Morgens in der Öffentlichkeit…

Morgens denke nicht viel. Wenn mein Bedürfnis nach Kaffee gestillt ist, durchlaufe ich halbautomatisch die Prozedur aus Rasur, Schminken und Haare möglichst wetterbeständig formen. Morgens denke ich nicht viel. In meinem Kopf haben lediglich wenige Themen Platz: die Kinder sicher zu Kindergarten und Schule zu bringen, eventuell gehe ich auch noch den Einkaufzettel durch, aber sonst entspannt sich mein Gehirn ziemlich. Morgens denke ich wirklich nicht viel.

Und dann treffe ich auf andere Menschen. Spätestens wenn ich mit den Kindern im Bus Plätze suche, treffen mich die Blicke. Freundliche Blicke, müde Blicke, leere Blicke und verletzende Blicke. Ich habe über die Jahre gelernt, diese Blicke als das zu nehmen, was sie sind: alltägliche Nebensächlichkeiten. Es sind nur Blicke.

Wenn allerdings ein Gesichtsausdruck versteinert auf mir liegen bleibt, dann beginne ich, mir Gedanken zu machen. Ich frage mich nicht, was die Person über mich denkt. Verwunderung, Ablehnung und Abneigung verstecken Menschen nur schlecht. Ich denke darüber nach, wie ich die Person auf ihre Unhöflichkeit hinweisen kann, ohne sie zu verärgern. Plötzlich denke ich über die Gründe für die Ablehnung nach. Und ich merke, dass ich die Person anlächle. Man könnte meinen, dieses einfache Zeichen würde klar vermitteln, dass ich sehen kann, dass und vor allem, wie ich angesehen werde, aber das passiert selten.

„Schauen Sie ruhig, davon geht es nicht weg“, höre ich mich sagen. Nicht nur ich höre das, der halbe Bus ändert schlagartig die Blickrichtung. Erstaunlich, dass die Menschen sich betroffen abwenden, die mir gar nicht auffielen. Nur eine Person starrt erschrocken. „Es nennt sich Transsexualität. Einfach gesagt bin ich eine Frau in einem männlichen Körper. Das geht vom hinschauen nicht weg“, ich warte kurz ab, „Ich werde davon auch nicht schöner. Ich habe es selbst versucht, aber leider passiert gar nichts.“

Danach schweige ich. Manchmal schauen die Personen mich versteinert an, manchmal wendet sie sich beschämt ab, aber unabhängig davon habe ich Ruhe.

Morgens im Bus denke ich an eine Tasse Kaffee und notiere im Kopf ‚Milch‘ für den Einkaufzettel.

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9 Gedanken zu “Morgens in der Öffentlichkeit…

  1. Wow, du hast wirklich Mut! – bzw. eigentlich Maß. Das meine ich insofern das ich mir in deiner Situation sehr schwer damit täte höflich zu bleiben. Finde ich aber auch richtig so – naja – ab und zu haben die Leute schon schärfere Worte verdient, aber im Endeffekt fährt man freundlich besser (Blödes Wortspiel).

    Respekt dafür das du den Starrern Konter bietest! Natürlich schaun die Leute, viele haben eben noch nie jemanden gesehen der transsexuell ist und ein bisschen neugierig Kucken ist auch nicht schlimm, denke ich mal. Sonst dürften wir uns bald alle gegenseitig nicht mehr ansehen. Aber man muss wirklich nicht sooo starren das es derjenige mitbekommt. Zumindest ein Lächeln könnte man sich noch abringen, wenn man erwischt wird.

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    1. Danke. Ich habe gemerkt, dass die meisten Leute, die mir mit einer gewissen Ablehnung oder sogar Feindseligkeit gegenüber treten, nicht mit direkter Ansprache ohne Unhöflichkeit rechnen.

      Wenn mir jemand Transe nachruft, bleibe ich stehen, drehe mich um und antworte etwas wie: „gute Beobachtungsgabe. Transe ist aber nur fast richtig. Besser wäre Transsexuelle oder Transgender. Transe bezeichnet eher Travestie oder ist ein Schimpfwort für diverse Fetische. Generell ist Transe unhöflich.“ oder, wenn ich es eilig habe: „konntest du dein Geschlecht aussuchen? Ich nicht.“ letzteres funktioniert vor allem auch bei großen Gruppen ohne Konflikte auszulösen.

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  2. Im Zweifelsfall nimmt das den „Hatern“ den Wind aus den Segeln 😉 Ich könnte mir auch vorstellen das es viele Transsexuelle gibt die beschämt den Kopf einziehen und sich klein machen. Da erwarten diese Leute dann keine Reaktion mehr – und sind umso überraschter. Beim nächsten Mal überlegen sie es sich dann schon zweimal!

    …und zur Reflektion… ich starre im Zug meist stur aus dem Fenster. Es ist mir schon oft passiert das ich erst nach der halben Fahrt draufkomm das ich genau da aus dem Fenster starre wo die Refelktion meines Gegenübers ist XD Das ist mir dann immer etwas peinlich weil ich mich frage „denkt die/der jetzt eh nicht das ich sie/ihn die ganze Zeit studiere?“

    Aber ich gebe zu das ich ab und zu einen Menschen in den Öffis sehe, den will ich einfach eine Weile ansehen. Vielleicht weil ich auch gerne solche Haare hätte, weil die Nase so unglaublich gerade ist, weil das Gesamtbild mit Kleidung ungewöhnlich ist, weil da einfach etwas ist, das mir gefällt und ich aufsaugen will.
    Und trotzdem kann man darauf achten das es nicht als unverschämt rüber kommt. Man kann ein paar unauffällige Blicke riskieren (auch über die Reflektion;) oder wenigstens lächeln/nicken, wenn dann Augenkontakt zustandekommt.
    Aber da ich auch nicht zb eine halbe Stunde nonstop angestarrt werden möchte machte ich das auch nicht so das sich jemand beobachtet fühlt.

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    1. Ich finde generell Blickkontakt sehr positiv. Es ist ja auch meist der erstkontakt zwischen Menschen. Darum will ich auch möglichst höflich bleiben.

      Irgendwie will ich immer das positive in den Menschen sehen und interpretiere extremes anstarren als unabsichtliche Unhöflichkeit.

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    2. Geht mir auch so. Ich hab letztens die Kassiererin im Rewe die gesamte Kassen-Wartenschlangen-Zeit angegafft. Wieso? Weil sie hammermäßige Ohrringe anhatte!
      Vielleicht guggen manche Menschen ja wirklich aus Interesse. Oder fragen sich, wo du den hübschen Lippenstift-Ton gefunden hast. Weiß man ja nie 😉

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  3. haha, also wenn ich dich morgens mal mit versteinertem Blick angaffe, dann sehe ich dich warscheinlich gar nicht und denke mir innerlich :“wieso!wieso?! wieso bist du nicht einfach heute morgen liegen geblieben, Julia?! Du hättest jetzt noch im Bett liegen können“

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