Monat: November 2015

Alltag heißt…

Mein Tagesablauf besteht nicht aus Makeup, Mode und Mädchenkram. Sicher passiert das auch, aber das Bild von der aufgebrezelten Tussi in Kleidchen und Strümpfen verkörpere ich nicht. Okay, ich trage tatsächlich zuhause oft Highheels als Hausschuhe, aber meistens renne ich barfuß herum.

Alltag heißt für mich, dass meine Kinder, meine Frau, meine kleinen und großen Verpflichtungen den Ablauf bestimmen. Heute war Tag der weihnachtlichen Dekoration. Gemeinsam hat unsere kleine Familie alles ein wenig geschmückt und endlich habe ich es geschafft, eine Krippe zu bauen.

Zuhause trage ich oft keinen BH und geschminkt bin ich auch nicht immer. Am Anfang meines Weges war das nur schwer vorstellbar, aber irgendwann kommt der Punkt der Erkenntnis, dass ich selbst mit Bartschatten und in Jeans und Pulli einfach Frau bin. Frausein ist nicht abhängig von der Kleidung. Ehrlich gesagt denke ich für mich alleine nur selten über mein Geschlecht nach.

Das Thema Geschlecht bestimmte die letzten Jahre meines Lebens, aber ich habe festgestellt, dass an einem Punkt meiner seelischen Reise etwas passiert ist: ich habe erkannt, dass ich das männliche Kostüm, die unpassende Rolle nicht durch ein von außen auferlegtes weibliches Bild ersetzen wollte.

Nein, ich gehe nicht ungeschminkt aus dem Haus. Aber in den Keller oder zum Müll durchaus. Und wenn meine Kinder Freunde nach Hause mitbringen (und das tun sie ohne Scheu), dann bin ich eben ungeschminkt, wie Millionen anderer Frauen im Alltag auch.

Fenster in die Vergangenheit…

Immer wieder ergibt es sich, dass ich jemanden anrufen muss, der/die mich noch als Mann kennen gelernt hat. Besonders erfreulich ist es, wenn man ehemalige KollegInnen anruft, bei denen man weiß: mit denen kannst du offen reden. Die Frage: „Oh lange nichts mehr gehört, wie geht es Dir?“, mit: „Sehr gut, ich bin inzwischen offiziell Frau Nina J.“, zu beantworten, ist einfach befreiend.

Immer, wenn so etwas passiert, öffnet sich ein kleines Fenster in die Vergangenheit und dabei werde ich daran erinnert, wie mein Weg war. Wie viele kleine Schritte ich doch gebraucht habe, um dorthin zu gelangen, wo ich jetzt bin. Und vor allem, wie viele doch sehr tolle Menschen mir dabei begegnet sind. Menschen, die sich nicht mit Vorurteilen aufhielten, sondern einfach „echt? Toll!“, antworten. Ich glaube diese Menschen merken gar nicht, wie besonders sie sind.

Es gibt Sätze von Menschen, die sehr tief gehen. Die einen verletzen, die anderen heilen. Ich wünschte mir, es gäbe viel mehr von den Menschen, die es so locker nehmen. Wobei ich glaube: manche bräuchten nur einen Denkanstoss. Ich weiß nicht, wie es anderen Transmenschen geht, aber ich habe festgestellt, dass im persönlichen Gespräch die wenigsten Menschen dicht machen. Sicher, nicht jede Person wird danach auch Frau zu mir sagen – das ist bei meinem Passing zwar verletzend, aber auch nicht sonderlich verwunderlich – doch bisher hatten die meisten wirklich Verständnis für meine Situation.

Jetzt sortiere ich wieder Gedanken und Unterlagen und versuche meinen Namens- und Geschlechtsänderung bei anderen Ämtern und Behörden ins Rollen zu bringen. Genießt den Tag!

Ich hatte keine Vorstellung…

Ja wirklich, ich hatte keine Vorstellung, welches Publikum ich in meinem Blog finden würde. Irgendwie hatte ich die vage Vorstellung, dass sich Angehörige und Trans genauso dabei Fänden, wie Menschen, die mit dem Thema kaum zu tun hatten. Das einzige was ich wusste, dass ich nicht wollte: ein „mein Transition Tagebuch.“ weil es davon wirklich zahlreiche gibt und meine Transition bisher nicht sonderlich mustergültig lief.

Inzwischen habe ich ein paar Einträge geschrieben und einige von Euch Kommentare hinterlassen.

Ich freue mich, dass meine Art über meine Erfahrungen zu schreiben, bei Euch ankommt!

Vorurteile…

Ich nehme mich mal selbst an meiner Nase und gebe zu: Ich habe Vorurteile. Niemand von uns ist wirklich frei davon und wer es behauptet, hat wahrscheinlich nur gelernt, sich nicht aufgrund des ersten Eindrucks ein Urteil zu bilden.

Wenn ich dieses Thema anspreche, dann durchaus mit einem Hintergedanken. Was ich zu vermitteln versuche ist, dass trans zu sein nicht bedeutet über den Dingen zu stehen. Auch nicht, wenn es um das Thema trans geht. Manchmal begegne ich in sozialen Netzwerken Menschen, die ihre Transsexualität in einer Form ausleben, die ich nicht verstehen kann. Meistens sind es jüngere Transmenschen, die von großer Ungeduld getrieben werden.

Mein Vorurteil diesen jungen Transmenschen gegenüber, hält mich davon zurück, mit ihnen offen zu sprechen. Ursache für diese Zurückhaltung ist die Erfahrung, die ich gemacht habe. Oft war ich einige Wochen lang Ratgeberin und auf einmal wurde mein Passing kritisiert, die Hindernisse, die mir im Weg lagen wurden angezweifelt und im Endeffekt war ich dann geknickt, weil mir jemand, der viel bessere Aussichten auf gutes Passing und schnelle Behandlung auf einmal mein Leben in dunkelgrau an die Wand malte.

Abgesehen davon habe ich meine Erfahrungen mit Transfrauen Mitte Vierzig gemacht, die sich einen extrem exotischen Namen geben. Monique, Chantale-Catrin, Angelique,… sind Namen, bei denen mir die Nackenhaare zu Berge stehen. Ich weiß nicht warum, aber bisher waren die ersten Bilder, die ich von Frauen mit Vorliebe zu ausgefallen klingenden Namen bekomme einfach die Verkörperung zahlloser Klischees von Transfrauen: billige Perücke, zu viel Lippenstift, ein auf Doppel-D ausgestopfter BH, extrem kurzer Mini-Rock und auffällige Schuhe, das ganze kombiniert mit einer schrillen Bluse. Und immer, wirklich immer die gleiche Pose: bemüh lasziver Blick, krampfhaft verdrehte Körperhaltung, den Oberkörper nach vorne gesteckt, um die Brüste noch mehr zu betonen. Und diese Personen haben meistens das Talent in sozialen Medien ständig neue Selfies zu veröffentlichen.

Wäre ich hier in einer TG-Facebookgruppe, würde ich wahrscheinlich für diesen Text aus der Gruppe geworfen und von zahlreichen Leuten blockiert. Meine Vorurteile waren nicht immer da, sie sind aus Erfahrungen gewachsen. Manchmal frage ich mich, welche Erfahrungen die Menschen mit TG gemacht haben, die mir gegenüber feindselig sind. Wenn selbst ich nicht immer den einzelnen Menschen vorurteilsfrei betrachten kann, was muss dann in Menschen vorgehen, die Cressdresser, Drags, DWT und alle Transgender in einen Topf werfen?

Nicht alle TG sind schrill. Bei weitem nicht alle. Die meisten sind im Alltag absolut unauffällig. Wir tragen nicht mehr Makeup, als andere Frauen, wir rülpsen nicht mehr als anatomische Männer, die meisten von uns tragen die Kleidung, die man in ganz normalen Läden findet und die allermeisten von uns lernt, modischen Rat von Freunden und Familie irgendwann sehr zu schätzen.

Ja, es gibt schrille Vögel. Gibt es in jeder Gruppe unserer Gesellschaft. Meine Vorurteile nutze ich, um die Menschen genauer kennen zu lernen, sie dienen mir sehr oft als Vorsichtsmaßnahme dazu, nicht verletzt zu werden. Ich habe gelernt, über meinen Vorurteile zu stehen und trotzdem auf die Menschen zuzugehen. Das ist nicht schwer und tut auch gar nicht weh.

Bin ich zu gutmütig…

Manchmal mache ich Sachen nur aus einem Grund: jemand fragt mich und ich kann nicht Nein sagen. So auch heute. Die Bekannte, die eine Bekannte hat, die „das selbe hat, wie ich“ und mich gebeten hat, mit eben dieser fremden Frau zu sprechen, hat mich heute wieder gefragt.

Nein, ich freue mich nicht darauf. Und habe dennoch ja gesagt. Ich weiß nicht, was die Person sich von einem Gespräch mit mir erwartet. Ja, ich schreibe in diesem Blog über verschiedene Themen, die mir wegen meiner Transsexualität passieren. Aber ein persönliches Gespräch ist immer was anderes.

Reale Gespräche bedeuten: sich sehen, hören, sich gegenüber sitzen. Und ich ziehe jetzt mal einen Vergleich heran, der vielleicht verdeutlicht, wie ich die Situation wahrnehme. Ein Tischtennisspieler wird gebeten mit einem Tennisspieler zu sprechen… weil sie ja das gleiche machen irgendwas mit Ball und irgendwas mit Tennis.

Ich habe ein mieses Gefühl im Bauch, weil ich weiß, dass meine Hilfsbereitschaft schon zu oft dazu geführt hat, dass Menschen anfingen mehr meiner Zeit und Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen, als mit gut tat. Inzwischen halte ich mich im realen Leben ein wenig zurück, weil ich einfach zu oft ausgenutzt wurde – nicht immer absichtlich, aber das macht es auch nicht besser.

Es gibt unendlich viele Gründe, warum Menschen ihre zugewiesene Geschlechterrolle nicht leben können oder wollen. JedeR von uns hat eine eigene Lebensgeschichte. Was soll ich einem Menschen sagen, den ich nicht kenne und die über meinen Weg nur weiß „die hat das gleiche Problem, wie du“.

Wahrscheinlich liegt meine etwas ablehnende Haltung darin begründet, dass ich niemanden zum Sprechen suche. Ich suche keine „Artgenossen“, um zu ergründen, wie ich mit den Blicken der Passanten umzugehen habe. Vielleicht wird es keine totale Katastrophe…

Die unterschiedlichen Phasen des Transseins…

Es gibt etwas am Leben mit Transsexualität, das für CIS Menschen oft schwer nachvollziehbar ist. Ich nenne es Phasen, weil ich kein besseres Wort dafür kenne und ich will einfach mal beschreiben, was ich damit meine. Bis zu dem Punkt, den ich als erstes nenne werde, unterschied sich mein Leben wahrscheinlich nicht von CIS.

Das Erkennen

Irgendwann in meinem Leben (bei mir schon in frühester Kindheit) erkannte ich, dass ich anders bin, als die anderen Jungs und Mädchen. Ich fühlte mich als Mädchen, aber mir wurde erklärt, dass ich ein Junge wäre. Ich spürte, dass die Erklärungen aus meinem Umfeld nicht richtig waren, aber ich war lange nicht in der Lage zu reagieren.

Das Verstecken

Bei kleinen Kindern tolerieren viele Eltern noch, dass mit Geschlechterrollen gespielt wird, aber irgendwann begann der Druck von außen so deutlich zu werden, dass ich lernte mich zu verstecken. Ich spielte die Rolle des Mannes. Denn Männer in Frauenkleidern waren entweder Lachnummern oder pervers.

Point of no Return

An einem Punkt in meinem Leben ging es nicht mehr. Ich wusste was ich war und der Druck von innen war so groß, dass nichts, was die Gesellschaft mir entgegen hielt, dagegen standhalten konnte. Ich erkannte, dass ich etwas ändern musste und es begann mit einem Gespräch. Was man heute Coming Out nennt passierte in meinem Leben einige Male mit unterschiedlicher Intensität. Am Point of no Return war es ein wenig anders, denn es war der Punkt, an dem ich mich auch nach außen verändern musst.

Das Experimentieren

Nach dem großen Coming Out folgte eine Phase des Experimentierens. Da bis zu diesem Tag alles verboten war, musste ich herausfinden, was ich wirklich bin. Meine persönliche Angst war, dass es ein sexueller Fetisch wäre – nicht weil mich das aus der Bahn geworfen hätte, aber ich glaube meine Beziehung hätte das nicht überlebt. Als ich wusste, dass ich nicht Crossdresser war hatte ich endlich ein Wort für mich.

Das Finden-Suchen

In den folgenden Jahren lernte ich Kleidung zu finden, die meine Figur feminin wirken lässt. Lernte die Grenzen der Modeindustrie kennen (die Ärmellänge und -durchmesser erlauben manchmal nur kleine Bewegungen) und trug Farben, die ich heute nicht einmal in meinen Schrank legen würde. Ich trug Make-Up zu dick auf und die Absätze, die ich trug sieht man sonst nur am Straßenstrich.

Das An-die-Nase-binden-müssen

Einige Zeit war es so, dass das lange verdrängte Thema meine Gedanken eindeutig dominierte. Es war das wichtigste. Vom Aufstehen, bis zum schlafen gehen, sprach und dachte ich über nichts anderes nach. Denn: endlich durfte ich es rauslassen. Tja, gothseidank hat meine Frau mich in dieser Phase nicht raus geworfen.

Die Ankunft

Und dann kommt plötzlich eine Phase, wo es einfach Alltag wird, Frau zu sein. Wenn ich gefragt werde, oder hier im Blog, ist Transsexualität durchaus Thema, aber im Alltag spielt sie keine erhebliche Rolle mehr. Ich trage Farben und Schnitte, die meinem Alter entsprechend und nehme mich einfach als Mensch war. Absätze trage ich noch immer 😉 Meinen  neuen Name zu sagen ist nichts ungewöhnliches, aufregendes mehr. In mir kehrte eine innere Ruhe ein. Ich bin nun endlich, wer ich immer war und habe am Weg meine Masken abgelegt.

Die Wege aller Transmenschen sind sehr unterschiedlich, aber ich habe bei vielen guten FreundInnen Parallelen finden können. In dem Bereich in dem die Selbstfindung passiert, ereignet sich sehr viel im Leben der Trans* und das kann für Freundschaften und Beziehungen sehr belastend sein. Im Großteil der Fälle legt sich das. Wirklich.

Hormone und ein Buch…

In den ersten Wochen der Hormonbehandlung merkt man nichts. Wenn man, wie ich, vorher in Foren und sozialen Netzwerken mit anderen Transfrauen gesprochen hat, erwartet man sicher keine Wunder, aber ein wenig Ziehen in der Brust hatte ich schon irgendwie erhofft. Immerhin ist das Brustwachstum die sichtbarste Folge der Umstellung. Aber in den ersten Wochen passierte bei mir dahingehend nichts. Erstaunt stellte ich fest, dass sich die Form meines Hintern ein wenig ändert und es war auch spürbar, dass die Brust weicher wurde.

Nun, etwa fünf bis sechs Wochen nach Beginn der Behandlung spüre ich die Brüste. Einerseits ist die Haut, besonders um die Brustwarzen deutlich empfindlicher, aber das Wachstum ist begleitet von einem Schmerz, der einem heftigen Muskelkater sehr ähnlich ist. Ein Muskelkater, der nicht ständig spürbar ist.

Ich stecke also mitten in der Pubertät und das zeigt sich auch in der Stimmung. Zwar empfinde ich mich größtenteils als ziemlich ruhig und gelassen, aber ohne Scheiß: ich kann in 0,3 Sekunden zur Furie mutieren. Genauso schnell ebbt es wieder ab. Und eine Begleiterscheinung, die mir zusetzt: ich habe ständig Hunger und Durst. Selbst während ich trinke hab ich Durst, während ich esse, denke ich ans Essen. Eigentlich logisch: der Körper verbraucht für die Veränderungen reichlich Energie und der Stoffwechsel reagiert.

Ob es an den Hormonen liegt, dass ich mich derzeit noch mehr als sonst als unförmig betrachte, oder ob das eine Auswirkung des Herbstblues ist, kann ich nicht sagen, auf jeden Fall fühle ich mich alles andere als sexy. Dennoch habe ich eines festgestellt: ein Teil meines inneren Kampfes, den ich mein Leben lang empfand ist deutlich weniger geworden. Es ist ein wenig so, als wäre endlich der richtige Sprit im Motor und das Klappern, dass immer zu hören war, ist nun endlich weg.

Ach ja, das Buch. Ich schreibe zwar oft, aber meistens sehr kurze Texte. Dieses Jahr stieß ich auf NaNoWriMo, den National Novel Writing Month, ein inzwischen internationaler Event, bei dem Autoren von 1. – 30. November einen Roman mit mindesten 50.000 Wörtern schreiben. Als ich das las, dachte ich: Das schaffst du nie. Was mich nicht davon abhielt, trotzdem teilzunehmen. Ich schreibe seit 1. November jeden Tag an einem Buch. Es hilft mir ein wenig, mit den Stimmungsschwankungen durch Herbst und Hormone umzugehen. Außerdem schafft es eine gewisse Struktur und fordert reichlich Disziplin. Die Antriebslosigkeit, die durch das Fehlen des Testosteron deutlich zu spüren ist, überwinde ich damit, dass ich Schreiben zum täglichen Ritual gemacht habe. Inzwischen habe ich über 30.000 Wörter und sehe, dass ich tatsächlich in der Lage bin, ganze Bücher zu schreiben.