Zwischenwesen…

Ich will ganz ehrlich sein: Der Großteil der Transgender schafft im Alltag kein 100%iges Passing. Menschen, die sehr jung die Möglichkeit zur Hormonbehandlung bekommen, haben eindeutig einen Vorteil. Transmänner haben das Glück, dass Testosteron den Knochenbau ein wenig maskuliner macht. Transfrauen über 30 haben die geringsten Chancen.

Gut, einige von uns haben Glück und ihre Gesichtszüge sind androgyner. Dieses Glück habe ich nicht. Vor etwas mehr als Zehn Jahren hatte ich in einer Therapiesitzung – damals noch in Österreich – bereits meinen Wunsch Frau zu sein, angesprochen. Als ich gefragt wurde, warum ich den Weg nicht ginge, antworte ich in etwa das:

Sehen Sie mich an. Mein Körper ist durch und durch maskulin. Meine Haare am Kopf werden lichter und am Körper hab ich Haare, wie ein Yeti. Egal was ich mache, ich wäre ein potthässliches Weib. Ich glaube es ist leichter als Mann zu leben und ganz okay auszusehen, als als eine Frau, die…

Naja, so in etwa war der Tenor meiner Aussage und tatsächlich ist das einer der Gründe gewesen, mich jahrelang zu verstecken. Ich wollte kein Freak sein. Immerhin wusste ich es bereits im Kindergarten und mit 16 habe ich mich zum ersten Mal einer Freundin anvertraut – heute nennt man das coming out. Aber den wirklichen Schritt habe ich erst vor etwa 5 Jahren gemacht: Taten folgen zu lassen.

  • Ich bin ein Zwischenwesen.
  • Ich bin eine Frau mit Penis (und in meiner Ansicht ändert auch eine GaOP daran nichts wesentliches).
  • Ich kann nur schwer meine männliches Anatomie verstecken.
  • Ich muss tief in die Trickkiste greifen, um einfach ein wenig weniger aufzufallen.
  • Ich erreiche kein Passing. Maximal, dass erkennbar ist, dass ich mich als Frau fühle.
  • Ich habe nach wie vor zu wenig Haare am Kopf, zu viele im Gesicht und am Körper.
  • Ich habe den Körperbau eines Mannes.
  • Ich bin eine Frau, aber „kein Mensch“ sieht das.

Passing nicht zu erreichen könnte zur Verzweiflung treiben, mich hingegen treibt genau das oft an. Denn dadurch sehe ich die Kleinkariertheit, die Engstirnigkeit, die Notwendigkeit für Aktivismus und – das mag jetzt etwas seltsam klingen – eine gewaltige Freiheit. Ja, Freiheit. Ich kann Schuhe mit hohen Absätzen tragen, kurze Röcke und selbstverständlich alle Farben, die ich will, denn: die Leute glotzen so oder so. Ich habe es getestet: je unauffälliger ich mich kleide, desto heftiger die Reaktionen, fast so, als erwarten die Menschen von einer Transfrau etwas schriller zu sein.

Ich bin Zwischenwesen und werde es wahrscheinlich den Rest meines Lebens sein – und ich bin frei.

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14 Gedanken zu “Zwischenwesen…

  1. „je unauffälliger ich mich kleide, desto heftiger die Reaktionen, fast so, als erwarten die Menschen von einer Transfrau etwas schriller zu sein.“
    Das glaube ich tatsächlich auch. Ich schätze, dass das daran liegt, dass viele Menschen gar nicht zwischen transidenten Frauen und Transvestitismus unterscheiden können. Sie kennen maximal Drag Queens aus dem Fernsehen und werfen dann in ihrem Kopf alles in einen Topf und in diesem Topf ist’s halt schrill und affektiert.

    „Ich bin Zwischenwesen und werde es wahrscheinlich den Rest meines Lebens sein – und ich bin frei.“ ❤ ❤ ❤ <3!

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    1. Ja, die differenzierte Wahrnehmung von jeder Form von Abweichung von den gängigen Geschlechterrollen, ist sehr limitiert. Es wird gerade bei Transfrauen wirklich Travesitie/Drag Queens/Crissdresser (mit den entsprechenden sexuellen Interpretationen) angenommen… Das verletzt mich oft.

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      1. Das verstehe ich total und es tut mir SO leid, das passiert. Es müsste so viel mehr Aufklärung geben!
        Ich hoffe sehr (und glaube auch), dass da in den nächsten Jahren einiges passiert und versuche, zumindest in meinem Umfeld dazu beizutragen, dass Leute Bescheid wissen.

        Btw: Das ist mit deiner Situation sicher nicht vergleichbar, weil mein Empfinden „nur“ gender fluid ist, aber ich kenne den Gedanken, dass eine Angleichung eh keinen Sinn hat, auch. Ich würde mit meinen 1,55m niemals als Kerl durchgehen, deswegen finde ich es für mich klüger, einen anderen Weg zu finden.

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        1. Ja, es gibt viele Hindernisse.

          Ich frage mich inzwischen oft, welchen Sinn es hat meine Genitalien zu operieren, da ich dadurch ja nicht mehr akzeptiert werde. Und Nebenwirkungen hat die Operation definitiv auch genug….

          Die Veränderungen einer Gesellschaft kann man schwer vorhersagen. Aber ich glaube, dass ich in meiner Lebensspanne an einem Tag mit Bundesligaspiel nicht gefahrlos Zug fahren können werde.

          Menschen verändern eigentlich nur dann ihr Verhalten, wenn es für sie selbst wichtig ist oder einen Vorteil bringt.

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          1. Ja…die Nebenwirkungen finde ich auch sehr gruselig.
            Ich verstehe auch nicht, wie Menschen so genitalfixiert sein können, dass sie jemanden aufgrund desssen, wie’s zwischen den Beinen aussieht, akzeptieren oder eben nicht. Das macht mich sauwütend, wenn ich nur daran denke. Ich finde, man muss sich nicht tiefergehend mit Trans-Themen befassen, um die Selbstdefinition von Menschen einfach zu akzeptieren.
            Aber dann gibt’s ja sogar Menschen, die selbst trans sind und sagen, dass nur „wirklich trans“ ist, wer sich operieren lässt oder so.

            „Aber ich glaube, dass ich in meiner Lebensspanne an einem Tag mit Bundesligaspiel nicht gefahrlos Zug fahren können werde.“
            Stimmt. Das glaube ich von mir tatsächlich auch nicht.

            „Menschen verändern eigentlich nur dann ihr Verhalten, wenn es für sie selbst wichtig ist oder einen Vorteil bringt.“
            Ich glaube ehrlich, dass sich gerade in diesem Bereich viele Menschen tatsächlich aus Unwissenheit blöd verhalten. Das fängt bei Formulierungen wie „normale Frau“ an, wenn eigentlich „cis“ gemeint ist und hört eben bei der fehlenden Differenzierung von Transsexualität bzw. Transidentität und Transvestitismus auf.
            Aber vielleicht scheint da auch nur mein idealistisches Weltbild durch, in dem Menschen generell meistens nur scheiße sind, weil sie Sachen nicht verstehen. 😀 Wahrscheinlich ist es so.

            Ich find dich jedenfalls toll!

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          2. Ich tue mir mir der begrifflichen Differenzierung sehr schwer. Zu oft grenzen Begriffe wieder aus… Ich verwende transsexuell und transgender für mich, der Begriff transident passt zwar von der Definition, aber das klingt für mich komplett ungeeignet und muss auch jedes man erklärt werden.

            Der Begriff CIS etabliert sich unter den Menschen, die mit trans*, inter*, nonbinary (wie kompliziert der Satz schon wieder wird) zu tun haben. Neulinge – besonders junge Menschen und Angehörige – haben das Vokabular nicht und ecken in Foren deshalb oft an.

            Es ist kompliziert 🙂

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          3. Ja, ist es leider wirklich. Das einzige, was hilft, ist wohl echt, immer und immer wieder in Diskussionn einzusteigen (also wenndie Energie dafür gerade da ist, natürlich nur).

            Ich finde, gerade cis Personen sollten das tun (und da schließe ich mich ein, weil ich finde, dass es auf mich persönlich bezogen falsch wäre, mich trans zu nennen).

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          4. Das ist genau das, was ich meinte: die Definitionen passen nicht und grenzen somit aus.

            Für mich sind alle Menschen einfach Menschen. Und die Begriffe verwende ich, je nachdem wofür ich sie brauche. Daher auch mal „normale Frau“ oder auch „Transe“ (z.B. wenn ich beschreibe, wie ich wahrgenommen oder behandelt werde).

            Wichtig ist vielmehr, dass wir zusammen daran arbeiten, mehr Verständnis für die Vielfalt der Menschen zu fördern.

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  2. Hallo, Nina 🙂
    Wenn ich hier also lese, dass dir Kommentare Freude machen (mir auch), versuch ichs mal:

    Ich habe angefangen bei deinem 1. Beitrag hier und lese mich komplett durch.
    Das ist ja hier in deinem Beitrag auch irgendwie Thema… Dass Menschen oft so sind, wie sie sind…. Überall mit reden wollen – aber eigentlich lieber garnicht so genau wissen wollen und ohnehin vorher bereits ein klares Bild zu haben…
    Oft suchen Menschen nicht deine Erklärung; deine Gefühle; deine Sichtweisen, wenn sie dich etwas fragen – sondern nur deine Bestätigung ihrer Vorurteile.
    Wenn Du etwas anderes sagst, als sie hören wollen, sind sie schon bei einem anderen Menschen…

    Ich häng an diesem Thema auch schon lange.
    Warum sind Menschen so; die Gesellschaft…
    Dieses „in“ oder „außerhalb“ der Gesellschaft stehen; dazu gehören – oder auch nicht….
    Alle wollen dazugehören – dennoch redet man ständig von neuen „Randgruppen“.
    Wir haben derart viele „Randgruppen“, dass ich mich schon oft gefragt hab, wer denn überhaupt noch DRINNEN ist, in unserer Gesellschaft…..
    Wo manche Menschen ja sogar zu 4,5 oder mehr dieser „Randgruppen“ gehören.

    Bestenfalls nimmt man den Menschen wie er ist – oder läßt es ganz sein.
    Mancher paßt, ein anderer nicht.
    Menschen sind wir alle.
    Egal, ob Mann, Frau, irgendeine Farbe dazwischen – oder auch Menschen wie ich oder andere.

    Ich vermute, dass sich heute sehr viele Menschen SELBST nicht mehr mögen; annehmen können; akzeptieren – oder gar lieben können mit all ihren Schätzen und auch ihren „Unzulänglichkeiten“.
    So, wie sie es nicht mehr mit sich selbst können, können sie es erst recht nicht mehr mit anderen.
    Und alles, was sie an andere nörgeln, nörgeln sie in Wahrheit gegen sich selbst – aber da wollen sie ja nicht hin sehen.

    Wenn es manchmal nicht so einsam wäre, würd ich sagen, lass sie einfach alle ihr Süppchen kochen – und Du kochst deine eigene (ich auch).
    Aber irgendwie trifft es ja doch…..
    Ich lese dich weiter 🙂
    Dir und deiner Familie einen schönen Abend.
    Floh

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  3. „… und ich bin frei.“

    Ich bin über Facebook gerade über Ihren Blog gestolpert und lese gerade alles von hinten.
    Ich bin gespannt, ob der Saunabesuch noch kommt. 😉

    Aber ich freute mich gerade so über diese letzten Worte.
    Es hat mich richtig zum Lächeln gebracht.
    Es mag wohl kaum etwas wichtiger sein.
    „… und ich bin frei“.
    Das Gefühl hat mich selbst richtig beflügelt und mich so für Sie freuen lassen. =D

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