Monat: Februar 2016

Ein tolla Interview…

Ich mag es, wenn Menschen mir gut überlegte Fragen stellen und das dann ein Interview wird, wie das von TOLLABEA.

http://www.tollabea.de/nina-oder-frau-papa-transfrau/

Danke, das hat echt Spaß gemacht.

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Vor allem, weil meine Kinder auch etwas dazu betragen wollten!

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Ein Versprechen…

Meine Bartstoppel kratzen. Ich sitze am Esstisch und streiche über meine Wange. Das Gefühl fand ich immer schon fürchterlich. Wenigstens ist der Rest meiner Haut gerade ziemlich glatt. Den halben Vormittag habe ich damit zugebracht, die Haare von Beinen, Bauch, Schultern, Brust und Armen zu rasieren. Jetzt ist Abend, an der Brust kratzt die Kleidung schon leicht, aber es geht.

Mein Körper hat viele testosteronbedingte Folgeschäden. Breite Schultern und kein Hintern, ein Adamsapfel mit zugehöriger Bassstimme und Haare, überall dort, wo sie nicht sein sollten, aber nicht so viele am Kopf – abgesehen von Augenbrauen, Bart, Nasen- und Ohrplüsch.

Ja, die Hormonbehandlung verändert einiges. Aber die Knochen bleiben und der Haarwuchs verändert sich nur minimal.

Ja, ich habe Brüste bekommen, eine angenehme Größe sogar. Das ist da Highlight.

Ja, ich könnte mir den Bart und das Dekolleté enthaaren lassen.

Aber ich frage mich: was verändert sich, wenn ich mich dieser langwierigen, schmerzhaften Behandlung unterziehe? Ich meine, ich hätte gerne glatte Haut, aber zu welchem Preis? Meine Familie akzeptiert mich so, wie ich bin. Und Außenstehenden gegenüber werde ich nicht mehr Passing haben, nur weil ich weniger Haare auf der Brust und im Gesicht habe. Vor allem bin ich am Ende der Behandlung schon über fünfzig…

Okay, wenn ich alt bin und auf fremde Hilfe angewiesen, hab ich keinen Bart, auch wenn der Pfleger keine Zeit hat, mich zu rasieren.

Aber in Wirklichkeit sind das alles nur Äußerlichkeiten und angeblich zählen ja die inneren Werte.

Die inneren Werte zählen wirklich, nämlich da, wo man Menschen in virtueller Umgebung, in sozialen Netzwerken trifft. Da bin ich auch einfach Frau. Da kommen kaum Beleidigungen und selbst Fragen sind selten. Aber in face to face Begegnungen zählt die Oberfläche viel.

Ich mag oft nicht unter Menschen. Wahrscheinlich wäre das leichter als alles Makeup, Haarentfernung, Haarteil und der Rest meiner alltäglichen Maske.

Als ich begonnen hatte, meine männliche Maske abzulegen, habe ich mir geschworen, dass ich die eine Maske nicht durch eine weibliche ersetzen werde. Ich versprach mir, dass ich ich werde, nicht eine Frau, die andere Menschen sehen wollen. Dieses Versprechen habe ich nicht ganz eingehalten und das tut mir leid.

Morgens in der Öffentlichkeit…

Morgens denke nicht viel. Wenn mein Bedürfnis nach Kaffee gestillt ist, durchlaufe ich halbautomatisch die Prozedur aus Rasur, Schminken und Haare möglichst wetterbeständig formen. Morgens denke ich nicht viel. In meinem Kopf haben lediglich wenige Themen Platz: die Kinder sicher zu Kindergarten und Schule zu bringen, eventuell gehe ich auch noch den Einkaufzettel durch, aber sonst entspannt sich mein Gehirn ziemlich. Morgens denke ich wirklich nicht viel.

Und dann treffe ich auf andere Menschen. Spätestens wenn ich mit den Kindern im Bus Plätze suche, treffen mich die Blicke. Freundliche Blicke, müde Blicke, leere Blicke und verletzende Blicke. Ich habe über die Jahre gelernt, diese Blicke als das zu nehmen, was sie sind: alltägliche Nebensächlichkeiten. Es sind nur Blicke.

Wenn allerdings ein Gesichtsausdruck versteinert auf mir liegen bleibt, dann beginne ich, mir Gedanken zu machen. Ich frage mich nicht, was die Person über mich denkt. Verwunderung, Ablehnung und Abneigung verstecken Menschen nur schlecht. Ich denke darüber nach, wie ich die Person auf ihre Unhöflichkeit hinweisen kann, ohne sie zu verärgern. Plötzlich denke ich über die Gründe für die Ablehnung nach. Und ich merke, dass ich die Person anlächle. Man könnte meinen, dieses einfache Zeichen würde klar vermitteln, dass ich sehen kann, dass und vor allem, wie ich angesehen werde, aber das passiert selten.

„Schauen Sie ruhig, davon geht es nicht weg“, höre ich mich sagen. Nicht nur ich höre das, der halbe Bus ändert schlagartig die Blickrichtung. Erstaunlich, dass die Menschen sich betroffen abwenden, die mir gar nicht auffielen. Nur eine Person starrt erschrocken. „Es nennt sich Transsexualität. Einfach gesagt bin ich eine Frau in einem männlichen Körper. Das geht vom hinschauen nicht weg“, ich warte kurz ab, „Ich werde davon auch nicht schöner. Ich habe es selbst versucht, aber leider passiert gar nichts.“

Danach schweige ich. Manchmal schauen die Personen mich versteinert an, manchmal wendet sie sich beschämt ab, aber unabhängig davon habe ich Ruhe.

Morgens im Bus denke ich an eine Tasse Kaffee und notiere im Kopf ‚Milch‘ für den Einkaufzettel.

Nein. Ein klares Nein zu Nazis.

Mein Leben besteht nicht nur aus einem Thema und auch mein Alltag wird nicht nur von Transsexualität geprägt. Daher möchte ich etwas zu einem Thema sagen, das mir sehr unter den Nägeln brennt.

Heute lese ich von Clausnitz. Flüchtlinge, darunter Kinder, wurden von sogenannten besorgten Bürgern in Empfang genommen. „Wir sind das Volk“, war eindeutig keine Begrüßung, die freundlich zu verstehen waren. Angeblich haben diese lauten Menschen Angst vor dem, was da kommt. Aber was ich sah, machte den Geflüchteten Angst, den Kindern Angst und es macht mir Angst.

Fremdenhass in dieser Form sehen zu müssen, erfüllt mich mit Scham, Angst und Unverständnis. Die rechten Parteien haben Programme, die dem der Nationalsozialisten verblüffend ähnlich sind. Wieder einmal wird die deutsche Kultur, werden die christlichen Werte über alles gestellt. Wo war der oberste christliche Wert, die Nächstenliebe denn? Wo war die berühmte deutsche Gastlichkeit?

In diesem Land sind viel zu viele Menschen stumm und sagen nichts. Ja, ich fürchte Nazis. Wie denn auch nicht? Ich bin ausländische, lesbische Transfrau, ohne Job, mit linken Ansichten und Verbindung zu Juden, Buddhisten und sogar Moslems. In den Augen der konservativen, besorgten Mitbürger bin ich ein gutes Feindbild.

Ich schweige nicht. Die aggressiven Menschen in Clausnitz sind die Spitze eines Eisberges. Ich lehne alle rechten Parteien, AfD, Pegida und ihre Ableger, alle Genderwahn-Schreier und Lügenpresse-Rufer ab.

Ja, ich bin dafür, dass Menschen ihre Ängste und Sorgen äußern dürfen. Aber nicht so. Ungefiltert Parolen zu schreien, Kinder zu bedrohen, Zäune errichten, Häuser anzuzünden, weil Geflüchtete dort einziehen sollen…. Das sind die DEUTSCHEN, CHRISTLICHEN Werte, die ich jeden Tag lesen muss. Und da helfen keine Lügenpresse Rufe, denn die neuen Nazis sind auf ihre Taten stolz.

Ich bin dagegen, dass diese Entwicklung die Zukunft Deutschlands bestimmt.

Aber ohne Mann im Haus…

Wer mich ein wenig kennt weiß, dass ich gerne über alles mögliche spreche. Heute ergab sich in einem „Chat“ folgende Situation:

Ich frage mich ehrlich wozu man ein solches Rollenbild braucht. Vielleicht liegt es daran, dass ich mit der mir zugewiesenen Rolle nichts anfangen konnte, aber irgendwie fehlt mir der Sinn in Rollenbildern.

Meine Frau und ich haben vier sehr unterschiedliche Kinder. Wir leben gemeinsam, wir spielen, malen, lesen, basteln, singen, kuscheln… Ein ganz normales Leben. Die Kinder lernen wie man Werkzeuge benutzt, einen Garten bestellt, wie man Verletzungen versorgt und wie man Tiere füttert. Wir zeigen ihnen vor, wie man gute Früchte erkennt, wie man Lebensmittel verarbeitet, wie man einen Haushalt führen kann. Und was wir hoffentlich auch vorleben: wie man in einer Familie füreinander da ist.

Für nichts davon ist das Geschlecht der Eltern oder Kinder von Bedeutung. Oder irre ich mich?

Angeblich stärkt eine männliche Bezugsperson das Selbstbewusstsein. Das kann ich in meinem Umfeld nicht unbedingt beobachten, ich verzichte auf Beispiele.

Die Bindung in einer Familie ist nicht abhängig vom Geschlecht. Die Aufgaben, die in einer sozialen Gruppe anfallen, sind nicht abhängig vom Geschlecht.

Und in der Pubertät sind bei Fragen zum eigenen Körper oft die Eltern die letzten Menschen, die der Nachwuchs anspricht.

Eine unbedingt erforderliche männliche Bezugsperson ist Teil einer Vorstellung, in der Männer und Frauen unterschiedliche Aufgaben, Rechte und Chancen haben.

Das alles trifft für alleinerziehende Mütter, lesbische Paare, trans* Paare zu und wenn ich ehrlich bin, dann sind alleinerziehende Männer, schwule Paare und alle Familien-Konstellationen, in denen Kinder in einem Umfeld aus Liebe, Respekt, Geborgenheit heranwachsen können, genau gleich gut geeignet.

Aber ich möchte nochmal auf die ursprüngliche Frage zurück kommen. Was scheinbar wie eine Anerkennung meiner weiblichen Rolle klingt, sagt gleichzeitig:
Du bist nicht für die Erziehung von Kindern geeignet.
Du schadest deinen Kindern.
Deine Kinder leiden.
Deine Frau braucht einen Mann.

Und dazu sage ich:
Nein. Ich bin die Frau Papa, ich bin die beste Papa für meine Kinder.

365 Tage ist es her…

Heute vor einem Jahr, nahm ich allen Mut zusammen und schrieb meinen Eltern eine Mail. Vielleicht sollte ich dazu sagen, dass ich etwa 800km von meinen Eltern entfernt lebe. Daher entschied ich mich meinen Eltern per elektronischem Brief (eMail) von meiner Transsexualität zu erzählen.

Ich will gar nicht viel dazu sagen. Einfach formuliert hatte ich mit meinen pessimistischen Vorstellungen ziemlich recht. Selbst nach einem Jahr ist alles noch weit entfernt von einem Normalzustand.

Ich dachte im vergangenen Jahr viel darüber nach, ob ich etwas anders machen hätte können.

Bewegung…

Sport und ich kamen nicht in einem gemeinsamen Satz vor, ohne dass darin eine Menge Schimpfwörter vorkamen. Ich habe mich immer gerne bewegt, vor allem zu Fuß, aber Sport aktiv zu betreiben war mir immer ein Gräuel. Schon bevor ich mit der Hormonbehandlung begonnen habe, fürchtete ich, dass ich das wohl ändern müsste.

Der Abbau von Muskelmasse, durch die Hormone, ist viel deutlicher spürbar, als sichtbar. Besonders die Schultern und Arme haben sich deutlich verändert, die Form wird weicher, femininer. Gleichzeitig wurde ich in den letzten Monaten deutlich schwächer. Ich war nie besonders stark, aber meine Kinder hoch zu heben, war nie anstrengend…. Das ist es aber nun.

Mein Optimismus redete mir einige Zeit ein, dass dadurch, dass ich zu Fuß die Einkäufe erledige, die Muskulatur schon lernen wird, mit der Veränderung umzugehen. Nennen wir es: abgrundtiefe Naivität. Natürlich hatte ich vor, auch mal Sport zu betreiben, aber ich gebe zu, das hatte ich nie richtig ernst gemeint.

Vor drei Wochen hat meine Frau wieder mit Shred angefangen und ich verrücktes Huhn hab größenwahnsinnig gesagt, dass ich mitmache. Verdammt. Als erstes lernte ich, wie unsportlich ich tatsächlich war, dann lernte ich, wie unbeweglich ich war und zu guter letzt lernte ich: Shred ist nix für mich.

Aber, zu dem Zeitpunkt hatte ich fest beschlossen, aktiv zu werden. Ich suchte nach anderen Programmen und mache nun tatsächlich Yoga. Meine Atmung ändert sich, meine Beweglichkeit wird besser und auch die Muskulatur wird stärker. Und nach den drei Wochen sehe ich erstmals ein wenig Änderung meiner Speckgegend.

Sport war mein Albtraum. Wenn mir jemand gesagt hätte, dass ich wirklich Lust darauf haben könnte, hätte ich es nie geglaubt. Mein Leben hat sich in den letzten Jahren sehr verändert und es fühlt sich sehr gut an.