Ein Versprechen…

Meine Bartstoppel kratzen. Ich sitze am Esstisch und streiche über meine Wange. Das Gefühl fand ich immer schon fürchterlich. Wenigstens ist der Rest meiner Haut gerade ziemlich glatt. Den halben Vormittag habe ich damit zugebracht, die Haare von Beinen, Bauch, Schultern, Brust und Armen zu rasieren. Jetzt ist Abend, an der Brust kratzt die Kleidung schon leicht, aber es geht.

Mein Körper hat viele testosteronbedingte Folgeschäden. Breite Schultern und kein Hintern, ein Adamsapfel mit zugehöriger Bassstimme und Haare, überall dort, wo sie nicht sein sollten, aber nicht so viele am Kopf – abgesehen von Augenbrauen, Bart, Nasen- und Ohrplüsch.

Ja, die Hormonbehandlung verändert einiges. Aber die Knochen bleiben und der Haarwuchs verändert sich nur minimal.

Ja, ich habe Brüste bekommen, eine angenehme Größe sogar. Das ist da Highlight.

Ja, ich könnte mir den Bart und das Dekolleté enthaaren lassen.

Aber ich frage mich: was verändert sich, wenn ich mich dieser langwierigen, schmerzhaften Behandlung unterziehe? Ich meine, ich hätte gerne glatte Haut, aber zu welchem Preis? Meine Familie akzeptiert mich so, wie ich bin. Und Außenstehenden gegenüber werde ich nicht mehr Passing haben, nur weil ich weniger Haare auf der Brust und im Gesicht habe. Vor allem bin ich am Ende der Behandlung schon über fünfzig…

Okay, wenn ich alt bin und auf fremde Hilfe angewiesen, hab ich keinen Bart, auch wenn der Pfleger keine Zeit hat, mich zu rasieren.

Aber in Wirklichkeit sind das alles nur Äußerlichkeiten und angeblich zählen ja die inneren Werte.

Die inneren Werte zählen wirklich, nämlich da, wo man Menschen in virtueller Umgebung, in sozialen Netzwerken trifft. Da bin ich auch einfach Frau. Da kommen kaum Beleidigungen und selbst Fragen sind selten. Aber in face to face Begegnungen zählt die Oberfläche viel.

Ich mag oft nicht unter Menschen. Wahrscheinlich wäre das leichter als alles Makeup, Haarentfernung, Haarteil und der Rest meiner alltäglichen Maske.

Als ich begonnen hatte, meine männliche Maske abzulegen, habe ich mir geschworen, dass ich die eine Maske nicht durch eine weibliche ersetzen werde. Ich versprach mir, dass ich ich werde, nicht eine Frau, die andere Menschen sehen wollen. Dieses Versprechen habe ich nicht ganz eingehalten und das tut mir leid.

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2 Gedanken zu “Ein Versprechen…

  1. … laufen wir nicht alle mit einer Art Maske durchs Leben?
    Egal was wir dahinter verstecken?
    Ich glaube Dir muss nichts leid tun
    Du gehst Deinen Weg und hast liebende Menschen um Dich…
    … das ist viel mehr als viele andere haben
    Und Dein Mut wird belohnt
    Ich glaube an Dich

    Gefällt 2 Personen

    1. Danke für deinen netten Kommentar, liebe Anja,

      Die Frage, die ich mir häufig stelle: für wen trägt man welche Maske, für wen spielt man welche Rolle.

      Ich bin mir meiner Maske sehr bewusst. Zum Großteil trage ich sie als Selbstschutz. Aber, wenn ich mir die Haare mit Nadelepilation entfernen lasse, frage ich mich, für wen ich das tue. Und dieser Gedanke kommt in letzter Zeit oft, wenn ich merke, dass ich nicht mein Leben lebe, sondern fremde Erwartungen erfülle.

      Gefällt 2 Personen

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