Monat: Januar 2016

Ein Blick zurück, ein Blick nach vorne…

Heute habe ich für ein Interview, dass meine Frau und ich geben durften,  Fotos gesucht. Zwar suchte ich hauptsächlich Bilder, auf denen wir gemeinsam sind, aber natürlich ist so ein Fotoordner bunt gemischt. Und so stolperte ich über Modesünden, Peinlichkeiten, aber vor allem: über meine Entwicklung.
Für mich kaum vorstellbar: bereits 2014 machte ich erste Schritte in der Öffentlichkeit. Meinen Bart hatte ich zuletzt im September 2014. Ich konnte sogar sehen, wie anders ich meine Haare (mit dem selben Haarteil) inzwischen richte.

Teilweise musste ich lächeln, teilweise seufzen und am Ende war ich erstaunt, denn die Veränderung in den letzten anderthalb Jahren war die größte. Und ich bin noch immer am Weg. Es ist eine spanende Reise.

Nina_01_2016

Bist du gerne trans?

Ehrlich gesagt, ist das eine Frage, die ich manchmal höre und je nach Tagesstimmung sehr unterschiedlich beantworte. Ich muss dazu sagen, dass ich den Großteil meines Alltags nicht über trans sein nachdenke. Ich weiß nicht, wie es bei Euch ist, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendjemand von Euch im Alltag ständig an ihr/sein Geschlecht denkt. Also: den Großteil meiner Zeit ist mir trans sein komplett egal, weil ich es einfach bin.

Gehe ich in die Öffentlichkeit und erlebe heftige, ablehnende Reaktionen, dann kann sein, dass ich es verfluche trans zu sein. Aber das ist ja sicherlich nachvollziehbar. Ich glaube sogar, niemand steht auf Anfeindungen und Beleidigungen.

Gehe ich in die Öffentlichkeit und erlebe keine solchen Reaktionen, dann denke ich meist nicht übers trans sein nach. Ein wenig anglotzen und kichern passiert sicher, aber das blende ich inzwischen total aus.

Gehe ich einkaufen (vor allem Kleidung), dann verfluche ich ein wenig meine Anatomie und oftmals muss ich den freundlichem Verkaufspersonal erklären, dass ich kein hilfloses Wesen bin, aber trans sein ist nicht so ein großes Problem.

Vielleicht sollte ich dazu sagen, dass ich auf misgendering inzwischen einfach mit „nicht Herr, Frau“ reagiere, oder es als angewandte Dummheit einfach ignoriere. Da ich es täglich erlebe, habe ich mich einfach irgendwann dazu entschieden, es nicht persönlich zu nehmen. Diesen Tipp kann ich generell im Umgang mit Dummheit geben: drauf hinweisen und wenn es nicht aufhört: ignorieren.

Also bin ich gerne trans? Ich bin gerne Frau. Ich schaue in Katalogen die Röcke, Tops, Shirts und Hosen für Damen an. Ja, Frau bin ich gerne.

Liege ich allerdings nachts im Bett und drehe mich zur Seite, dann piekst seit ich Brüste bekommen, mein Brustbart in meine sensibler gewordene Haut. Dann wache ich ungewollt auf und fluche. Da wäre ich gerne Frau ohne trans. Tja, ich bin halt borstig, wie ein Igel 😉

Viel Platz…

Die letzte Nacht konnte ich nicht schlafen. Nicht vor Aufregung, sondern wegen Husten und Schmerzen. Also bin ich heute zum Arzt.

„Einen guten Arzt erkennt man an der langen Warteschlange“, sagte meine Oma mal und mein Hausarzt scheint entsprechend hervorragend zu sein. Im Wartezimmer gab es nur wenige Plätze, also setzte ich mich. Ich weiß nicht, was in anderen Menschen vorgeht, aber ich bin, wenn ich zum Arzt gehe, ausreichend mit mir beschäftigt und die anderen Menschen nehme ich eher am Rand wahr.

Ich saß da und die Patienten kamen schneller, als sie aufgerufen werden konnten. Einige standen sogar und eine Dame um die sechzig, saß auf einem Kinderstuhl. Erstaunlich: neben mir waren an beiden Seiten noch zwei Plätze frei (zeitweise sogar drei).

Nein, es liegt nicht an meiner Körperpflege oder dem Geruch.
Nein, ich rauche auch nicht und auch kein Knoblauchbaguette.
Nein, ich habe keine eitrigen Beulen im Gesicht.

Vielleicht sollte ich den Leuten sagen, dass Transsexualität nicht ansteckend ist.

Drei Monate Hormone…

Ich hatte mir geschworen, kein Hormontagebuch zu schreiben und ich werde sicher nicht damit anfangen, aber ein wenig will ich doch über meine bisherigen Erfahrungen berichten.

Vor der Behandlung hatte ich viele Berichte gelesen, in denen über Depressionen und Antriebslosigkeit geschrieben wurde. Was das angeht habe ich Glück. Meine Psyche ist seit Beginn der Therapie stabiler geworden und ich habe auch keine Schwierigkeiten mich zu motivieren (außer es ist eiskalt und ich muss raus).

Der Abbau von Muskelmasse ist hingegen spürbar. Ich habe deutlich weniger Kraft, was ich durch ausreichend Aktivitäten versuche in Bahnen zu lenken. Meine Schultern werden sehr langsam ein wenig weniger. Natürlich liegt die Änderung der Anatomie auch an der Neuverteilung des Körperfetts. Ich sitze weicher und die Form des Bauches verändert sich langsam. Alles wird ein wenig runder.

Die deutlichste Veränderung passiert tatsächlich mit den Brüsten. Ich hatte ehrlich keine Vorstellung vom beschriebenen „Ziehen“. Mal sind die Brüste einfach nur warm, mal hoch empfindlich, manchmal schmerzhaft… Aber es ist zum aushalten, wenn sich nicht gerade ein Kind mit den Ellenbogen voran drauf stürzt. Ich musste mich inzwischen von zwei BHs trennen, die nicht mehr angenehm saßen und bei einem die Schaumstoffkissen raus nehmen… Es wächst also.

Haare… Oh, wo fange ich da nur an. Okay: Körperbehaarung und Bart wachsen generell langsamer. Mein Gesicht ist erst am späten Nachmittag wieder borstig… Aber man sieht im Gesicht keine Veränderung. Am Rücken ist ein Bereich kaum mehr behaart, der Brustbart wirkt etwas lichter. Beine, Arme und Hintern sind nicht merklich verändert.

Ach ja, ich hab Cellulitis am Po… Worüber ich mich irgendwie tierisch freue, weil es so besonders weiblich ist…

Ein Ding, das schwer zu beschreiben ist, ist die Veränderung meiner Lust. Ich glaube, das wird ein Eintrag für sich.

Wie hast du dich geoutet…

Da ich ja nicht nur hier schreibe, sondern auch sonst durchaus das eine oder andere Wort zu Transsexualität sage und schreibe, kontaktieren mich immer wieder Menschen mit verschiedenen Fragen und die meisten davon beantworte ich gerne. Am häufigsten werden mir interessanterweise Fragen zu meinem Coming Out gestellt.

Mein Coming Out lief eher untypisch. Ich habe mich zwar über die Jahre immer wieder verschiedenen Menschen (nicht nur Therapeuten) anvertraut, aber das echte Coming Out, das zu einer Veränderung in meinem Alltag führte passierte mit meiner Frau. Irgendwie hatte ich den Punkt erreicht, wo es mir nicht mehr gut tat, so zu tun, als wäre ich ein Mann und das war so ziemlich das was ich sagte. Ich konnte nicht sagen, inwiefern ich Crossdresser oder Fetischist war oder ob ich tatsächlich als Frau leben wollen würde, denn ich wusste es nicht. Anscheinend machen die meisten Trans* vor dem Coming Out schon Erfahrungen mit Kleidung, Makeup… ich hatte nichts davon wirklich ausprobiert. Für mich selbst war das Thema so „verboten“, dass ich nie auf die Idee kam, mir Strumpfhose oder Schuhe zu kaufen.

Ich kann nicht sagen, welchen Worten ich meiner – damals schwangeren – Frau, sagte, aber im Kern beschrieb ich einfach, wie schwer es mir fiel, Mann zu sein. Ich konnte nicht sagen, welche Konsequenzen das haben würde und auch nicht, wie tief dieses Gefühl gehen würde. Wir schafften es miteinander zu sprechen und entschieden, dass wir alles nur Schritt für Schritt machen würden und so, dass jede Seite jederzeit sagen dürfte, wenn etwas nicht okay wäre.

Das klingt aus der Entfernung betrachtet echt leicht und unkompliziert, aber es war ein riesen Schritt, als ich meine Beine rasieren wollte, es war ein unendlicher Schritt, als ich Highheels trug und noch größer wurde es, als unsere Kinder einbezogen wurden und als ich dann auch in die Öffentlichkeit ging.

Mein Coming Out war kein „Ich bin eine Frau und ich heiße Nina.“ es war vielmehr ein vermitteln meiner Gefühle und irgendwie schaffte ich auch, es klar zu machen, dass ich bereit bin den Weg langsam und gemeinsam mit meiner Familie zu gehen. Mehr kann ich eigentlich zu meinem Coming Out nicht sagen.