse ich das Thema wieder für ne Weile… Geschirr ist dank der sehr kleinen Küche irgendwie ständig im Kreislauf zwischen Spülmaschine und Benützung… Und die Kinder (und auch die Haustiere) werden liebevoll versorgt.

Aber seit meine Frau berufstätig ist und ich zuhause bin und Hausfrau bin, hat sich mein Leben doch deutlich verändert. Ich habe Hausarbeit immer schon als das betrachtet was sie ist: als Arbeit. Und – so hoffe ich doch – mich auch schon vor diesem Schritt im Haushalt eingebracht. Aber nun, da ich die Frage: „Was macht deine Frau?“ mit „Sie arbeitet bei der Firma XY…“ beantworten kann, habe ich einen interessanten Blickwinkel dazu gewonnen.

„Dann machst du jetzt den Haushalt?“
„Ja“
„Wie geht’s dir damit?“

Himmel, welche Frau wird das normalerweise gefragt? Okay, vielleicht fragt man das eine Frau, die nach einem beruflichen Aufstieg einen „Rückzug ins Familienleben wagt“ – aber ganz ehrlich: keine „normale Hausfrau wird gefragt, wie es ihr mit dem Job in den eigenen vier Wänden geht. Warum also ich? Weil ich „ein Mann war“? Weil ich in die komplexe Tätigkeit zwischen Putzlappen, Spülmaschine und Wäschebergen erst von einer Ausbilderin eingewiesen werden muss?

Liebe Leute, ich wuchs in einer Familie auf, in der ich schon als Kind lernt, dass ein Haushalt dann am besten Funktioniert, wenn man einige Regeln und Tipps beachtet:

  • Es ist weniger Arbeit, wenn alle ein wenig helfen
  • Niemand hilft freiwillig – also muss man Anreize schaffen
  • Wäscheberge wachsen schneller als alles andere (besonders im Winter)
  • Checklisten helfen. Ein Beispiel:
    • Braucht ein Kind Unterschriften/Geld für die Schule
    • Einkaufsliste machen – Vorräte checken
    • Kurze To-do Liste für den Tag machen – einteilen, wer was machen muss
    • Kids abholen
    • Pausenbrotdosen einsammeln (!!!)
    • Hausaufgaben kontrollieren
  • Niemand hilft – Anreize deutlich machen
  • Die Wäsche aus der Waschmaschine in den Trockner. Die Wäsche aus dem Trockner in den Wäschekorb – der Berg ist nicht kleiner riecht aber besser.
  • Die Gabel, die sich in der Spülmaschine verkeilt hat, entfernen und die Maschine noch einmal anmachen
  • Zur Tür laufen, um den Paketboten nicht zu verpassen. Dabei die Meerschweinchen erschrecken, die wild herum laufen und die Streu einige Meter aus dem Käfig hinaus, im Raum verteilen.
  • Niemand … Moment, wo ist die Bande?
  • Im Endeffekt einen Bruchteil schaffen
  • am Ende des Tages auf der Couch landen und mal durchatmen

Die wichtigste Regel ist jedoch: Nobody is perfect. Nicht jeder Staubmaus in die letzte Ecke nachlaufen, ein paar Positionen der To-do Liste lassen sich getrost ein paar Tage schieben. Den perfekten Haushalt gibt es nicht, die perfekte Hausfrau genausowenig. Die Waschmaschine läuft, ich wasche jetzt ein wenig Geschirr ab und dann streichle ich die Meerschweinchen… danach geht es zum Kindergarten,…

Figur pur…

Der Sommer kommt. Die Werbeflyer sind voll mit Grillwürstchen, Gartenmöbeln und Sportbekleidung. Ja, die Bikinisaison hat beinahe begonnen.

Ich brauche keine Waage, um zu erkennen, dass ich Bikinis nicht unbedingt tragen werde. Nein, ich schäme mich nicht für meine Figur, aber ich empfinde Bikinis etwas unpraktisch. Besonders die knapp geschnittenen Höschen stellen ein anatomisches Problem dar. Entsprechend bevorzuge ich Badeanzüge.

Spreche ich mit anderen Menschen über den Sommer, ist die Bikinifigur sehr oft Thema. Aber eigentlich geht dieses Thema viel weiter: wieviel Haut darf/soll Frau zeigen und welche Figur darf sie dabei haben. Also ganz ehrlich, das ist doch wirklich etwas, das hauptsächlich ein Frauenthema ist. Ich glaube nicht, dass mein bierbäuchiger Nachbar, der im nackten Oberkörper seinen Rasen mäht, sich jemals über die Ästhetik seiner Garderobe gemacht hat. Ich hingegen überlege mir, wie ich meine ungewollten Rundungen verstecke.

Ganz ehrlich, was genau hält mich davon ab, es meinem Nachbarn gleich zu tun und mich lediglich mit einer kurzen Hose bekleidet, durch den eigenen Garten zu bewegen? Oder wenigstens im Bikini? Ich meine, mein Körper ist eine Mischung der verschiedensten Göttinnen – seit Menschen begonnen haben, Stein zu bearbeiten. Was genau ist also eine Bikinifigur?

Es wäre jetzt leicht, der Gesellschaft die Verantwortung und Schuld zu geben. Und natürlich ist es diese Gesellschaft, deren Regeln für den Umgang mit Nacktheit ich als Maßstab nehme. Männer dürfen ungezwungener sein, Frauen haben ihre Haut zu bedecken… Denn egal ob die Frau sexy ist oder nicht: zu viel Haut ist pfui.

Und Sie sind Herr, ähem, äh…

Verwirrt. Ja, verwirrt trifft den Zustand des Paketboten heute wohl am besten. Er hatte ein Paket für meine Frau und versuchte zuzuordnen, ob ich denn die Empfängerin sei.

„Nein, ich bin die Frau meiner Frau.“
„Aha“
„Ja“
„Sie sind ein Mann?“
„Nein,“ antworte ich lächelnd.
„Dann sind Sie transv… Ähem transsexuell?“
„Frau J. – und ja, aber Frau reicht.“

Ich nehme das gelassen. Er blieb höflich und fragte so gut er konnte. Irgendwie war heute ein Tag, an dem ich mich besonders oft erklären musste. Selbst als ich Reißverschlüsse kaufte und anfänglich mit „die Frau da drüben“ angesprochen wurde, kurz darauf „der Herr“ war. Wie reagiere ich auf eine derart missglückte Anrede? Meist mit einem Lächeln und einer kurzen Erklärung:

„Sehen Sie, bei der Geburt wird ein Baby kurz hoch gehalten und jemand sagt: ein Junge. Das ist leider nicht immer ganz richtig.“

Erstaunte Gesichter.

„Ich bin einfach eine Frau. Eine bärtige Frau.“

Lächeln auf allen Seiten. Gut, inzwischen stand vor dem Schaufenster eine Gruppe von Gaffern, die gebannt in den Laden starren. Ich winke.

Nein, ich bin nicht genervt. Es belastet mich auch nicht so sehr. Nachdem ich bezahlt habe und die Traube von Menschen sich auflöst, bevor ich den Laden verlasse, höre ich einen jungen Mann rufen: „Transsexualität ist widernatürlich!“

Im Ernst. Ein junger Kerl, vielleicht 20-22 Jahre alt, mit einem Aufsteller christlicher Drucksachen vor sich starrt mich an und ich gebe zu, diesmal war es schwer, mich zurück zu halten. „Gott schuf die Menschen nackt. Und die Frau entstand auf seinen Willen aus dem Mann,“ zische ich ihn an. Er starrt mich an. „Und bei ‚liebt einander, wie ich euch geliebt habe‘ steht auch kein Geschlecht dabei,“ sage ich beim Gehen, er verharrt stumm.

Zuhause ein Anruf von der Schule. Diesmal jemand, der noch nicht erfahren hat, dass mein Sohn einen weiblichen Stiefvater hat. Ich erkläre es höflich.

Tja, das war mein Tag. Und wie war eurer?

#IDAHOT – der Tag gegen Homo-, Trans- und Bifeindlichkeit

Heute ist ein Tag, wie jeder andere. Abgesehen davon, dass heute der Dienstag nach dem Feiertag ist und sich für die meisten wie ein Montag anfühlt, ist es kein besonderer Tag. Gut, in meinem Kalender steht IDAHOT, aber wenn ich ehrlich bin, vor ein paar Jahren kannte ich diesen Tag selbst nicht. IDAHOT ist der „internationale Tag gegen Homo- und Transphobie“ ein furchtbarer Name für einen Tag.

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Abgesehen davon, dass die berühmte Homophobie/Transphobie keine Angststörungen sind und den Namen Phobie wirklich nicht verdienen, denn es ist einfach eine Form von Intoleranz und Feindlichkeit, abgesehen davon also wurde der Name irgendwann um Bi* erweitert und, so wie ich die LGBTusw. Community kenne, wird aus IDAHOT irgendwann mal eine furchtbar lange Abkürzung, nur damit alle darin ihren Platz finden, die nicht CIS-Hetero sind.

Für mich ist ein kein Tag gegen XY-Feindlichkeit, für mich ist es ein Tag FÜR Toleranz. Nun könnte man fragen, ob man so einen Tag denn heutzutage noch braucht? Das ist eine gute Frage. Im Alltag werde ich nicht mit Steinen beworfen, ich gehe keine nennenswerte Gefahr ein, wenn ich alleine durch die Straßen gehe (nicht nennenswert größer als die Gefahr, der Frauen in unserer Öffentlichkeit ausgesetzt sind). Mein Leben ist nicht in unmittelbarer Gefahr. Komfortabel ist mein Alltag bei weitem nicht, aber dieses Schicksal teile ich mit vielen Menschen (Menschen mit Behinderung, Menschen mit Übergewicht, Alte und kranke Menschen…) – wir erleben im Alltag viele Formen von Diskriminierung. Nein, meine Transsexualität verleiht mir keinen VIP Status in der Liste der Diskriminierungen und auch meine Homosexualität macht mein Leben nicht unbeschreiblich schwerer. Also: Brauche ich den IDAHOT?

Ja. Ich lese die Kommentare zu diesem Tweet der Tagesschau

und plötzlich wird mir deutlich gezeigt, wie viel Hass, Unverständnis und Feindlichkeit ganz normale Menschen gegen andere ganz normale Menschen haben.

In meinem Kalender steht der IDAHOT, weil ich hoffe, dass meine Kinder niemals Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung anfeinden; Weil ich hoffe, dass nicht nur mein direktes Umfeld lernt, dass Transsexualität einfach ist, wie sie ist; Weil ich hoffe, dass kein Mensch sich für das Schämen oder fürchten muss, was er/sie/es ist und liebt.

Homosexualität ist genauso wenig ansteckend, wie Ellenbogen. Niemand wird transgender, weil er eine versehentlich eine Transfrau in der S-Bahn berührt hat. Und Bisexualität ist genauso wenig eine Entscheidungsfrage, wie die eigene Schuhgröße. Es ist verdammt nochmal egal, warum wir sind, wie wir sind und niemand ist gezwungen einem/einer von „uns Abnormalen“ zu küssen, zu heiraten oder mit uns Sex zu haben.

Wenn sich jemand aufregt, wie widerwärtig sich öffentlich küssende Männer seien, denke ich nur an die Ästhetik von Alkoholleichen und Menschen und deren Hinterlassenschaften, die im Restaurant mit offenem Mund essen, ich denke an die Menschen, die mich mit ihren Handytönen und dummen Sprüchen in Bus und Bahn Nerven kosten… Es gibt so vieles, was mir nicht gefällt, aber sich küssende, liebende Menschen sind alles andere als widerlich.

Ich wünsche Euch einen schönen IDAHOT, einen angenehmen Pseudo-Montag, einen Tag, wie jeden anderen – mit einen Blick auf den Wunsch nach Toleranz für alle, die ein wenig anders sind.

Kann ich das anziehen?

Im Winter ist es für mich recht leicht, im Kleiderschrank etwas zu finden: es muss warm sein. Jeans, Shirt, Pullover – passt. Wenn ich nicht gerade zu einem Elternabend oder sonst einer Veranstaltung gehe, bin ich nicht sehr wählerisch.

Aber dann kommt der Frühling und damit beginnt die Zeit, in der ich zwischen Thermometer und Schrank und Schuhen hin und her renne, wie ein kopfloses Huhn. Nein, mein Schrank ist nicht leer. Und im großen und ganzen weiß ich auch, was ich wie kombinieren kann. Aber: ich habe Frauen und Mode immer beobachtet, eigene Stilerfahrung habe ich in etwa gleich viel, wie ein Teenager. Dazu kommt, dass mein Körper durch die Hormone sich im letzten Jahr doch deutlich verändert hat und nicht mehr jedes Kleidungsstück so richtig bequem oder schön sitzt.

Also lege ich mir eine Auswahl zurecht und habe im Hinterkopf immer wieder eine Angst: nicht weiblich zu wirken, sondern „trans“. Das muss ich wahrscheinlich ein wenig erklären. Als ich vor vielen Jahren angefangen habe, mich zu meinem Frausein zu bekennen und anfing mit anderen Transfrauen zu sprechen, stieß ich auf ein Phänomen: Blümchenkeider. Ich kann euch nicht sagen, wie oft ich gesehen habe, dass Frauen ihren inersten Wunsch folgend in Kleidung schlüpften, die alles andere als weiblich wirkte. Ein zu groß ausgestopfter BH, ein Kleid, das alles andere als vorteilhaft wirkte und dazu meisten eine Menge Schmunk und Makeup. Erstaunlich oft eine Frauenbild, das vielleicht in die 50er Jahre passte – und bei weiten nicht für jede Figur geschaffen ist.

Ich liebe Kleider und ich habe fast keine. Das liegt daran, dass ich nur wenige Kleider habe, in denen mein – vom Testosteron (und Fett) geformter – Körper so wirkt, dass ich mich wohlfühle. Ich trage gerne Röcke, denn die betonen, mit dem richtigen Oberteil kombiniert, meine Vorzüge (Beine) und meine breiten Schultern und der Oberkörper bleiben eher versteckt. Ja, ich kenne meine Problemzonen einigermaßen. Dennoch stehe ich immer wieder vor dem Schrank und lege mir verschiedene Kombinationen zurecht. Und dann, wenn ich endlich zufrieden bin, frage ich meine Frau: „Kann ich das so anziehen?“ und dann kommt von ihr das, was für mich am wichtigsten ist: eine ehrliche Antwort.

In den verschiedenen Gruppen, Foren, Gemeinschaften von Transfrauen habe ich immer wieder erlebt, dass unerfahrene Mitglieder genau das gleiche fragten. Aber die Mitglieder in solchen Foren haben anscheinend das Bedürfnis einander zu schützen und zu behüten, denn immer wieder wird „Oh, du siehst sooooo toll aus.“ geantwortet. Unabhängig vom Outfit, Makeup,…

Wenn meine Frau zu mir sagt: „du kannst gerne so raus gehen, aber ohne mich.“ und ich dann von der heiß ersehnten Leggings auf einen rock umschwenken muss, dann ist das in diesem Moment nicht immer angenehm. Wenn ich mir allerdings dann vorstelle, wie Passanten auf mich reagieren würden, bevorzuge ich die ehrliche Kritik doch sehr.

 

Über die Jahre habe ich gelernt, dass nicht all Schuhe zu allen Outfits passen, dass einige Oberteile meine Schulter zu sehr betonen und manche Farben ähnlich sind, aber nicht zusammen passen. Ich konnte lernen, wie ich meine Vorzüge betone, meine Schwächen kaschiere und dass ich bereits beim Shoppen viele Fehler vermeiden kann. All das gelang mir nur, weil ich gelernt habe, die Kritik meines Umfeldes anzunehmen.