Gutachter und Therapeuten…

Spricht man mit Menschen, die von Transsexualität betroffen sind kommen die Themen Therapie und Gutachten sehr oft zur Sprache. Stellt Euch mal vor, Ihr seid kerngesund. Aber ihr wisst, dass Euer Geschlecht im Ausweis, in der Geburtsurkunde, in allen Dokumenten falsch ist. Entsprechend stimmt auch der Vorname in den meisten Fällen nicht. Das muss Euch niemand sagen, das wisst Ihr ganz von selbst. Es ist ein Fehler in den Dokumenten und ihr wollt ihn beheben lassen.

MOMENT! So einfach ist das nicht. Was Ihr fühlt ist nebensächlich. Erstmal muss jemand bestätigen, dass ihr wirklich transsexuell sein. Wer wäre dazu besser geeignet, als ein Psychiater oder Psychotherapeut. Also sucht Ihr einen Therapieplatz und hofft, dass der Therapeut sich mit dem Thema auskennt. In der Stadt geht letzteres etwas leichter – am Land ist das schon eine riesen Hürde.

Ihr habe den ersten Termin und seid aufgeregt. Der Therapeut muss schriftlich bestätigen, dass eine Diagnose vorliegt: ICD-10 F 64.0 eine Störung der Geschlechtsidentität. Um also als gesunder Mensch den Fehler in den Dokumenten beheben zu dürfen, muss man eine Psychische Störung nachweisen können. Natürlich hatten die meisten Transmenschen ein Leben vor der Therapie und die wenigsten haben das Sich-verkleiden-müssen ohne Depressionen, Ängste, andere psychische Probleme überstanden. Ratet mal, worauf die Therapeuten losgehen? In den meisten Fällen ist es nicht die Indikation der Transsexualität, sondern die „Nebenerscheinungen“, die Therapieinhalt sind. Dazu kommt der „Alltagstest“, das man in allen Bereichen seines Lebens die gefühlte Geschlechteridentität lebt.

Nach üblicherweise 3-6 Monaten (oder wie ich erleben musste nach 25 Monaten) hat man endlich das Schrieben in der Hand. Warum ist das so wichtig? Dieses Schreiben – meist nur der Satz „es liegt Transsexualität F 64.0 vor“ – ist die Grundlage für jede weitere medizinische Behandlung (z.B. Hormontherapie). Ein kleiner Jubelschrei.

Aber: noch ist in den Papieren alles gleich. Zwar kann man mit der Indikation durchaus eine neue Versicherungskarte bei der Krankenkasse bekommen (ideal persönlich hingehen) und auch eine Ergänzungsausweis kann im Alltag hilfreich sein, aber offiziell ist das noch nicht. Also: zum Gericht. Für mich lief alles ein wenig anders ab, da ich als Österreicherin einen komplett anderen Ablauf erleben durfte und darf.

Um den Personenstand und den Namen ändern zu dürfen muss man Gutachten vorlegen. Was ist also so ein Gutachten?

Ein Gutachten ist ein nach einem oder mehreren persönlichen Gesprächen ausgestelltes Schriftstück, das dem Gericht und allen Ämtern und wem auch immer bestätigt, dass Ihr transsexuell seid. Dazu muss ein Gutachter Euch also sehen und befragen. Als ich einen Gutachter suchte, wurde ich von einem gewarnt, der von den Transfrauen verlangt, im Rock zu erscheinen und den Oberkörper während des Gesprächs frei zu machen. Gutachter sind der Albtraum jedes Transmenschen: fremde Menschen haben in der Hand durch intimste Fragen und Aufgeben (wie man einen Ball fängt oder einen Pullover auszieht) zu entscheiden, welches Geschlecht man hat.

Bedenkt man, dass Gutachten für alles mögliche gemacht werden und dass sich die Kosten zum Beispiel für Verkehrstauglichkeit nach Alkohol-/Drogenkonsum etwa 100 – 500 € kosten, dann wirkt es schon sehr interessant, dass man als Transmensch durchaus 1000 – 3000 € bezahlen muss.

Mit dem rechtskräftigen Urteil kann man dann alle Ausweise neu beantragen, kann eine neue Rentenversicherungsnummer bekommen, kann Zeugnisse neu anfordern, kann mit Standesbeamten diskutieren, ob Heiratsurkunde und Geburtsurkunden der Kinder umgeschrieben werden…

Am Ende hat man neue Papiere und bescheinigt, dass man eine Geschlechtsidentitätsstörung hat und man braucht, wegen dem ganzen Stress wirklich eine Therapie.

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4 Gedanken zu “Gutachter und Therapeuten…

  1. Hallo!
    Während meiner Umschulung hatte ich mehrere Gespräche mit dem Betriebspsychologen. Als ich schließlich gestand, dass ich mich nicht als Frau fühle, kam der spontane Ausruf: „Natürlich sind Sie eine Frau! Da müssen Sie sich doch auch als Frau fühlen!“
    Es dauerte danach mehrere Jahre, bis ich den Mut fand, mich meiner Therapeutin anzuvertrauen. Diese reagierte sehr verständnisvoll und erleichtert, da sie schon lange Zeit gemerkt hatte, dass irgend etwas wie eine Mauer da ist und deshalb sogar eine leichte Form von Asperger vermutete. Die Namensänderung war dann eine Sache von wenigen Wochen: eine kurze Bescheinigung, dass ich aus therapeutischen Gründen einen neuen Namen benötige, die Suche nach einem Männernamen, der auch für Mädchen akzeptiert wird, ein kurzer Kampf, weil das Standesamt einen „geschlechtsneutralen“ Vornamen zunächst nur mit geschlechtsidentifizierenden Zweitnamen eintragen wollte (hier half der Petitionsausschuss des Bundestages) und schon hatte ich einen Namen, der meinem gefühlten Geschlecht entspricht. Das ganze für eine Verwaltungsgebühr für unter 50 EUR.
    Die Genehmigung der Brust-OP ohne vorherige Hormontherapie war dann schon deutlich schwieriger und nervenaufreibender. Mit einiger Hilfe und noch mehr Ausdauer klappte es schließlich trotz zweier ablehnender Stellungnahmen des medizinischen Dienstes. Die ca. 1 cm breite, quer über die Brust verlaufende Narbe und die fehlenden Nippel finde ich am Strand/im Schwimmbad als störend. Aber mit Narbe und ohne Brüste ist immer noch besser als umgekehrt. 🙂

    Ich kann nur allen Mut machen, den Kampf zu wagen und ihren eigenen Weg zu gehen, auch wenn das häufig erst einmal schwerer und langwieriger ist.
    Mika

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Mika,

      Deine Geschichte ist sehr dramatisch und berührend. Erstaunlich, wie viele und unterschiedliche Hindernisse wir trans* immer wieder überwinden müssen. Alles Gute für den weiteren Weg,

      Nina

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