„Konntet ihr euer Geschlecht aussuchen? Ich nicht!“

Eigentlich hatte ich gar nicht vor, am Montag Morgen zu bloggen. Aber zufällig bin ich heute in ein paar Situationen geraten, die ich mit Euch teilen will. Eigenartigerweise müssen auch Transmenschen und deren Familien essen und somit einkaufen. Wir tun das nicht in eigenen Transsupermärkten, nein, wir erlauben uns dafür ganz normal in den Markt um die Ecke zu gehen. Heute war es der mit dem großen blauen E auf gelben Grund. Das Personal ist seit Jahren an mich gewöhnt, aber die (Berufs-)schüler, die dort einkaufen, sind mit meiner Gegenwart regelmäßig überfordert.

Während ich als versuchte die Müsliriegel zu finden, die meine Kinder am liebsten essen, höre ich ein Tuscheln. Zwei Mädels glotzen mich an und kichern. Plötzlich kommt eine dritte dazu. „Schau, eine Transe,“ sagt diese zu den beiden anderen. Ich reagiere, indem ich mich hektisch umschaue und „wo? wo?“ rufe. Dann schaue ich die drei an, die in Schockstarre verfallen sind und gehe sogar auf sie zu. „Konntet ihr euer Geschlecht aussuchen? Ich nicht!“

Dieser Satz ist nicht unhöflich und scheint einen Denkprozess anzustoßen. Es ist die Frage, auf die ich aber auch wirklich gerne eine Antwort hätte, denn ich hatte tatsächlich keine Wahl. Die schweigenden Damen hinter mir lassend beendete ich meinen Einkauf nun ungestört.

Zuhause angekommen telefonierte ich mit der Hausverwaltung. Die Dame am Telefon notierte mein Anliegen und Telefonnummer und wollte den Satz beenden mit „… und sie sind Herr…“ – „Nein, Frau J. Aber das ist eine lange Geschichte. Kurz gesagt: Transsexualität. Also Frau.“

Am Telefon ist meine Stimme mein Feind. Der tiefe sonore Basston ist zwar gut verständlich, wird aber eindeutig als männlich verstanden. Natürlich könnte ich Logopädie machen und mit Stimmübungen meine Tonlage verändern, aber ich habe Angst, dass ich damit etwas verändere, das ein wesentlicher Träger meiner Emotionen und meiner Persönlichkeit ist. Meine Kinder versinken in meine Geschichten und ich habe einfach Angst, das zu verlieren – einen Teil von mir zu zerstören. Dieses Haltung hat mir bei anderen Transfrauen schon einiges an Kopfschütteln beschert.

Nun möchte ich aber ein Beispiel bringe, das mir ein Lächeln aufs Gesicht gezaubert hat. Auf Twitter habe ich folgenden Tweet gefunden:

Es kommt selten vor, dass eine nicht-trans Person (CIS) darüber nachdenkt und das öffentlich schreibt, was Transmenschen ertragen müssen. Über die Situation mit Gutachten werde ich sicher noch mal schreiben, aber das faszinierende hier: @mixkasette hat sich Gedanken gemacht, was es bedeutet und somit gezeigt, dass es Menschen gibt, die nicht trans sind und die trotzdem über unsere Probleme nachdenken. Danke!

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6 Gedanken zu “„Konntet ihr euer Geschlecht aussuchen? Ich nicht!“

  1. Liebe Nina,

    erstmal vielen Dank für deinen Blog und deine Sicht auf leider so alltägliche Ärgernisse in deinem Alltag! Danke fürs Augenöffnen! Falls es mir gestattet ist, eine Frage zu stellen: Ich bin heute an der Uni über ein Papierschild an der Toilettentür gestolpert, das die Toilette als „Sitzklo für cis-gender und trans-gender“ (und noch etwas Drittes, das mir gerade entfallen ist) auswies. Warum sich diese Beschilderung nur im abgelegensten Gang der Uni, nicht aber auf den Hauptgängen befindet, mag anheim gestellt sein. Vielleicht sehe ich das Problem einfach nicht, weil es mich wenig stört, wenn Transfrauen dieselben Örtlichkeiten benutzen wie Frauen, aber mich würde deine Meinung dazu interessieren. Erachtest du solche Beschilderung als hildreich oder vielleicht auch notwendig? (Ich würde mich über eine Antwort freuen, du musst aber natürlich nicht!)

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    1. Deine Frage ist sehr gut (könnte das dritte eventuell inter* gewesen sein?)

      In Deutschland ist es relativ unproblematisch als Transfrau auf die Damentoilette zu gehen. Relativ. In Restaurants kann durchaus sein, dass das Personal zurechtweisen will.

      Als Transfrau meide ich öffentliche Toiletten mehr als in meinem Leben davor. Es ist wirklich so, dass man nur geduldet ist.

      Ich glaube, dass viele Menschen ein sehr sexualisiertes Bild von Transmenschen haben und die Vorstellung von verschiedenen möglichen sexuellen Interaktionen mitschwingt. Ich kann nur raten, denn ich habe keine Daten, die die Ablehnung nachvollziehbar machen würde.

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  2. „Die Angst vor Unbekanntem“…. – einerseits; könnte ich mir vorstellen.
    Andererseits haben auch homosexuelle noch heute ein ähnliches Problem.
    Vielleicht liegt es an der Endung -sexuell, dass Menschen immer gleich denken, sie müssen nun um ihre Moral und ihre „Unberührtheit“ fürchten oder „sowas“ sei ansteckend ….

    Aber unterm Strich ist es, wie Du sagst:
    Deine Sexualität; deine Geschlechtlichkeit; auch deine Ehe und anderes Persönliches gehen andere einen feuchten Mist an. Nur, weil ein Mensch XYZsexuell ist, ist dessen Sexualität nicht öffentlich; nicht zu bewerten oder zu beurteilen.
    Und wenn man sich mit dem Menschen befaßt, merkt man ohnehin sehr schnell, dass auch ein Transmensch nicht mehr oder weniger spannend ist, wie vielleicht der Nachbar; Kollege oder sonstwer.
    Mensch halt. 🙂

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    1. Hallo Flohhusten,

      Dein Kommentar spricht vieles an, was mich oft beschäftigt. Ja, manchmal wünsche ich mir ein wenig Abstand nehmen zu können und andererseits könnte ich dann niemanden erreichen. Und langweilig wäre mir obendrein.

      Ich muss zugeben, dass ich schon sehr erfreut bemerkt habe, dass du dich beständig durch den Blog liest.

      Ich wünsche dir einen schönen Abend,
      Nina

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