Vorurteile…

Ich nehme mich mal selbst an meiner Nase und gebe zu: Ich habe Vorurteile. Niemand von uns ist wirklich frei davon und wer es behauptet, hat wahrscheinlich nur gelernt, sich nicht aufgrund des ersten Eindrucks ein Urteil zu bilden.

Wenn ich dieses Thema anspreche, dann durchaus mit einem Hintergedanken. Was ich zu vermitteln versuche ist, dass trans zu sein nicht bedeutet über den Dingen zu stehen. Auch nicht, wenn es um das Thema trans geht. Manchmal begegne ich in sozialen Netzwerken Menschen, die ihre Transsexualität in einer Form ausleben, die ich nicht verstehen kann. Meistens sind es jüngere Transmenschen, die von großer Ungeduld getrieben werden.

Mein Vorurteil diesen jungen Transmenschen gegenüber, hält mich davon zurück, mit ihnen offen zu sprechen. Ursache für diese Zurückhaltung ist die Erfahrung, die ich gemacht habe. Oft war ich einige Wochen lang Ratgeberin und auf einmal wurde mein Passing kritisiert, die Hindernisse, die mir im Weg lagen wurden angezweifelt und im Endeffekt war ich dann geknickt, weil mir jemand, der viel bessere Aussichten auf gutes Passing und schnelle Behandlung auf einmal mein Leben in dunkelgrau an die Wand malte.

Abgesehen davon habe ich meine Erfahrungen mit Transfrauen Mitte Vierzig gemacht, die sich einen extrem exotischen Namen geben. Monique, Chantale-Catrin, Angelique,… sind Namen, bei denen mir die Nackenhaare zu Berge stehen. Ich weiß nicht warum, aber bisher waren die ersten Bilder, die ich von Frauen mit Vorliebe zu ausgefallen klingenden Namen bekomme einfach die Verkörperung zahlloser Klischees von Transfrauen: billige Perücke, zu viel Lippenstift, ein auf Doppel-D ausgestopfter BH, extrem kurzer Mini-Rock und auffällige Schuhe, das ganze kombiniert mit einer schrillen Bluse. Und immer, wirklich immer die gleiche Pose: bemüh lasziver Blick, krampfhaft verdrehte Körperhaltung, den Oberkörper nach vorne gesteckt, um die Brüste noch mehr zu betonen. Und diese Personen haben meistens das Talent in sozialen Medien ständig neue Selfies zu veröffentlichen.

Wäre ich hier in einer TG-Facebookgruppe, würde ich wahrscheinlich für diesen Text aus der Gruppe geworfen und von zahlreichen Leuten blockiert. Meine Vorurteile waren nicht immer da, sie sind aus Erfahrungen gewachsen. Manchmal frage ich mich, welche Erfahrungen die Menschen mit TG gemacht haben, die mir gegenüber feindselig sind. Wenn selbst ich nicht immer den einzelnen Menschen vorurteilsfrei betrachten kann, was muss dann in Menschen vorgehen, die Cressdresser, Drags, DWT und alle Transgender in einen Topf werfen?

Nicht alle TG sind schrill. Bei weitem nicht alle. Die meisten sind im Alltag absolut unauffällig. Wir tragen nicht mehr Makeup, als andere Frauen, wir rülpsen nicht mehr als anatomische Männer, die meisten von uns tragen die Kleidung, die man in ganz normalen Läden findet und die allermeisten von uns lernt, modischen Rat von Freunden und Familie irgendwann sehr zu schätzen.

Ja, es gibt schrille Vögel. Gibt es in jeder Gruppe unserer Gesellschaft. Meine Vorurteile nutze ich, um die Menschen genauer kennen zu lernen, sie dienen mir sehr oft als Vorsichtsmaßnahme dazu, nicht verletzt zu werden. Ich habe gelernt, über meinen Vorurteile zu stehen und trotzdem auf die Menschen zuzugehen. Das ist nicht schwer und tut auch gar nicht weh.

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Ein Gedanke zu “Vorurteile…

  1. Ich kann dir da nur recht geben! Echt super beschrieben! Fast alle TG. möchten nur eins, sich im Alltag integrieren und nicht immer mit bösen blicken kämpfen müssen ! Aber nur leider haben wir noch immer viel zuviel mit Diskretion zu kämpfen! Lg.

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