Die unterschiedlichen Phasen des Transseins…

Es gibt etwas am Leben mit Transsexualität, das für CIS Menschen oft schwer nachvollziehbar ist. Ich nenne es Phasen, weil ich kein besseres Wort dafür kenne und ich will einfach mal beschreiben, was ich damit meine. Bis zu dem Punkt, den ich als erstes nenne werde, unterschied sich mein Leben wahrscheinlich nicht von CIS.

Das Erkennen

Irgendwann in meinem Leben (bei mir schon in frühester Kindheit) erkannte ich, dass ich anders bin, als die anderen Jungs und Mädchen. Ich fühlte mich als Mädchen, aber mir wurde erklärt, dass ich ein Junge wäre. Ich spürte, dass die Erklärungen aus meinem Umfeld nicht richtig waren, aber ich war lange nicht in der Lage zu reagieren.

Das Verstecken

Bei kleinen Kindern tolerieren viele Eltern noch, dass mit Geschlechterrollen gespielt wird, aber irgendwann begann der Druck von außen so deutlich zu werden, dass ich lernte mich zu verstecken. Ich spielte die Rolle des Mannes. Denn Männer in Frauenkleidern waren entweder Lachnummern oder pervers.

Point of no Return

An einem Punkt in meinem Leben ging es nicht mehr. Ich wusste was ich war und der Druck von innen war so groß, dass nichts, was die Gesellschaft mir entgegen hielt, dagegen standhalten konnte. Ich erkannte, dass ich etwas ändern musste und es begann mit einem Gespräch. Was man heute Coming Out nennt passierte in meinem Leben einige Male mit unterschiedlicher Intensität. Am Point of no Return war es ein wenig anders, denn es war der Punkt, an dem ich mich auch nach außen verändern musst.

Das Experimentieren

Nach dem großen Coming Out folgte eine Phase des Experimentierens. Da bis zu diesem Tag alles verboten war, musste ich herausfinden, was ich wirklich bin. Meine persönliche Angst war, dass es ein sexueller Fetisch wäre – nicht weil mich das aus der Bahn geworfen hätte, aber ich glaube meine Beziehung hätte das nicht überlebt. Als ich wusste, dass ich nicht Crossdresser war hatte ich endlich ein Wort für mich.

Das Finden-Suchen

In den folgenden Jahren lernte ich Kleidung zu finden, die meine Figur feminin wirken lässt. Lernte die Grenzen der Modeindustrie kennen (die Ärmellänge und -durchmesser erlauben manchmal nur kleine Bewegungen) und trug Farben, die ich heute nicht einmal in meinen Schrank legen würde. Ich trug Make-Up zu dick auf und die Absätze, die ich trug sieht man sonst nur am Straßenstrich.

Das An-die-Nase-binden-müssen

Einige Zeit war es so, dass das lange verdrängte Thema meine Gedanken eindeutig dominierte. Es war das wichtigste. Vom Aufstehen, bis zum schlafen gehen, sprach und dachte ich über nichts anderes nach. Denn: endlich durfte ich es rauslassen. Tja, gothseidank hat meine Frau mich in dieser Phase nicht raus geworfen.

Die Ankunft

Und dann kommt plötzlich eine Phase, wo es einfach Alltag wird, Frau zu sein. Wenn ich gefragt werde, oder hier im Blog, ist Transsexualität durchaus Thema, aber im Alltag spielt sie keine erhebliche Rolle mehr. Ich trage Farben und Schnitte, die meinem Alter entsprechend und nehme mich einfach als Mensch war. Absätze trage ich noch immer 😉 Meinen  neuen Name zu sagen ist nichts ungewöhnliches, aufregendes mehr. In mir kehrte eine innere Ruhe ein. Ich bin nun endlich, wer ich immer war und habe am Weg meine Masken abgelegt.

Die Wege aller Transmenschen sind sehr unterschiedlich, aber ich habe bei vielen guten FreundInnen Parallelen finden können. In dem Bereich in dem die Selbstfindung passiert, ereignet sich sehr viel im Leben der Trans* und das kann für Freundschaften und Beziehungen sehr belastend sein. Im Großteil der Fälle legt sich das. Wirklich.

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2 Gedanken zu “Die unterschiedlichen Phasen des Transseins…

  1. Hallo,
    Glückwunsch, du hast es echt super beschrieben! Ich bin noch beim verstecken:'(! Möchte auch deiner Frau Gratulieren, für die Kraft das sie den Weg mit dir so meistert! Da hab ich bei meiner Frau weniger Glück! Leider:'(!

    Alles Gute noch!
    Manuela

    PS: Wenn du möchtest kannst mir ja ein Email schreiben!

    Gefällt 1 Person

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