Aber die Kinder…

Ja, ich habe Familie. Meine Frau hat mich, trotz der Überraschung, die mein Coming-Out darstellte nicht verlassen und so erlebe ich jeden Tag den Trubel, den man mit einer Horde Kinder halt so hat. Morgens werde ich geweckt, um die kleinsten zum Kindergarten und zur Schule zu bringen. Ich begleite sie jeden Tag, so wie ein Papa das macht.

Ja, ich bin Papa. Meine Kinder sagen mal Papa, mal Nina – und das ist gut so. Nein, ich will keinen künstlichen Transmutterbegriff, aber das ist eine persönliche Entscheidung, die Transeltern einfach für sich selbst treffen dürfen.

In der Schule bin ich Elternvertretung, wie auch im Kindergarten. Diese Aufgabe mache ich nicht, weil ich trans bin, sondern weil es mir als Elternteil wichtig ist. Entsprechend kennen mich eigentlich alle Eltern.

Ich bin nicht naiv, ich weiß, dass hinter meinem Rücken auch viele Fragen gestellt werden. Manchmal werde ich auch ganz direkt gefragt: „Denkst du eigentlich auch an deine Kinder?“ – ja, allen Ernstes: diese Frage wird mir gestellt, immer wieder. Ich vermute, dass die eigentliche Intention eher ein „glaubst du, die Kinder leiden unter deiner Transition“ ist, aber: diese Frage hat noch niemand gestellt. Dennoch versuche ich das mal zu beantworten:

  • Ja, ich denke an meine Kinder. Jeden Tag, vom ersten Moment am Morgen, bis abends Ruhe einkehrt.
  • Ja, ich habe darüber nachgedacht, ob meine Kinder leiden müssen, wenn ich den Weg gehe.
  • Ich kam zu dem Punkt, dass ich eine Entscheidung treffen musste:
    • lebe ich meinen Kindern vor, ihr Innerstes zu verleugnen und daran zugrunde zu gehen
    • oder bringe ich meinen Kindern bei, wie sich ihre Träume leben können?
  • Von Anfang an war meine Familie in meine Transition einbezogen. Wir haben unseren Kindern beigebracht, auch ihre Meinung zu äußern, sei es zu Outfit oder zu Gedanken, die sie haben
  • Wir haben mit den Kindern immer offen gesprochen und beantworten alle Fragen altersgemäß und ehrlich
  • Wir haben Erzieher und Lehrer und andere Eltern immer eingeladen, Fragen zu stellen und auch da: ehrliche Antworten.

Und nun zu meiner Frage: Wieso müssen meine Kinder denn eigentlich „leiden“?

  • Weil „wie ein Mädchen“ sein in noch immer eine Beleidigung ist.
  • Weil ich als Transfrau öffentlich mit Spott ertragen muss.
  • Weil „Schwuchtel“ und „Transe“ noch immer tagtäglich verwendet werden.
  • Weil sich Menschen, die es nichts angeht, Gedanken über meine Kleidung und sogar Genitalien machen.

Liebe Gesellschaft: wenn ihr mich fragt, ob ich an meine Kinder denke, weil sie unter meiner Transition leiden könnten, dann fragt Euch mal, was ihr machen könnt, damit die Kinder nicht leiden müssen. Nicht nur meine Kinder. Alle Kinder.

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4 Gedanken zu “Aber die Kinder…

  1. Genauso und nicht anders

    Kinder, wenn sie nicht zu sehr beeinflusst werden würden, sind sehr tolerant.

    Vielleicht schauen sie neugierig. Erwachsene gaffen ja lieber. Ich schaue auch hin, bin aber immer sehr neugierig und will niemanden mit Blicken verletzen.

    Es ist halt nichts alltägliches, aber es ist normal. Die Menschen, die im falschen Körper geboren wurden (so drücke ich es mal aus), sind doch nicht unnormal. Aber es ist auch normal, wenn nicht alle Menschen es verstehen und nachvollziehen können.
    Es ist nur wichtig respektvoll mit einander umzugehen. Respekt, Toleranz und Empathie und der Glaube an sich selbst sind Werte, die ich meiner Tochter besonders ans Herz legen werde.

    Meine Tochter ist erst zwei, aber ich bin sicher, wenn sie Sie sehen und ich sie fragen würde, „ist Nina eine Frau oder ein Mann?“ ihre Antwort wäre „eine Frau“.

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  2. Nach meinem Gefühl denken die Menschen, die solche Fragen stellen, am wenigsten an Kinder 😀
    Die meisten Kinder nehmen Dinge, wenn man sie ihnen sachlich erklärt, völlig wertefrei auf und auch hin.
    Und dieses Argument „Die Kinder müssen sich in der Schule bestimmt was anhören“ ist für mich auch keines, denn wenn Kinder andere Kinder ärgern wollen, finden sie einen Grund. Sei das die Arbeitslosigkeit eines Elternteils, dass man Kind eines/r Alleinerziehenden ist, notfalls aber auch Kleidung, Aussehen, sonstwas. Da sollten sich eher die Eltern dieser Kinder an die Nase fassen und fragen, wieso ihre Kinder andere Kinder ärgern…

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