Bis zum Spiegel ist alles gut…

Guten Morgen, Gesicht. Ich weiß, dass du da bist, ich konnte am Kissen die Bartstoppel spüren. Kannst du mir den Kaffee noch gönnen, bevor du mir den täglichen Schreck einjägst?

Ich sitze bei einer Schüssel frosted Cornflakes und einer Tasse Kaffee. Ein wenig am Handy durch die sozialen Netzwerke bummeln, hier und da einen Kommentar hinterlassen. Ein kurzer Blick auf die Uhr: noch drei Minuten. „Wenn du dich beeilst, hast du locker noch fünf,“ versucht eine Stimme im Kopf zu sagen.

Der folgende Weg ist der schwerste Schritt am Morgen, denn anders als jede mit weiblichen Chromosomen geborene Frau, werde ich ungeschminkt nicht als Frau erkannt. Unrasiert schon gar nicht. Mit viel Glück und makeup falle ich dem Großteil der Passanten nicht auf. Das erspart doofe Blicke, Spott und Hohn.

Also stehe ich auf, gehe zum Waschbecken. Mein Ritual steht inzwischen: Utensilien herrichten, Kleidung zurecht legen, das Haarteil vorbereiten, dann ganz tief durchatmen.

Mit geschlossenen Augen stehe ich da, bis der Atemzug verbraucht ist und öffne dann die Augen. Er ist wieder da. Dieser Mann, der mich immer aus dem Spiegel ansieht. Sein Blick im wirkt erschöpft, ein wenig traurig. Er wirkt deplatziert. Das wundert mich auch nicht. Immerhin ist er nicht nur mein Feindbild, er ist mein engster Vertrauter, er war immer da, wenn ich erwachte, die Frau, die in ihm gefangen lebt.

Jeden Morgen rasiere ich die empfindliche Haut, rede mir Mut zu, versuche zu beobachten, wie er unter jeder Schicht makeup ein wenig mehr verschwindet. Langsam und nicht immer gleich gut, zeichnen sich meine Gesichtszüge statt seiner ab.

Danach muss ich die Haare richten. Das Haarteil, das inzwischen schon Spuren des täglichen Tragens zeigt, verdeckt die handflächengroße, größtenteils kahle Stelle am Kopf. Dazu ein Stirnband. Frisurtechnisch habe ich trotz langer Haare kaum Spielraum für Experimente.

Mit Glück sieht mich jetzt eine Frau an. Mit Glück vergesse ich den Mann dahinter. Mut Glück kann ich das Haus verlassen ohne gleich „ey, sieh dir den an…,“ zu hören. Mit Glück schaffe ich meine Wege ohne mich ständig erklären zu müssen.

Mit Glück weine ich nicht stumm, wenn ich abends mein Gesicht in Abschminktüchern verschwinden sehe.

Mit Glück habe ich am nächsten Tag wieder die Kraft mich dem Spiegel, dem Alltag, dem Anderssein zu stellen.

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Ein Gedanke zu “Bis zum Spiegel ist alles gut…

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