Bist du gerne trans?

Ehrlich gesagt, ist das eine Frage, die ich manchmal höre und je nach Tagesstimmung sehr unterschiedlich beantworte. Ich muss dazu sagen, dass ich den Großteil meines Alltags nicht über trans sein nachdenke. Ich weiß nicht, wie es bei Euch ist, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendjemand von Euch im Alltag ständig an ihr/sein Geschlecht denkt. Also: den Großteil meiner Zeit ist mir trans sein komplett egal, weil ich es einfach bin.

Gehe ich in die Öffentlichkeit und erlebe heftige, ablehnende Reaktionen, dann kann sein, dass ich es verfluche trans zu sein. Aber das ist ja sicherlich nachvollziehbar. Ich glaube sogar, niemand steht auf Anfeindungen und Beleidigungen.

Gehe ich in die Öffentlichkeit und erlebe keine solchen Reaktionen, dann denke ich meist nicht übers trans sein nach. Ein wenig anglotzen und kichern passiert sicher, aber das blende ich inzwischen total aus.

Gehe ich einkaufen (vor allem Kleidung), dann verfluche ich ein wenig meine Anatomie und oftmals muss ich den freundlichem Verkaufspersonal erklären, dass ich kein hilfloses Wesen bin, aber trans sein ist nicht so ein großes Problem.

Vielleicht sollte ich dazu sagen, dass ich auf misgendering inzwischen einfach mit „nicht Herr, Frau“ reagiere, oder es als angewandte Dummheit einfach ignoriere. Da ich es täglich erlebe, habe ich mich einfach irgendwann dazu entschieden, es nicht persönlich zu nehmen. Diesen Tipp kann ich generell im Umgang mit Dummheit geben: drauf hinweisen und wenn es nicht aufhört: ignorieren.

Also bin ich gerne trans? Ich bin gerne Frau. Ich schaue in Katalogen die Röcke, Tops, Shirts und Hosen für Damen an. Ja, Frau bin ich gerne.

Liege ich allerdings nachts im Bett und drehe mich zur Seite, dann piekst seit ich Brüste bekommen, mein Brustbart in meine sensibler gewordene Haut. Dann wache ich ungewollt auf und fluche. Da wäre ich gerne Frau ohne trans. Tja, ich bin halt borstig, wie ein Igel 😉

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9 Gedanken zu “Bist du gerne trans?

  1. Gute Antwort! Und voll nachvollziehbar – du bist ja sowas von normal! 🙂

    Wer denkt schon dauernd über sein Geschlecht nach?

    An mich ist das Thema – wie vermutlich bei den meisten – in der Pubertät virulent geworden. Auf einmal „war ich Frau“ – und musste mich damit auseinander setzen, was das für mich bedeutet.

    Es war „damals, 68“, als ich vierzehn war. Und ich lernte in den folgenden bewegten Jahren, dass es zum Glück keinen Grund gibt, das „Frau sein“ in der Weise der Mütter und Großmütter gelebt werden muss. Die Forderung nach Gleichberechtigung auf allen Ebenen ging einher mit der Zunehmenden Verachtung aller „typisch weiblichenj“ Eigenheiten und Insignien. Das waren ja alles Ergebnisse patriarchaler Objektivierung der Frau… wie kann frau nur ihre Zeit damit verbringen, sich aufzuhübschen?

    So wurde ich in mein Eigenleben (also das, was man dem Althergebrachten der Alten/Eltern in der Regel entgegen setzt) sozialisiert.

    Ich erzähle das, um bei dir um Verständnis zu werben für irritiere Reaktionen, selbst von Leuten, „die ansonsten ganz in Ordnung sind“.

    Für uns war es die Befreiung, von den Geschlechterklischees befreit zu sein.

    Und IHR (in diversen Varianten) BEGEHRT gerade DAS!

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    1. Danke für deinen Kommentar. Es stimmt in der Selbstfindungsphase/der Pubertät ist das eigene Geschlecht sehr präsent. Und auch die eigene Rolle muss erst mal gefunden werden.

      Ich finde deine Beschreibung der 68er, mit der weit verbreiteten Ablehnung klassischer weiblichenr Rollenbilder sehr interessant, denn vieles davon (dem gezwungen extrem femininen erscheinungsbild) finde ich in vielen trans Foren. In manchen Diskussionen unter trans nehmen die Anleitungen zum Augenbrauen zupfen mehr Raum ein, als die Stärkung des eigenen Bewusstseins.

      Insofern bin ich sehr froh, dass die Feministinnen der 68 und davor, auch mir helfen, nach meiner eigenen Vorstellung mein Frau sein Leben zu können.

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  2. Ist es nicht so, dass wir alle gerne sind, was wir sein wollen/werden wollen/nur im Inneren sind? Zu fragen, ob man gerne Trans ist, ist in meinen Ohren (oder augen) ein bisschen… Keine Ahnung. Dumm? Vielleicht verstehe ich es auch falsch oder kenne es anders, aber gerne Trans sein, also gerne im falschen Körper rum laufen, macht man doch nicht gerne. Nur gezwungenermaßen bis zur Richtigstellung… Oder? Du bist nicht gerne Trans. Du bist gerne Frau. Andere sind nicht gerne Trans, sondern gerne Mann… Und einen biologischen Mann zu fragen, ob er gerne Trans ist, ist… Mir fällt gar kein Vergleich ein xD aber ich hoffe, du weißt, was ich meine.

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    1. Guten Morgen,

      Es gibt den Satz: „es gibt keine dummen Fragen.“ und der sagt eigentlich einfach aus: frage frei, denn jede ernst gemeinte Frage zeigt Interesse.

      Ja, ich kann dich verstehen.

      Ich finde das Bild vom falschen Körper immer wieder sehr faszinierend. Denn die meiste Zeit stört mich mein Körper wenig. Und beim Klamotten kaufen und vor dem Spiegel geht es mir, wie dem Großteil aller Frauen: da bin ich eine Ansammlung von Problemzonen. 🙂

      Am Anfang meiner Transition empfand ich den Körper viel mehr als verkehrt oder als Gefängnis. Über die Jahre habe ich mich mit vielen Teilen arrangiert.

      Und nur mal so…. Eine geschlechtsangleichende OP ist nicht unbedingt eine Richtigstellung. Es ist eine nach bestem medizinischen Wissen durchgeführte, größtenteils optische Anpassung der Genitalien. Aber dieser bedeutsame Schritt betrifft in Wirklichkeit meist nur ganz wenige Personen (die/den Patienten, Partner, Ärzte)…. Der Großteil der Transition passiert abseits der Gürtellinie.

      Lg,
      Nina

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      1. Okay, dass mit der „dummen frage“ verstehe ich. Die gibt es wirklich nicht. Ich entschuldige mich an dieser Stelle für alle potenziell angegriffenen und denke noch ein bisschen länger darüber nach, wie ich zu dieser Frage allgemein stehe… 😉

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        1. Ach, das ist kein Problem. Menschen sind für ihre Fähigkeit bekannt, Fehler zu machen und daraus zu lernen.

          Ich bekomme schlimmere Fragen 🙂 „musst du im Internet darüber schreiben dass du trans bist mein Sohn ist zehn und könnte das lesen und ich will nicht, dass er schwul wird.“ war bisher die wohl schrägste.

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          1. Haha… Ja, weil das eine mit dem anderen ja auch so viel zu tun hat. „Bitte lassen Sie Ihr Kind nicht unbeabsichtigt ins Internet, wenn sie sorge haben, dass er so leicht zu beeinflussen ist. Die Gefahr, dass er sich eine Grippe holt, während er Autos recherchiert ist auch n8cht zu verachten.“

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  3. Hallo Nina,
    Ich verfolge regelmäßig deine Ploggs, und bin begeistert, dass du immer neue Themen findest! Bin schon gespannt auf deine weiteren Themen!
    Lg. Manu

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