Wie schaffst du das nur…

Ich gehe offensiv mit meiner Transsexualität um, genauso, wie ich mein nicht vollständiges Passing und meine tiefe Stimme verglichen mit vielen anderen Transmenschen, sehr locker nehme. Eben als ich meinen Sohn von der Schule holte, glotzten mich im Bus von der hintersten Bank zwei Jungs alles andere als unauffällig an. Anstatt den Blicken auszuweichen, habe ich das „Kopf rechts-links“ Spiel mitgespielt und nach ein paar mal hin und her, einfach laut und deutlich durch den Bus gerufen: „Geht es nicht unauffälliger?“ – Schockstarre im Bus. Ich lächle, sage den anderen Passagieren, dass ich nur die Kids in der letzten Reihe meine und bekomme sogar lächelnde Gesichter zu sehen. Die Jungs stiegen bei der nächsten Haltestelle aus – ich hoffe, nicht wegen mir.

Fast 40 Jahre habe ich versucht, mich zu verstecken. Ich trug mein männliches Kostüm, gab vor Mann zu sein, alles damit niemand in der Familie sich schämen musste oder sonst ein gesellschaftlicher Schaden entstünde. Für mich war es ein Albtraum. Es ist schwer zu beschreiben, wie es sich anfühlt, aber ich kann nur empfehlen: geht mal bewusst als das „andere Geschlecht“ auf die Straße.

Wenn ich den Druck beschreiben möchte, der auf mir tagtäglich lastete, dann kann ich eigentlich nur das sagen:

Jeden Tag werde ich angestarrt, belächelt, ausgelacht, oft sogar angespuckt, gerempelt, beschimpft und bespuckt, aber all das ich leichter zu ertragen, als mich als Mann verkleiden zu müssen.

Jeden Tag muss ich mich vor anderen erklären, rechtfertigen und mit werden von Fremden Leuten intimste Fragen gestellt – wildfremde fragen mich über OP und Genitalien aus. Aber all das ich leichter zu ertragen, als mich als Mann verkleiden zu müssen.

Jeden Tag habe ich Angst, dass jemand mich und meine  Familie als Provokation empfindet und dann mit Gewalt auf mich reagiert. Aber selbst diese Angst ist leichter zu ertragen, als mich als Mann verkleiden zu müssen.

Warum ich so offen über meine Erfahrungen und Gefühle schreibe ist einfach zu erklären: ich hoffe, dass ich dadurch, dass ich meine Erfahrungen weiter gebe, irgendwann ein oder ein paar Menschen es leichter haben. Sei es selbst als Trans* zu leben oder mit Transmenschen anders umzugehen.

Heute wurde ich gefragt, wie ich das schaffe und ich weiß es nicht. Ich bin eine ganz normale Frau in einem etwas nicht ganz so normalem Körper. Ich schaffe es, weil ich muss, weil ich für meine Familie da sein will und weil ich einfach keinen Bock habe, mich von kleinkarierten Menschen (für die eine richtige Frau nur in Küche und Bett was zu tun hat) nicht herum schupsen lasse. Und einer der Gründe, warum ich nicht aufgeben will: es gibt so viele Transmenschen und Angehörige, die nicht wissen wohin mit ihren Fragen und ein wenig merke ich, dass ich eine Anlaufstelle für diese Menschen bieten kann.

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6 Gedanken zu “Wie schaffst du das nur…

        1. Ich habe das nur über die Jahre gelernt. Eigentlich aus einem Schulungsvideo der Polizei: „Selbstbewusst auftreten. Nicht in die Opferrolle fallen. Körpersprache bewusst einsetzen.“ – so in etwa. Bisher fahre ich damit sehr gut.

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  1. Herzchen, du bist fabelhaft. Niemand sollte sich verstellen, nur weil es nicht in dieses „sogenannte Bild“ der Gesellschaft passt.
    „Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt.“ Mit der Herde kann man gehen, doch bekommt man auch nur Ärsche zu sehen 😉 Jeder Mensch ist ein Individuum und kann leben wie er möchte. Lass dich nicht unterkriegen. Nörgler, Dummschwätzer und Spießer sterben leider niemals aus. Selbst ich als Veganerin muss mir immer und immer wieder die gleiche Scheiße anhören und immer und immer wieder die gleichen dämlich Fragen beantworten. Ich meine, hallo, es gibt google 😀
    Toller Blog! Weiter so. :*

    Gefällt 2 Personen

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