Monat: September 2015

Darf ich Dich was persönliches…

Erstaunlich, wie oft ich angesprochen werde, weil jemand jemanden kennt, der/die auch das durchmachen (!), was ich erlebt habe oder erlebe.

Meistens sind es Bekannte, manchmal Angehörige, deren Schicksal mir zugetragen wird. Ich höre zu, hoffe, dass die Person weiß welche Intimitäten mir preisgegeben werden und versuche sachlich zu sprechen. Ich, die Transfrau, als Sache.

Es ist Provinz. Hier gibt es zwar eine Selbsthilfegruppe (Stammtisch) etwa 70km entfernt, aber es gibt kaum Anlaufstellen. Immer wieder ist das Problem, dass Ärzte und Krankenkassen widersprüchliche Aussagen machen, dass Behandlungen verweigert werden oder Anforderungen gestellt werden, die absolut nicht gerechtfertigt sind.

Und immer wieder das gleiche Problem: Erwachsene Transfrauen dürfen nicht über ihren Körper bestimmen. Ärzte, Gutachter, Psychologen entscheiden, unter dem Deckmantel des Patientenschutzes, oft komplett gegen die Betroffenen. Fristen und Auflagen, die einander aushebeln verzögern die Behandlung unnötig.

Ich kann oft einfach nur zuhören und mit den Menschen sprechen. Ändern kann ich das System leider nicht.

Oder?

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Aber die Kinder…

Ja, ich habe Familie. Meine Frau hat mich, trotz der Überraschung, die mein Coming-Out darstellte nicht verlassen und so erlebe ich jeden Tag den Trubel, den man mit einer Horde Kinder halt so hat. Morgens werde ich geweckt, um die kleinsten zum Kindergarten und zur Schule zu bringen. Ich begleite sie jeden Tag, so wie ein Papa das macht.

Ja, ich bin Papa. Meine Kinder sagen mal Papa, mal Nina – und das ist gut so. Nein, ich will keinen künstlichen Transmutterbegriff, aber das ist eine persönliche Entscheidung, die Transeltern einfach für sich selbst treffen dürfen.

In der Schule bin ich Elternvertretung, wie auch im Kindergarten. Diese Aufgabe mache ich nicht, weil ich trans bin, sondern weil es mir als Elternteil wichtig ist. Entsprechend kennen mich eigentlich alle Eltern.

Ich bin nicht naiv, ich weiß, dass hinter meinem Rücken auch viele Fragen gestellt werden. Manchmal werde ich auch ganz direkt gefragt: „Denkst du eigentlich auch an deine Kinder?“ – ja, allen Ernstes: diese Frage wird mir gestellt, immer wieder. Ich vermute, dass die eigentliche Intention eher ein „glaubst du, die Kinder leiden unter deiner Transition“ ist, aber: diese Frage hat noch niemand gestellt. Dennoch versuche ich das mal zu beantworten:

  • Ja, ich denke an meine Kinder. Jeden Tag, vom ersten Moment am Morgen, bis abends Ruhe einkehrt.
  • Ja, ich habe darüber nachgedacht, ob meine Kinder leiden müssen, wenn ich den Weg gehe.
  • Ich kam zu dem Punkt, dass ich eine Entscheidung treffen musste:
    • lebe ich meinen Kindern vor, ihr Innerstes zu verleugnen und daran zugrunde zu gehen
    • oder bringe ich meinen Kindern bei, wie sich ihre Träume leben können?
  • Von Anfang an war meine Familie in meine Transition einbezogen. Wir haben unseren Kindern beigebracht, auch ihre Meinung zu äußern, sei es zu Outfit oder zu Gedanken, die sie haben
  • Wir haben mit den Kindern immer offen gesprochen und beantworten alle Fragen altersgemäß und ehrlich
  • Wir haben Erzieher und Lehrer und andere Eltern immer eingeladen, Fragen zu stellen und auch da: ehrliche Antworten.

Und nun zu meiner Frage: Wieso müssen meine Kinder denn eigentlich „leiden“?

  • Weil „wie ein Mädchen“ sein in noch immer eine Beleidigung ist.
  • Weil ich als Transfrau öffentlich mit Spott ertragen muss.
  • Weil „Schwuchtel“ und „Transe“ noch immer tagtäglich verwendet werden.
  • Weil sich Menschen, die es nichts angeht, Gedanken über meine Kleidung und sogar Genitalien machen.

Liebe Gesellschaft: wenn ihr mich fragt, ob ich an meine Kinder denke, weil sie unter meiner Transition leiden könnten, dann fragt Euch mal, was ihr machen könnt, damit die Kinder nicht leiden müssen. Nicht nur meine Kinder. Alle Kinder.

Du warst ja mal ein Mann, darf ich Dich mal fragen…

Ich höre mir die Frage an und in mir verknoten sich die Organe. Ich nicke höflich lächelnd und merke, dass ich einen Teil der Maske, die ich jahrzehntelang trug, in diesem Moment wieder trage. Eigentlich sollte ich auf den Tisch hauen und sagen: „Du hast nichts kapiert, darf ich dir ins Gesicht spucken?“ aber ich bleibe still.

Jedesmal, wenn jemand sagt, dass ich Mann war, ist es ein Kompliment, für die Rolle, die ich gespielt habe – mehr ist es nicht. Nein, ich war nie ein Mann. Vielmehr eine Frau, die heulend andere Frauen ansah und mit Neid ertrug, wenn sie ihre Freundinnen in tollen Klamotten sah. In Gesprächen über Emotionen war ich gefragt, weil ich eben kein typischer Kerl war.

Ich enttäusche nur ungern, aber ich war nie ein Mann. Ich fühle mich ja eigentlich auch nicht trans* …. Ich war immer eine Frau. Mit einem einzigen Chromosom Unterschied, einem – wie ich es emfpinde – Fehler im Bauplan, der mir einen Penis verpasste.

Fragt mich. Wirklich, ich antworte gerne, aber ich habe keine Ahnung vom Mann-sein.

Ihr Transen mit Euren Begriffen…

Was bitte? Wie bitte?

Ja, ihr mit „Transgender“, „Transsexuell“, „CIS“, „Crossdresser“ und all dem Zeugs – das ist so verwirrend.

Ganz ehrlich: ich bin eine Frau – Ich würde mich nie Transfrau nennen, wenn mein Umfeld mir erlauben würde, einfach Frau zu sein.

Und ein Wort sollten wir alle aus unserem Wortschatz streichen: Transe. Einfach weg damit.

Bis zum Spiegel ist alles gut…

Guten Morgen, Gesicht. Ich weiß, dass du da bist, ich konnte am Kissen die Bartstoppel spüren. Kannst du mir den Kaffee noch gönnen, bevor du mir den täglichen Schreck einjägst?

Ich sitze bei einer Schüssel frosted Cornflakes und einer Tasse Kaffee. Ein wenig am Handy durch die sozialen Netzwerke bummeln, hier und da einen Kommentar hinterlassen. Ein kurzer Blick auf die Uhr: noch drei Minuten. „Wenn du dich beeilst, hast du locker noch fünf,“ versucht eine Stimme im Kopf zu sagen.

Der folgende Weg ist der schwerste Schritt am Morgen, denn anders als jede mit weiblichen Chromosomen geborene Frau, werde ich ungeschminkt nicht als Frau erkannt. Unrasiert schon gar nicht. Mit viel Glück und makeup falle ich dem Großteil der Passanten nicht auf. Das erspart doofe Blicke, Spott und Hohn.

Also stehe ich auf, gehe zum Waschbecken. Mein Ritual steht inzwischen: Utensilien herrichten, Kleidung zurecht legen, das Haarteil vorbereiten, dann ganz tief durchatmen.

Mit geschlossenen Augen stehe ich da, bis der Atemzug verbraucht ist und öffne dann die Augen. Er ist wieder da. Dieser Mann, der mich immer aus dem Spiegel ansieht. Sein Blick im wirkt erschöpft, ein wenig traurig. Er wirkt deplatziert. Das wundert mich auch nicht. Immerhin ist er nicht nur mein Feindbild, er ist mein engster Vertrauter, er war immer da, wenn ich erwachte, die Frau, die in ihm gefangen lebt.

Jeden Morgen rasiere ich die empfindliche Haut, rede mir Mut zu, versuche zu beobachten, wie er unter jeder Schicht makeup ein wenig mehr verschwindet. Langsam und nicht immer gleich gut, zeichnen sich meine Gesichtszüge statt seiner ab.

Danach muss ich die Haare richten. Das Haarteil, das inzwischen schon Spuren des täglichen Tragens zeigt, verdeckt die handflächengroße, größtenteils kahle Stelle am Kopf. Dazu ein Stirnband. Frisurtechnisch habe ich trotz langer Haare kaum Spielraum für Experimente.

Mit Glück sieht mich jetzt eine Frau an. Mit Glück vergesse ich den Mann dahinter. Mut Glück kann ich das Haus verlassen ohne gleich „ey, sieh dir den an…,“ zu hören. Mit Glück schaffe ich meine Wege ohne mich ständig erklären zu müssen.

Mit Glück weine ich nicht stumm, wenn ich abends mein Gesicht in Abschminktüchern verschwinden sehe.

Mit Glück habe ich am nächsten Tag wieder die Kraft mich dem Spiegel, dem Alltag, dem Anderssein zu stellen.

Sie sind doch…

Ja, ich bin anders als der Durchschnitt. Ich wuchs in einer Kleinstadt auf und wurde, aufgrund meines Körpers als Mann betrachtet und erzogen. In meinem Inneren fühlte ich immer, dass das nicht stimmt. Ich war ein Mädchen und keiner konnte es sehen. Die Worte dafür hatte ich nicht und fand sie erst, als ich selbst Kinder hatte.

Jetzt bin ich Frau und Papa. Ja, ich lebe mit meiner Familie. Ich, die Frau mit männlichem Körper, die jeden Tag ihre Besorgungen in – einer anderen – Kleinstadt erledigt, die Kinder zu Schule und Kindergarten begleitet und am Alltag teilnimmt, wie Millionen anderer Frauen auch.

„Das ist doch heutzutage nichts besonderes mehr,“ höre ich oft. Diese Menschen lade ich gerne ein, einmal ein paar Tage an meiner Seite zu verbringen, in meinen Alltag zu schlüpfen, vielleicht sogar gemeinsam ins Schwimmbad zu gehen… Oh, sie sehen: es ist nocht immer etwas besonderes und solange das Thema Transsexualität/Transgender/Transident sein ein Thema ist, werde ich wohl auch darüber reden und schreiben.

Ja, ich bin Nina. Willkommen in meiner Welt.