Ich bin mehr geworden… 

Ich bin keine zierliche Prinzessin. Das bemerke ich vor allem, wenn ich an einem kühlen Herbstmorgen vor dem Kleiderschrank stehe und versuche Teile zum kombinieren zu finden.

Meine Figur hat sich im letzten Jahr verändert. Langsam un unmerklich. Die Waage sagt: „du bist mehr Mensch als letztes Jahr.“ Aber sichtbar ist davon kaum etwas. Die Hormone, die ich vor ziemlich genau einem Jahr zum ersten Mal nahm, schaffen Rundungen und weichere Konturen, wo einmal ein sehr männlicher Körper war. Bauch – Beine – Po, was viele Frauen als Problemzone betrachten, veränderte sich am deutlichsten. Im Sitzen sitzen Jeans nun knackiger. Glücklicherweise hat die Oberweite eine angenehme Größe und übernimmt es, die Aufmerksamkeit ein wenig nach oben zu lenken.

Für mich ist die Veränderung so fließend passiert, dass ich kaum etwas davon bemerkte. Auf einmal hatte ich Brüste, okay. Aber nun vor dem Schrank merke ich, dass einige Teile, die letztes Jahr super passten, einfach knapp sitzen. Meine weiten Pullis liegen am Oberkörper an, die Ärmel flattern nicht mehr ganz so locker. Gefühlt ist alles etwas eng.
Dann stehe ich vor dem Spiegel und bin erstaunt. Mein Gefühl täuscht. Der Pulli sitzt und betont, was er betonen soll… Was sich geändert hat ist im wesentlichen, wie die Kleidung sitzt. Ich bin gar nicht so viel „mehr“ geworden, dafür aber deutlich mehr Frau. 

Der stumme Kampf…

Azs jeder Pore sprießt ein Haar. Selbst an den Rückseiten der Finger. Meine inzwischen deutlich runden Brüste sind bedeckt mit einem borstigen Flaum. Wäre alles kein Problem, einfach rasieren und gut ist es.

„Nein, das wirst du nicht“, ruft meine Haut lautstark. Derzeit beginnt mein eigenes Immunsystem wieder einen Kampf gegen das größte Sinnesorgan. Meine „zu Neurodermitis neigende Haut“ schmerzt fast ununterbrochen. Bei der kleinsten Irritation reagiert sie mit Rötung und dann… Dann übernehmen die Schmerzen.

Statt weicher Haut, hab ich Borsten. Mein Gehirn kennt meinen Körper und ich arbeite gerade jetzt in diesem Augenblick daran, mich nicht für diese Haut zu hassen. Ich fühle mich gerade nicht weiblich, empfinde mich nicht als attraktiv und schon gar nicht als verführerisch oder sexy. Im Moment nehme ich mich mit Abscheu wahr.

Dieses Gefühl kenne ich. Auch wenn ich mal glatt rasiert bin, einen Tag später spüre ich am ganzen Körper Stacheln. Jeder Zentimeter Haut reibt dann  an der Kleidung.  Ich spüre es lange bevor es sichtbar wird.

Ja, mein Problem ist eine Kleinigkeit verglichen mit ernsthaften Erkrankungen und anderen Problemen in der Welt. Da ich aber in dieser Haut stecke und nichts daran ändern kann (im Moment nicht einmal für die Optik) ist es das Thema, das mich ständig beschäftigt.

Ich sage meist nichts. Es würde nichts ändern. Aber ich will aus dieser Haut heraus. Ich will die Schmerzen nicht und die Haare nicht. Meine Gedanken richten sich gegen mich. Obwohl es keinen wirklichen Grund gibt, habe ich den Wunsch, nicht mehr zu existieren… Und nein, ich werde keine Dummheit machen. Ich kenne mich. Kenne meine stummen Kämpfe. Weiß, dass es bald besser wird… Bald… Irgendwann… Wenn ein Tag kommt, an dem ich meine Haut nicht jeden Augenblick spüre. Hoffentlich bald wieder. 

Beim Kinderpsychologen… 

Heute ein Gespräch mit der Kinderpsychologin. Unser Großer hat in der Schule einige Probleme und darum sind wir nun nach zweieinhalb Jahren wieder hier gelandet. Erstaunlich, was sich in dieser relativ kurzen Zeit geändert hat..

Ich war recht nervös vor dem Termin. Beim letzten Mal als ich dort war, war ich nach außen noch deutlich… Mann. Irgendwie fürchtete ich, dass meine Transition von ihr thematisiert werden könnte und die eigentliche Problematik daher untergehen könnte.

Das Gespräch lief sehr positiv ab. Ja, meine Veränderung war Thema, aber ich habe nicht den Eindruck, dass darin Ursachen für die aktuellen Schwierigkeiten gesucht wurden.

Langsam verändert sich die Art, wie mein Umfeld mich wahrnimmt in einer Form, dass ich sagen kann: (Ich muss zwar anfangs ein wenig erklären, aber) ich werde nicht anders behandelt, als jede andere Frau auch – abgesehen davon, dass Menschen nach einer Formulierung für „die Vater“ suchen.

(Aus sich) raus gehen…

Mit manchen Menschen entwickeln sich Gespräche sehr schnell von einem Punkt zu einem anderen. Gestern, in einem Chat, ergab sich ein Thema, das ich unbedingt hier mal ansprechen will: Den Weg in und durch die Öffentlichkeit.

Für trans* ist es oft ein großes Thema, sich ihrem wahren Geschlecht entsprechend zu kleiden und das erste Mal ist oft eines der tiefsten Erlebnisse. Es geht mir aber heute nicht um dieses einmalige Erlebnis, sondern ein wenig um das, was ich im Lauf der Jahre an Veränderung in meinem Umgang mit dem Hinausgehen in die Öffentlichkeit an Erfahrungen machen durfte.

Und: da ich weiß, dass viele meiner Leser*innen selbst nicht trans* sind, möchte ich ein wenig der Gefühlswelt vermitteln. Ich bin mir durchaus bewusst, dass ich wohl kaum vermitteln kann, wie es ist, endlich so sein zu dürfen, wie man im Innersten ist un das nach außen zu tragen, aber: ich versuche es einmal.

Als ich die ersten Schritte – die zugegebenermaßen sehr zögerlich waren – wagte, ahnte ich nicht, was mich erwarten würde. Entsprechend war ich nicht nur aufgeregt, sondern extrem aufmerksam. Als ich durch die Straßen ging, beobachtet ich jeden Passanten, jeden Blick, jede Geste…. Ich versuchte in allem zu erkenne, ob und wie ich wahrgenommen wurde. Jedes Lächeln, jedes Kopfschütteln bezog ich ein wenig auf mich.

Stellt Euch vor, ihr seit zu einer Party eingeladen. Im Juni. Es ist eine Mottoparty und ihr habt das perferkte Kostüm gefunden: eine Teddyprinzessin und es ist Anfang Mai. Ihr habt genug Zeit euch vorzubereiten. Ihr bastelt am Kleid, perfektioniert das Make-Up und vor dem Spiegel übt ihr Grimassen. Gut vorbereitet überlegt iohr, wie die Menschen, die ihr in der U-Bahn trefft, reagieren könnten und dann kommt der Tag, an dem die Party ist. Ihr geht als Teddyprinzessin vor die Tür… Ihr steht in der Haltestelle, die U-Bahn fährt ein, bisher hat kein Mensch reagiert und als ihr in die Bahn steigt, schreit ein Kind. Die Mutter schaut euch böse an… – So und jetzt sagt mir, dass ihr diesen Blick nicht auf euer Erscheinungsbild bezieht.

Auch, wenn ich keine Teddybärin in rosa Tüll war, meine ersten Schritte unter Menschen waren gleichermaßen voll Erwartung und Angst. Und ganz ehrlich, die ersten Jahre in der Öffentlichkeit waren geprägt davon, dass ich die Menschen, die an mir vorbei gingen, genau im Auge behielt. Natürlich trafen mich viele Blicke. Himmel, ich lebe in einer kleinen Stadt und da ist eine Transfrau schon eine kleine Sehenswürdigkeit. Natürlich schauen die Menschen mich an. Den Fehler, den ich anfangs oft machte: ich versuchte heraus zu finden, was die Menschen dabei dachten.

Inzwischen bin ich abgestumpfter. Ich habe mich einerseits an die Blicke gewöhnt und, was viel wesentlicher ist, ich habe aufgehört, über die alltäglichen Blicke nachzudenken. Es gibt immer wieder Menschen, die heftiger reagieren, die kichern, mit dem Finger zeigen oder mich beleidigen… diese Menschen bemerke ich nach wie vor, aber nur, weil sie heraus stechen. Und durch meine veränderte Betrachtung bin ich selbstsicherer, was auf fast magische Art dazu führt, dass mein Passing besser ist.

Die ersten Schritte sind immer schwer und voll von Unsicherheit, aber ich kann aus Erfahrung sagen: es wird besser. Es wird nicht von einen Tag auf den anderen besser, die Veränderung passiert fließend. Lediglich die Erkenntnis, dass es besser wird, kommt plötzlich.

Logopädie – die Arbeit an der Stimme…

Seit ein paar Wochen gehe ich regelmäßig zur Logopädie. Ich hatte nie Wunder erwartet und ehrlich gesagt ist meine Stimme immer etwas gewesen, das mir an mir gefiel. Ich mag meine Stimme, ihren Charakter,… Aber in vielen Situationen macht sie mir das Leben schwer. Also gehe ich jede Woche einmal zur Logopädie. Dort „töne“ ich. Ich singe maaaaaoooooaaaaa und üüüüiiiiiiiiiüüüü. Ich lerne meinen Kehlkopf zu entspannen, meine Muskulatur in Gesicht und Hals ebenso. Und langsam, ja sehr langsam lerne ich in einer höheren Tonlage meine Stimme zu finden.

Keine Mrs. Doubtfire Stimme, keine Minnie Maus, sondern meine etwas weichere Stimme. Eine Stimme, die natürlich ist und zu mir passt. Eine Stimme, die ohne Kraft und Anstrengung für die Stimmbänder entsteht.

Inzwischen merke ich, dass ich bei Telefonaten besonders in den ersten Minuten bereits anders spreche. Ja, die Tonlage ist noch immer tief, aber langsam lerne ich, eine zusätzliche Nuance meiner Stimme kennen. 

Heute ist wieder ein Termin. Ich werde dort stehen, vor dem Spiegel oder mit geschlossenen Augen Töne formen, hauptsächlich Vokale. Es braucht Zeit und Geduld. Und beides habe ich. 

Mein Kleid…

Es ist heiß. So heiß, dass ich in den Tiefen des Schranks mein Sommerkleid ausgegraben habe und jetzt echt froh bin, dieses leichte Kleidungsstück zu haben!

YEAH! Sommer + Kleid =🙂

Passing oder der Blick auf die Möpse

Morgens bin ich nicht ganz da. Mehr oder weniger steuert mein Gehirn mich, wie ein gut programmierter Autopilot zur Bushaltestelle und irgendwann, wenn der Kleinste beim Kindergarten abgegeben ist, wache ich langsam wirklich auf.

Natürlich bin ich dann schon durch die halbe Stadt gefahren und meistens stehe ich in irgendeinem Supermarkt und überlege langsam, was ich am Einkaufszettel stehen habe, der noch zuhause liegt. Ich bin also mitten unter Menschen. In den letzten Wochen merke ich, dass die Blicke weniger werden. Entweder haben sich die Leute in unserem kleinen Städtchen an mich gewöhnt oder – was ich fast glaube – mein Passing wird besser.

Das liegt sicher an den Möpsen. Meine Oberweite ist für mich sehr zufriedenstellend geworden und immer wieder merke ich, dass mir wildfremde Menschen auf die Brust schauen. Es ist ein ungewohntes Gefühl. Verglichen mit den oft ablehnenden Reaktionen ist es regelrecht ein Kompliment und doch ist es befremdlich.

Bedeutet Frau sein wirklich, Objekt zu sein? Schmückendes Beiwerk für alle Passanten? Als ich noch Mann spielte, wurde ich nie so angesehen. Ich fühlte mich nie, wie ein dekorativer Appetithappen. Aber genau das vermittelt der Blick an die Brust sehr deutlich. Ich bin definitiv keine ausgesprochen attraktive Fau – verglichen mit dem landläufigen Schönheitsideal. Ich bin Mitte 40, habe reichlich Bauch und abgesehen von meiner Schuhauswahl finde ich mich nicht besonders sexy.

Ich versuche in den Reaktionen das positive zu sehen: ich werde als Frau wahrgenommen. Tja. Das ist ein Highlight. Gut, ein paar Schritte höre ich dann: „Aldda, hast du die Transe gesehen?“ und schüttle innerlich den Kopf. vielleicht ist es gut, dass ich morgens nicht alles mitbekomme. Danke, mein Autopilot!